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Harms


 

Sechzehn Jahre hat Harms abgesessen. Drei, weil er einem Schließer einen Scheitel gezogen hat, und dreizehn, weil er sein Wort gehalten hat, wie wir später erfahren werden. Eingefahren ist er damals wegen zweifachen Mordes und passend dazu hat er sich hinter schwedischen Gardinen einen schönen Retro-Schnauzer wachsen und sich eine Träne unters Auge und „Faith“ auf den Arm tätowieren lassen. Damit eins schon mal klar ist: Auf Harms kann man sich verlassen, der steht für seine Kumpel ein. Noch am Tag vor seiner Entlassung aus dem Knast stellt er seine Loyalität unter Beweis, als er die Misshandlung seines jungen Zellengenossen Luik im Duschraum blutig rächt.

„Draußen ist es auch nicht besser!“, gibt ihm ein Wachmann am nächsten Tag noch mit auf den Weg. Schnell hat Harms wieder Kontakt zu seinen alten Kumpels, dem Imbiss-Buden-Besitzer Onkel, dem prolligen Menges und dem rassistischen Timm. Allesamt Typen, für die eine bürgerliche Existenz höchstens eine Verschnaufpause bis zum nächsten Ding ist. Harms genießt das beste Gulasch seit langer Zeit und trifft die prostituierte Jasmin, die es ihm sogar umsonst besorgt.

Alles läuft prima für den Profi Harms, der keine Fragen mag, nicht viel spricht und keine besonderen Pläne hat. Wäre da nicht Knauer, ehemaliges Vorstandsmitglied der Bundesbank und Ex-Fremdenlegionär, der über Insiderinformationen verfügt, die die Clique gealterter Krimineller noch einmal oder wieder einmal vom Sechser im Lotto träumen lässt. Knauer hat einen Plan, der todsicher zu sein scheint: 70 bis 100 Millionen Euro sollten schon drin sein. Harms und seine Freunde machen sich an die Planung des ganz großen Dings; Luik, mittlerweile auch raus, gesellt sich als Top-Hacker zu ihnen.

Einen klassischen Gangsterfilm in der Manier eines Jean-Pierre Melville oder des harten französischen „Polar“ hatten Nikolai Müllerschön und Heiner Lauterbach im Sinn, als sie beschlossen, dass man hierzulande für einen kompromisslosen Genre-Film besser keine Fördermittel beantragt. So wurde „Harms“ eine echte „labour of love“, deren Beschränktheit und Vorhersehbarkeit zum Genre passt. Mit leichter Hand, aber zum Glück ohne Anflug von Ironie wird hier noch einmal die Geschichte vom Aufstand alter Männer erzählt, die wissen, dass sie eigentlich keine Chance haben, aber trotzdem tun, was zu tun ist.

Schnell werden Erinnerungen wach an Filme wie „Einer von uns beiden“, „Blutiger Freitag“, „Supermarkt“, „Output“ oder „Die Katze“ (mit Rudolf Waldemar Brem ist sogar ein Fassbinder-Star aus jenen Tagen an Bord, als Fassbinder noch Gangster-Filme nachstellte)  – schließlich haben Müllerschön (Drehbuch, Regie) und Klaus Merkel (Kamera) ein Gespür für heruntergekommene Nicht-Orte wie Imbissbuden im Nirgendwo, schummrige Vorstadtkneipen, billige Absteigen, labyrinthische Wohnanlagen und heruntergewohnte Mietwohnungen.

Insofern wirkt „Harms“, der Film, wie sein Titelheld: etwas aus der Zeit gefallen. Harms ist zwar ein durchaus auch kühl abwägender Profi, aber er scheint tatsächlich überrascht von den destruktiven Kräften, die in seinem liebevoll und sentimental zusammengestellten Team wirken. Da ist zudem der undurchsichtige Strippenzieher Knauer, bei dem nie klar wird, welche Rechnungen er mit wem noch zu begleichen hat, da ist der psychotische Wettke, der offenbar seinen ganz eigenen Film am Laufen hat und da ist ein undurchsichtiger junger Türke, der seine schützende Hand über Harms hält und doch das Schlimmste nicht verhindern kann. Gegen die Mischung aus Geldgier, Rachedurst und Mordlust ist die Hoffnung darauf, dass man vielleicht das Glück auch mal bei den Hörner packen muss, wenn man es zu packen bekommt, chancenlos. Zumal Harms gesagt bekommt, dass das Glück keine Hörner habe – und im Hintergrund noch eine Geschichte abläuft, mit der überhaupt nicht zu rechnen ist, weil sie gegen Harms mühsam etabliertes Image als „Harter Bursche“ gerichtet ist.

Im Grunde haben wir es hier – ein Vergleich mit dem Spätwestern Peckinpahs wird vom Film selbst suggeriert – mit einer Gruppe von Toten auf Urlaub zu tun, die gerade dann scheitern, als sie zum ersten  Mal im Begriff sind, alles richtig zu machen: Natural Born Losers. Ein Genre-Klassiker ist „Harms“ nicht geworden, aber dafür ein Film, bei dem den Schauspielern anzusehen ist, welchen Spaß es ihnen bereitet hat, mal eine etwas härtere und verbindlichere Gangart als beim üblichen „Tatort“-Einerlei einzuschlagen. „Harms“ ist ein dreckiger, kleiner, unabhängiger Film, dem es überhaupt nicht peinlich ist, dass er ziemlich schäbig müffelt.

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: film-Dienst

 

Harms
Deutschland 2013 - 98 min.
Regie: Nikolai Müllerschön - Drehbuch: Nikolai Müllerschön - Produktion: Heiner Lauterbach, Nikolai Müllerschön, Alexander Funk - Kamera: Klaus Merkel - Schnitt: Andrea Zondler - Verleih: Kinostar - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Benedikt Blaskovic, Martin Brambach, Hans-Maria Darnov, Blerim Destani, André Hennicke, Heiner Lauterbach, Helmut Lohner, Axel Prahl, Valentina Sauca, Friedrich von Thun
Kinostart (D): 12.06.2014

 

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