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Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2

 

 

 Anders als die andern - oder warum Harry Potter Computer nicht gebrauchen kann

Viel von dem, was man mit Harry Potter anfangen und was er einem bedeuten könnte, ist in den Büchern und Filmen bereits angelegt und ausprobiert. Da ist es nur konsequent, dass auch der Abschied von Harry Potter nicht nur immer schon am Horizont dräute, sondern ganz konkret durchgespielt worden ist. Und zwar nicht irgendwann, vielmehr gleich zu Beginn in den ersten Minuten des ersten Films, "Harry Potter und der Stein der Weisen", von 2001.

Privet Drive (deutsch: Ligusterweg), Muggel-Gegend, also unsere Welt: Behutsam legt Professor Dumbledore das Bündel mit dem Säugling auf die Fußmatte der letzten Verwandten des kleinen Harry Potter. Neben Dumbledore und seiner besorgten Kollegin Minerva McGonagall »...dass er hier bei diesen Leuten bleibt...« verdrückt der haarige Hagrid lautstark eine Träne. »Na, na«, tröstet Dumbledore, »das hier bedeutet keineswegs Lebwohl«. Dann wird noch ein Begleitbrief auf die schützende Babydecke (bestimmt Tweed) drapiert und der Blick final gesenkt. »Alles Gute, Harry Potter«.

Er ist er

Damit fängt alles an. Die Sehnsucht nach Harry ist noch vor dem Kennenlernen Programm und mit ihr auch jenes Prinzip, das die Potter-Welt wegweisend strukturiert: die Bestimmung, das Erwähltsein. Beim Anfangsabschied raunt Professorin McGonagall jene Sätze, die uns in unterschiedlichsten Varianten, Tonfällen und Absichten in jedem Film mehrmals begegnen: »Er wird einmal berühmt werden. Wohin man auch kommt in unserer Welt, jedes Kind wird seinen Namen kennen.« Dass er »eines Tages so weit ist«, wie Dumbledore ergänzt, dass er zum Retter werden wird, hebt Harry Potter aus allen hervor und verbindet ihn zugleich mit den drei anderen Mehrteilerhelden des Blockbusterkinos, die um die Jahrtausendwende ihre vorhergesehenen Missionen begannen.

Mit dem Ringträger Frodo in der "Herr der Ringe"-Saga (20012003), dem Hacker-Heiland Neo in der "Matrix"-Reihe (19992003) und Anakin Skywalker, dem zum Fallen bestimmten Ausnahme-Jedi der zweiten "Star Wars"-Trilogie (19992005), bildet Harry Potter das kindlich-maskuline Auserwähltenquartett. Sie alle sind auf ihre Art »der Eine«. Und sie verhalten sich damit auch zu dem zeitgleich stattfindenden Diskurs über den flexiblen Kapitalismus und dessen Beitrag zur Destabilisierung ehemaliger Gewissheiten. Während einerseits offen über die Folgen gestritten wird, die das Hohelied der Flexibilisierung (von permanent projektorientierten Jobwechseln und der Verschmelzung von Arbeit und Freizeit bis zu Multijobbern in mehreren Arbeitsverhältnissen) in unserer Welt bedeuten, bietet Harry Potter als das folgenreichste Auserwähltenexemplar das genaue Gegenteil.

Er war und ist nicht »der flexible Mensch« oder die »sich selbst verformende Gussform«, als die Gilles Deleuze das Individuum im Neo­liberalismus beschrieb, sondern ist immer schon ganz »er«. Erwählt, erkannt und gemeint als stabiles Subjekt. Harry Potter ist vielen vieles, und ganz sicher ist er nicht zuletzt ein romantisches Gegenmittel zur Lüge der Freiheit durch Flexibilisierung.

Mediennostalgie

Spannend angesichts unserer anhaltenden Fixierung auf Mobilität und Flexibilität, für die der Computer sowohl Vorbild als auch wichtigstes Instrument ist, scheint mir darum die Frage zu sein, was Harry Potter eigentlich mit Computern zu tun hat. Tatsächlich tauchen Computer in den Filmen, wenn ich mich recht erinnere, an keiner Stelle konkret auf. Obwohl in den Büchern an wenigen Stellen, auf die mich die neunjährige Expertin Louise hingewiesen hat, durchaus von Computern und Games die Rede ist, die natürlich Harrys verwöhntem Muggel-Vetter Dudley gehören, schaffen sie es nicht mal als Dekoration in die Filme.

