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Haus Tugendhat

 

 

Im Prolog gerät die architektonische Ikone der Moderne ins Gespräch mit sich selbst. Während die Kamera entlang der weißen Fassade gleitet, das Gartengrundstück am Hang ins Visier nimmt und die riesigen Rundglasflächen der versenkbaren Fensterfront begutachtet, erklingen aus dem Off bewundernde und auch weniger begeisterte Stimmen. Selten provozierte ein Privathaus ein derartig kontrastreiches Bewertungskonzert, wie es die Fertigstellung der Villa Tugendhat im tschechischen Brünn tat. Das inzwischen restaurierte und öffentlich zugängliche Meisterwerk, das heute zum Weltkulturerbe gehört, geht auf das Konto des Architekten Mies van der Rohe. 1928 beauftragte ihn das wohlhabende Ehepaar Grete und Fritz Tugendhat mit dem Bau, inklusive einer Klimaanlage und eigens entworfener Möbel. Sieben Jahre lang durfte die deutsch-jüdische Familie ihr Prachtstück genießen. Dann kamen die Nazis und zwangen die Tugendhats nach einem Zwischenstopp in der Schweiz ins Exil nach Venezuela.

Der Dokumentarfilm von Dieter Reifarth erzählt die Geschichte des Hauses in einem grandiosen Bogen nach, untermalt mit wunderbar modernistischer Musik, die den Aufbruchsgeist der Weimarer Republik unterstreicht. Die noch lebenden Kinder berichten mit analytischen Scharfsinn von den Überlebensstrategien fern der gewohnten Umgebung, ihrer kuriose Blüten tragenden Vielsprachigkeit, der mit Alkoholismus bezahlten Überanpassung eines Bruders, oder den vergeblichen Versuchen der Eltern, nach der Rückkehr in die Schweiz ihren Besitz zurückzubekommen. Eine neue Heimat bot ihnen erst ein zweites Haus, das erneut mit gewagten Symmetrien auftrumpfte und die Nachbarn gegen sich aufbrachte. Die Tugendhats blieben fremd und für immer entwurzelt an einem Ort, der ihre Andersartigkeit nicht vertrug.

Unzählige großartige Filmaufnahmen aus der Kindheit der mitteilungsfreudigen Geschwister entführen in Rückblenden in eine Zeit, in der progressive Familien wie die ihre die deutsche Kultur einem Modernisierungsschub unterzogen und vielen verpönten Avantgarde-Vertretern überhaupt erst die finanzielle Grundlage für ihre Experimente boten. Während viele ihrer nächsten Angehörigen nach Kriegsbeginn im Holocaust umkamen, feierte die Gestapo in der Villa ausschweifende Partys. Die Rote Armee eiferte ihrem Vandalismus mit einem Pferdestall nach. Die Kommunisten entfremdeten die Räume immerhin als Kur-Einrichtung für Kinder mit Rückenerkrankungen. Einige von ihnen erinnern sich immer noch zu Tränen gerührt an den positiven Schock, den die weitläufige Architektur in ihnen auslöste. Nach Jahren des Verfalls nahmen sich Politiker im Zuge des Systemwechsels des einzigen repräsentativen Objekts in der Stadt an. Fernsehaufnahmen von 1993 verweisen auf hier abgehaltene Verhandlungen, die in der staatlichen Trennung zwischen Tschechen und Slowaken mündeten.

Ein tumbes Hausmeisterpaar zog ein und nahm Veränderungen vor, um die „kalten“ und „ungemütlichen“ Räume wohnlicher zu gestalten. Zwischendurch degradierten Teams einer Seifenoper das Interieur zur mondänen Kulisse eines Mafia-Bosses. Ein Drama unseliger Vermarktung, das nicht mit grotesken Kapriolen geizt, zumal zeitgleich die noch lebenden Erben bis in die Generation der Enkel ihre Ansprüche aufrecht erhielten und mit juristischen Spitzfindigkeiten hingehalten wurden.

Ein einziges Mal droht eine der Schwestern die Fassung zu verlieren, als sie über den Anwalt spricht, der den Fall zuerst mit vorgeheuchelter Empörung vor der Stadt vertrat, um nach der Entscheidung der Nachkommen, einen Verzicht vorzuziehen, seine Auftraggeber auf ausgebliebene Honorare zu verklagen. Bis auf die Restauratoren erscheint keiner der vermeintlich am historischen Wert des Jahrhundertbauwerks interessierten Einheimischen im guten Licht. Schamlos ergötzt man sich vor der Kamera an der unverdient eingeheimsten Attraktion und ignoriert das Schicksal der vertriebenen Erbauer. Umso genugtuender stimmen die neuesten Aufnahmen von der Wiederbelebung des Mythos im Sommer 2012. Zufrieden schreiten die ergrauten Schwestern durch ihr einstiges Zuhause, in sichtbarer Anerkennung der Mühen, die einstige Aura so authentisch wie möglich einzufangen. Eine bewegende Rückkehr, die lange nachhallt.

Alexandra Wach

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmDienst 11/2013

 

 

Haus Tugendhat

Deutschland 2013 - 116 Minuten - Start(D): 30.05.2013 - FSK: ohne Altersbeschränkung - Regie: Dieter Reifarth - Drehbuch: Dieter Reifarth - Produktion: Dieter Reifarth - Kamera: Rainer Komers, Kurt Weber - Schnitt: Dieter Reifarth - Mitwirkende: Miroslav Ambroz, Dieter Bartetzko, Iveta Cerná, Eva Dvoráková, Bedriska Felixová, Josef Guggenheim, Michael Guggenheim, Ruth Guggenheim-Tugendhat, Ivo Hammer, Lukas Hammer, Daniela Hammer-Tugendhat, Andreas Haus, Viktor Hájek, Zdena Ivancová, Irene Kalkofen - Verleih: Pandora Film Verleih

 

 

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