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Happy Hour

 

 

 

Schinkenbrot, Marmeladenbrot

Franz Müller schickt in seinem neuen kommunikativen Experimentalfilm "Happy Hour" drei Deutsche Männer in irische Kneipen.

In Irland gibt es noch jede Menge Kneipen, in denen alle Alters- und (sonstwie differenzierte) Bevölkerungsgruppen zusammenfinden, sich einigermaßen voraussetzungslos begegnen - das ewige Halbdunkel ihrer oft weit ausladenden, dank getönter Fensterscheiben phobisch jede Spur von Tageslicht bannenden Räumlichkeiten macht im Verbund mit dunklen, dickflüssigen Biersorten alle gleich. Und auch: alle zumindest ein bisschen neugierig aufeinander. Selbst Sprachdifferenzen sind unter diesen Voraussetzungen kaum unüberwindbar, ganz im Gegenteil können sie einen produktiven Widerstand bilden, der erst ein Gespräch, ein Kennenlernen, einen Flirt in Gang bringt.

Drei deutsche Männer, HC (Alexander Hörbe), Wolfgang (Thomas Licht) und Nic (Mehdi Nebbou), schickt Franz Müller in seinem neuen Film "Happy Hour" auf einen Irlandtrip. An einem ihrer ersten Abende landen sie in einer Kneipe, und kaum dass sie sich niedergelassen haben, erhalten sie Gesellschaft von drei Irinnen, die sie erst zur gemeinsamen Teilnahme am Pub Quiz und später in eine Wohnung einladen. Allerdings bleibt ausgerechnet HC, der beim Quiz alle Fragen richtig beantwortet und wegen dessen Beziehungsende die Gruppe die Reise überhaupt unternommen hatte, am Ende der Nacht alleine auf dem Sessel zurück.

Die Machtverhältnisse und zentralen Konfliktlinien der Dreiergruppe sind schnell klar. Wolfgang (der einem phänomenal schnell auf die Nerven geht) ist der selbsterklärte und vorderhand reichlich autoritäre Anführer der Gruppe; der einzige der drei außerdem, der einen Begriff von Männlichkeit hat, und zwar keinen besonders sympathischen. Im ersten Satz, der überhaupt im Film gesprochen wird, meint er zu HC: Ich hätte an Deiner Stelle meiner Frau einfach eine runtergehauen. Nic (der einem nicht ganz so schnell, irgendwann aber ziemlich gründlich auf die Nerven geht) ist das Gegenbild: ein ewiger Scherzkeks und Frauenheld, der sich durchs Leben mogelt, ohne zu bemerken, dass andere unter seinem Leichtsinn zu leiden haben. Dazwischen der rundliche, sanfte, weiche HC, der sich, während sich seine Kumpels in einem erotischen Dreieck verhaken, manchmal fast komplett aus dem Film zurückzieht, seine Aktivitäten darauf beschränkt, mal ein Schinkenbrot, mal ein Marmeladenbrot zu essen.

Wohliges Befindlichkeitskino wird daraus nie auch nur ein bisschen, verquältes Seelenstriptease zum Glück ebenfalls nicht (obwohl einmal durchaus alle Hüllen fallen). Überhaupt ist die Irlandreise der drei Männer im knapp mittleren Alter für "Happy Hour" mehr Mittel als Zweck, beziehungsweise mehr Prämisse als Plot; sie stellt einen eher lose skizzierten denn auserzählten Rahmen zur Verfügung, innerhalb dessen sich eine Reihe kommunikativer Situationen ergeben. Die werden nicht stringent, auf einen narrativen Endpunkt hin durchgearbeitet, sondern locker nebeneinander gestellt: Eifersuchtszenen, diverse Formen gekränkter Eitelkeit, überhaupt viel Streit, wenig Versöhnung, viel passive, gelegentliche aktive Aggression. Zwei Blicke, die sich hinter dem Rücken eines Dritten Treffen. Angespannte Autofahrten. Enthemmte Autofahrten. Viele Kneipenszenen. Den Kitt bilden schöne Gitarrenmusik und umwerfend grüne, manchmal regelrecht feucht-dampfende Irlandbilder.

In seinen besten Momenten - und diese besten Momente machen glücklicherweise einen Großteil des Films aus - funktioniert Franz Müllers Film selbst wie ein Abend in einer irischen Kneipe. "Happy Hour" ist ein Film, der es sich immer wieder leistet, Dinge einfach mal auszuprobieren. Improvisation ist in Müllers Filmen stets zentral; es geht dabei freilich nie um den bloßen Eindruck von Authentizität, sondern um ein neugieriges, großzügiges, fast schon experimentelles Verhältnis der Regie zu den Darstellern: Die Szenen, in denen Müller es zulässt, dass Gespräche in gefühlt minutenlange Lachanfälle ausarten, oder in denen er den Schauspielern gleich mehrmals tatsächlich minutenlang beim Singen zuhört, sind keine bloßen Abschweifungen, sondern der eigentliche Kern des Films; weil sich in ihnen ein genuin filmischer Überschuss artikuliert, der sich allen Kontrollinstanzen der Kinoapparatur entzieht.

Aus dieser Perspektive ist "Happy Hour" vielleicht nicht ganz so wagemutig wie Müllers letzter Film "Worst Case Scenario". Beim fragileren Vorgänger war der Rahmen selbst instabil geworden, die Darsteller mussten ihre Rollen immer wieder selbst neu erfinden, und neue erotische Konstellationen ergaben sich fast im Minutentakt. In (dem dabei freilich durchweg angenehm relaxten) "Happy Hour" gibt es ein deutlich engeres figurenpsychologisches Korsett, und eine vielleicht etwas zu eindimensionale Geschlechteranordnung: auf der einen Seite die deutschen Männer, auf der anderen die irischen Frauen. Beziehungsweise vor allem eine irische Frau, die blonde Kat (Susan Swanton), der es freilich mit ihrer leicht distanzierten, gelegentlich spöttischen Art wunderbar gelingt, die Routinen des Männertrios aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

 

 
Happy Hour
Deutschland, Irland 2015 - 95 Min. - FSK: ab 6 Jahre - Kinostart(D): 12.05.2016 - Regie: Franz Müller - Drehbuch: Franz Müller - Produktion: Sonja Ewers, Steve Hudson - Kamera: Bernhard Keller - Schnitt: Gesa Jäger - Musik: Cherilyn MacNeil - Darsteller: Mehdi Nebbou, Simon Licht, Alexander Hörbe, Susan Swanton, Christine Deady, Tanya Flynn, Daniela Lebang, Tom Murphy, Des Ronan, Barbara Schwarz - Verleih: RealFiction

 

 

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