Über die Gründe dieser auffälligen Abwesenheit lässt sich viel spekulieren. Dazu gehört die Aura des Vergangenen, das Altmodische der Zauberwelt, in der es von Büchern und Handgeschriebenem wimmelt. Die allgemeine Freude über die neue Leselust der Kinder im Potter-Fieber, das gute Gewissen ihrer Eltern, mit den dicken Kinderbüchern ein Kontrastprogramm zu Computerspielen zu verschenken und damit zugleich vielleicht ein wichtiges Element ihrer eigenen Kindheit, spiegelt sich in den Potter-Filmen. Tagebücher, fette Folianten und schnappende Zauberbücher unterstützen hier den mediennostalgischen Blick auf das Buch, in dem, das ist (noch) Common Sense, die Fantasie zu Hause ist.

Andererseits stören Computer in den Filmen, weil die digitale Magie, die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten des sogenannten Supermediums, in direkter Konkurrenz zum Zauberstab steht. Hier, wo das Zaubern noch Handwerk ist, das die Eleven allen voran »der Eine« erst erlernen müssen, darf keine Rechenmaschine diesen Job übernehmen. Rationalisierung verboten: Computer, die »Muggel als Ersatz für Zauberei benutzen«, funktionieren in Hogwarts nie, wie Hermine im Buch »Harry Potter und der Feuerkelch« erklärt, weil »einfach zu viel Magie in der Luft« liegt.

Computer und Gott

Der wichtigste Grund aber, warum man in den Potter-Filmen keine sichtbaren Computer gebrauchen kann, mag darin liegen, dass sie auf andere Art stets allgegenwärtig sind. Nicht nur in den unzähligen rechnergestützten Special Effects wichtiger noch sind die impliziten Annäherungen an Computerlogik und -ästhetik: Eine (in Computerspielen so beliebte) offensive Level-Struktur prägt den gesamten Zyklus sowie jeden einzelnen Film und erreicht im trimagischen Turnier des vierten Teils einen expliziten Höhepunkt.

Das im Computer so wichtige Prinzip der Variabilität, der Umkehrbarkeit aller Anwendungen, ist immer wieder ein zentraler Filmzaubertrick ob nun Verletzungen rückgängig gemacht oder verwüstete Orte wieder aufgeräumt werden. Die im Hype um die »digitale Revolution« gepriesene Überwindung von Zeit und Raum lebt überall in der potterschen Zauberwelt, in der augenblicklich (mit oder ohne Portschlüssel) von einem zum anderen Ort »appariert« oder dank Zeitumkehrer die eigene Vergangenheit betreten wird.

Viele weitere Eigenarten teilen die Harry-Potter-Filme mit den Angeboten beziehungsweise Idealen des Computers, die mit Virtualität und Austauschbarkeit gibt es ein digitales Original? ­ der messianischen Idee vom Auserwählten, »dem Einen«, zugleich radikal entgegenstehen. Beides, Stabilität (das Vorbestimmte, das Ewige, vielleicht das Göttliche) und Variabilität (Flüchtigkeit und virtuelle Beugung von Körper-, Zeit- und Räumlichkeit), sind hier miteinander verschlungen. Harry Potter Adieu zu sagen, heißt darum auch, sich von einem merkwürdigen Ringen im Blockbusterformat zu verabschieden, das zehn Jahre lang zwei mächtige und identitätsstiftende Versprechungen miteinander verbunden hat.

Jan Distelmeyer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd film

 

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2
Großbritannien / USA 2011 - Originaltitel: Harry Potter and the Deathly Hallows: Part II - Regie: David Yates - Darsteller: Daniel Radcliffe, Emma Watson, Rupert Grint, Helena Bonham Carter - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 130 min. - Start: 14.7.2011 (1. Woche)
 

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