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Die Haut, in der ich wohne

 

Grundlegende Widersprüche

Der spanische Autorenfilmer Pedro Almodóvar verkauft seinem Arthouse-Publikum mit "Die Haut in der ich wohne" ein waschechtes pulp movie unter blendender Oberfläche.

1971 dreht der Spanier Jess Franco den Softsex-Krimi "Sie tötete in Ekstase", in dem ein Mediziner auf der Suche nach einem Heilmittel für Krebs auch vor Genexperimenten mit menschlichen Embryonen und Material tierischen Ursprungs nicht Halt macht. Von einer medizinischen Ethikkommission heftig in seine Schranken verwiesen, begeht der Mann bald Selbstmord, seine schöne Frau (Soledad Miranda) übt fortan Rache an den Wissenschaftlern, die sie für den Tod ihres Mannes verantwortlich macht.

In Pedro Almodóvars neuem Film "Die Haut in der ich lebe" gibt es mehrmals Gelegenheit, ausgerechnet an diesen vergessen geglaubten, unter Kunstverdacht nun gerade nicht stehenden Pulpfilm zu denken: Etwa wenn Antonio Banderas als Dr. Ledgard, ein Star der plastischen Chirurgieszene, vor einer ganz ähnlichen Kommission einen Vortrag über künstlich unter Einsatz von Tiergenen gezüchtete Menschenhaut hält und die Kommission ihn auf ganz ähnliche Weise attackiert. Oder wenn Teile von Ledgards Haus in einem 70er-Dekor gehalten sind, das direkt dem 70er-Overkill von Francos Film entsprungen scheint. Oder wenn Elena Anaya als Vera, eine rätselhafte Frau, die Ledgard unter mysteriösen Umständen im Keller seines Luxushauses gefangen hält, sich, endlich befreit, einen schwarzen, halb durchsichtigen Umhang umwirft, der ihr bei der Flucht durchs Treppenhaus hinterher flattert, wie das auch bei Soledad Miranda in "Sie tötete in Ekstase" zu sehen war:

Nun mögen solche Ähnlichkeiten rein zufälliger Natur sein. Trotzdem wirken sie wie Tupfer, die auf den eigentlichen Referenzraum des Films hinzudeuten scheinen: Mit "Die Haut, in der ich wohne" verkauft der einstmals als "spanischer John Waters" gehandelte, längst zum verlässlichen Arthouse-Lieferanten arrivierte Regisseur seinem Publikum ein waschechtes pulp movie mit allen spekulativen Derbheiten, versteckt allerdings unter einer wohl ausgeleuchteten Oberfläche. Das ist kein Zufall in einem Film, in dem es gerade auch um das Verhältnis zwischen innerer Essenz und äußerem Schein geht. "Niemand kann Dir Dein Innerstes nehmen, niemand kann es zerstören", heißt es in einem kitschigen Yoga-Video, das Vera in ihrem Wohlstandskerker sieht. Und auch der Film selbst entblättert seinen Kern erst nach und nach - unter vielen Schichten aus filmhistorischen Zitaten und kunstvoll eingesetzten Rückblenden, in denen "Die Haut, in der ich wohne" zusehends ins Absurde rückt, nur, um im allerletzten Satz, nach allen psychischen Verschüttungen, zur grundlegenden Selbsterkenntnis zu finden: "Ich bin..."

Das klingt rätselhafter, als es an sich ist, allerdings verbieten die Wendungen, die "Die Haut, in der ich wohne" auszeichnen, detaillierte Erläuterungen. Nur soviel: Der Plot streift die Mad-Scientist-Thematik genauso wie chirurgische Übergriffe aus einem sensationalistischen Groschenheft, er verbindet das Motiv des jugendlichen Straftäters spielend mit hitchcock'schen Vertigoismen, vernäht den Racheplot eines Rape-Revenge-Films mit absurden Sexzenen, die aus einem 70er-Pornofilm stammen könnten, ohne aber - und hier wird es eben doch nochmal sehr spannend - das in den letzten Jahren genährte Almodóvar-Publikum ästhetisch zu verschrecken: Dem Film mangelt es an allem Groben, visuelle Oberfläche und Klang sind mit fetischistisch-sinnlicher Hingabe inszeniert - schöner klang es nie, sah es nie aus, wenn sich ein Chirurg den Gummihandschuh überstreift. Man merkt fast nicht, wie einem dabei der Boden unter den Füßen entzogen wird und jeder moralische Rückzugsort verloren geht - während Almodóvar das große Melodram ganz spielend obenauf setzt.

Womöglich ist "Die Haut in der ich wohne" ganz einfach nur eine unendlich böse, versteckte schwarze Komödie darüber, wie ein Mann plötzlich doch noch für eine Frau, die er liebt, entgegen allen Widrigkeiten, interessant wird. Wenn dem so wäre: Aua, Senor Almodóvar, das saß!

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

Die Haut, in der ich wohne
Spanien 2011 - Originaltitel: La piel que habito - Regie: Pedro Almodóvar - Darsteller: Antonio Banderas, Elena Anaya, Marisa Paredes, Jan Cornet, Roberto Álamo, Blanca Suárez, Eduard Fernández, Bárbara Lennie - FSK: ab 16 - Länge: 120 min. - Start: 20.10.2011

 

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