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Die Kunst zu lieben

 

 

Detailintensitäten

Bertrand Bonello entwirft in "Haus der Sünde" ein Luxusbordell als samtene Hölle auf Erden.

Zwei Schnitte mit einem Rasiermesser durch Wangenfleisch: Madeleine war vorher die "Jüdin", hinterher wird sie, nach den Narben, die sich von ihren Mundwinkeln in Richtung der Ohren fortsetzen, die "Lachende" genannt. Ein Freier hatte Madeleine gebeten, sie ans Bett fesseln zu dürfen, sie hatte eingewilligt, hatte dem Freier damit auch noch das letzte gegeben, was sie ihm vorher vorenthalten hatte: ihr Vertrauen. Der Film umkreist diesen einen Gewaltakt, der metonymisch steht für die strukturelle Gewalt von Prostitution, eine Gewalt, die kein Vertrauen zulässt, er nähert sich diesen Schnitten durch die Wange mehrmals an, weicht immer wieder vor ihnen zurück, verdrängt sie, nur um sie als Verdrängte um so unnachgiebiger wiederkehren zu lassen.

Bertrand Bonellos "Haus der Sünde" ist ein Film über ein Luxusbordell an der Schwelle zum 20. Jahrhundert: Der erste Teil des Films spielt im Jahr 1899, der zweite im Jahr 1900. Eine Welt, in der die Frauen nur Vornamen haben und höchstens noch kurze, beschreibende Attributsnamen: Die "Araberin", die "Neue". Oder eben die "Jüdin", die "Lachende". "Wenn ich hier raus bin, werde ich nie wieder mit einem Mann schlafen", sagt eine der Prostituierten einmal. Aber einen Weg hinaus gibt es nicht; anstatt ihre Schulden mit Sexarbeit zu bezahlen, häufen die Frauen weitere an. Eine Welt, in der die Frauen nur Prostituierte sind (anstatt, das wären die Alternativen: Wäscherinnen, Bäckerinnen, Haushälterinnen; auch das hieße hart arbeiten, ausgebeutet werden, Schulden machen) und die Männer nur Freier. Und eigentlich spielen die Männer gar keine Rolle, in die Welt des Bordells driften sie hinein und heraus wie Unbeteiligte, kaum einmal werden sie einzeln von der Kamera fokussiert, schon gar nicht nach ihrer Motivation befragt, sie werden wie Umwelt genommen, denn immer dann, wenn die Frauen sie wie Menschen, wie ihresgleichen, nehmen, wird es gefährlich. Eine Welt, in der Nacktheit (und in "Haus der Sünde" wimmelt es von nackten Frauen) das Gegenteil von Freiheit ist, eine Welt, in der Schönheit (und "Haus der Sünde" ist ein ausgesprochen schöner Film) nichts ist als eine Ware.

Der Film bleibt fast komplett in den Räumen des von Kerzenlicht illuminierten Bordells, die Welt verschwindet hinter milchigen Fensterscheiben. Wenn die Belegschaft dann doch einmal, ziemlich genau nach der Hälfte der Laufzeit, einen Ausflug unternimmt, an einen Badesee, macht dieser eine Flash von Grün und Blau und Freiheit alles nur noch schlimmer. In manchem, auch in diesem Verhältnis von einem erdrückenden Innen zu einem entwirklichten Außen, erinnert der Film an eines der großen Außenseiterwerke der deutschen Filmgeschichte: "Utopia" von Sohrab Shahid Saless (BRD 1983), eine Höllenvision aus dem Inneren eines Westberliner Bordells der achtziger Jahre, ein Film, in dem irgendwann schon harmlose Geräusche wie das Klingeln der Freier an der Haustür bodenlosen Schrecken verbreiten. Ein Film wie ein Riss durch den Alltag. Benedikt Erenz schrieb damals in der Zeit über "Utopia": "Es ist unmöglich, anschließend noch ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen und drüber zu reden."

Auch "Haus der Sünde" zeigt Prostitution als Hölle auf Erden; das Bier hinterher wird einem trotzdem noch schmecken. Bonellos Hölle ist eine samtene, dekadente. Strukturiert wird sie nicht vom Formterror des Gegenwärtigen, sondern von den geschmeidigen Erinnerungsbildern einer perversen Nostalgie. Bonello erzählt nicht linear, er kombiniert kleine, anekdotenhafte Erzählungen, meist ohne klaren Anfang und Ende und er sammelt Detailintensitäten, die sich gar nicht mehr an einzelne Personen heften: das herabfallende Blütenblatt einer Rose, eine Hand, die sich beim Sex an den Bettpfosten klammert. Die Kamera schwebt sanft durch die Räume, mehrmals teilt sich das Bild in elegante Splitscreen-Kompositionen, die nicht auf Gleichzeitigkeit, sondern auf Gleichwertigkeit abzielen. Einen hypnotischen Sog entwickeln diese immer neu und doch immer wieder ähnlich gestaffelten, von einem eklektischen Soundtrack unterlegten Kaskaden aus mal rosig-natürlicher, mal blass gepuderter nackter Haut, süßlich-melancholischer Gefühlsschwere und morscher, insektenbefallener Kitschdeko, einen Sog, der einen mitreißt, in den man sich auch einmal wie ziellos dahintreiben lassen kann, der einen dann aber doch immer wieder mit den Schnitten durch die Wangen Madeleines konfrontiert und damit auch gewissermaßen mit dem Preis des eigenen Genießens.

Auch die Welt draußen, die Welt, die man nicht sieht, verändert sich. Das Bordell wird selbst Opfer der Veränderung werden, die Mieten steigen, das auf einer Verschränkung von Solidarität und Ausbeutung beruhende Geschäftsmodell des Bordells - die Chefin ist selbst eine ehemalige Prostituierte und sie behält Madeleine auch nach derer Verletzung bei sich, obwohl sie, zumindest im Normalbetrieb, unverkäuflich geworden ist - kann sich am Markt nicht halten. Ein harter Schnitt in die längst Gegenwart gewordene Zukunft beschließt den Film.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Haus der Sünde
Frankreich 2011 - Originaltitel: L'Apollonide, souvenirs de la maison close - Regie: Bertrand Bonello - Darsteller: Hafsia Herzi, Céline Sallette, Jasmine Trinca, Adèle Haenel, Alice Barnole, Iliana Zabeth, Noémie Lvovsky - Länge: 125 min. - Start: 19.4.2012 .

 

 

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