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Das Haus auf Korsika

 

 

Ein Film, dessen Handlung zu keiner Sekunde eine überraschende Wende nimmt, der seine Karten von Beginn an offen auf den Tisch legt – und der doch einen eigentümlich-atmosphärischen Sog entwickelt, gerade weil er nichts forciert, sondern ganz auf die Hauptdarstellerin setzt: die erhabene und mysteriöse Schönheit der korsischen Bergwelt. Zu Beginn befindet man sich noch in Charleroi, besser: in einem Film, wie er von den Brüdern Dardenne stammen könnte. In Charleroi, der Kamerablick lässt da keine Zweifel, ist der Hund begraben: keine Jobs, keine Kultur. Da hilft es wenig, dass gerade eine Art karnevalesker Umzug das Straßenbild belebt. Die nächste Station ist die Kanzlei eines Notars, wo eine Testamentseröffnung tatsächlich eine Überraschung birgt. Bargeld und der übrige sich in Belgien befindliche Besitz sind rasch verteilt, nur Tochter Christina, die die verstorbene Großmutter so hingebungsvoll pflegte, hat etwas Besonderes verdient: ein Haus auf Korsika, dort, wo sich Hase und Igel „Gute Nacht!“ sagen.

„Au cul de loup“ lautet denn auch der Originaltitel des Spielfilmdebüts von Pierre Duculot, was auch die nüchterne Reaktion auf diese unverhoffte Erbschaft seitens der Familie von Christina erklärt. Was mag die heruntergekommene Immobilie wohl wert sein? Allein Christina erkennt im Erbe eine verborgene Botschaft, eine Aufforderung, eine Chance – und beschließt gegen den Widerstand ihrer Familie und ihres Lebensgefährten Marco, das Haus immerhin einmal in Augenschein zu nehmen. Schließlich sei sie immer gerne auf dem Land gewesen, erklärt sie dem reservierten Marco.

Und dann verwandelt sich der Film: Er verlässt „Dardenne-Country“ und wechselt hinüber in den leichtfüßigen Modus des magischen Realismus (vielleicht eines Rudolf Thome). Für Christina wird die Reise nach Korsika zum Abenteuer, zum „River of no Return“. Tatsächlich liegt das Haus derart abgelegen in den Bergen, dass sogar Korsen darüber spotten, aber einmal in Mausoleo angekommen, schließt Christina schnell Kontakte zu den wenigen Einwohnern. Die greise Flora weiß Geschichten von Christinas Großmutter zu erzählen; der Ziegenzüchter Pascal ist ein schweigsamer, aber zuverlässiger Gesprächspartner. Ein paar Tage dauert die erste Reise nach Korsika, doch Christina hat längst einen Entschluss gefasst, der ihre Familie und Freunde daheim in Belgien schockiert: Sie wird die Chance ergreifen und ihr Leben ändern, gegen alle Zweifel, Bedenken und Risiken. Die Steine, die sich diesem ungewöhnlichen Plan in den Weg stellen, werden zwar gezeigt, aber die Natur-Erfahrungen der abgelegenen Bergwelt Korsikas, eingefangen in faszinierenden Bildern, wiegen schwerer. Beschönigt wird allerdings ebenfalls nichts: Das Leben ohne Strom und fließendes Wasser mag rustikal erscheinen, ist jedoch auch beschwerlich. Noch beschwerlicher ist das finanzielle Abenteuer, auf das sich Christina eingelassen hat, denn die Renovierung des Hauses wird Unsummen verschlingen. Aber der Kauf eines Mofas ist dagegen ein konkretes Zeichen ihrer wachsenden Unabhängigkeit.

Der Film scheint über weite Strecken tatsächlich abwägen zu wollen zwischen den Mühen und den Glückserfahrungen, die mit Christinas Aufbruch verbunden sind. Viele Fragen werden thematisiert, jedoch nicht beantwortet. Manche Nebenhandlung bleibt redundant bis hin zur Rätselhaftigkeit. Doch der Schwung, den Christinas Biografie durch ihre Entscheidung aufgenommen hat, spielt darüber hinweg. Und schließlich erwächst ihr auch noch ganz konkrete Hilfe von einer Seite, die nicht zu erwarten war. Dem Fatalismus des bloßen Funktionierens wird die Erfahrung konkreter Arbeit inmitten der Natur und ihrer Rhythmen entgegengesetzt. Nicht grundlos wird Christina nur ganz zu Anfang einmal als „Touristin“ tituliert; die touristische Seite Korsikas – das Meer und die Strände – bleiben komplett ausgespart. Schließlich nimmt Christina einen Faden ihrer Familiengeschichte wieder auf, der in Belgien gerissen schien. Selbst, wenn es mit der Sorge um den Käse im ersten Jahr nicht geklappt hat, ihr, die jetzt viel Zeit haben wird, scheint das egal. Das mag man für unvernünftig oder utopisch halten. Zeigen aber wird es der erste Winter, denn das Haus auf Korsika, der Film stellt das klar, ist eine Sommerresidenz. Allerdings auch ein Kraftquell, der zum Traum werden könnte.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film Dienst

Das Haus auf Korsika
OT: Au cul du loup
Frankreich / Belgien 2012 - 82 min.
Regie: Pierre Duculot - Drehbuch: Pierre Duculot - Produktion: Denis Delcampe - Kamera: Hichame Alaouié - Schnitt: Susana Rossberg, Virgine Messiaen - Verleih: Schwarz-Weiss - Besetzung: Christelle Cornil, François Vincentelli, Jean-Jacques Rausin, Pierre Nisse, Roberto D'Orazio, Marijke Pinoy, Cédric Eeckhout, William Dunker
Kinostart (D): 12.07.2012 

 

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