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The Happiest Girl in the World

Teilwissend

 

Von einem „neuen“, einem „jungen“ rumänischen Kino“ ist in den letzten Jahren die Rede, die „New York Times“ ersann gar den blumigen Begriff einer „neuen Welle am Schwarzen Meer“. Was allemal spätestens seit dem Cannes-Sieger-Film „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ von Cristian Mungiu auffällt, ist, dass in Rumänien in den letzten Jahren interessante Filme von verschiedenen Regisseuren gemacht wurden.

 

Ob dem Kind gleich wieder einer dieser sich immer so ähnelnden Namen gegeben werden muss, ist fraglich. Unbestritten ist, dass das derzeitige rumänische Kino ein modernes Kino ist, verwandt etwa mit dem modernen iranischen Kino, dem amerikanischen (Kelly Reichardt) oder den Filmen der „Berliner Schule“, in denen sie nicht zu programmatisch aufs Erstarrte, Erfrorene, aufs stille (Welt-)Bild der Stagnation hinaus wollte, aber dennoch nah an Wirklichkeiten bleiben, wie vielleicht in den Filmen von Henner Winckler oder Ulrich Köhler.   

 

Als Versuche, mit Mitteln des Realismus die Wirklichkeit zu erfassen oder abzubilden, so könnte man die neuen rumänischen Filme beschreiben. Mittels eines narrativen Realismus, der eingedenk ist, und skeptisch angesichts seiner selektiven Eigenschaft. Es beschreibt (filmt) in diesen Filmen sozusagen ein allwissender Erzähler, der seiner Allwissenheit misstraut und sich selbst hinterfragt, weil er eben doch nicht weiß, ob die wichtigeren Bilder, Daten, Geschichten hinter der nächsten Ecke lauern.

 

Im Film „The Happiest Girl in the World“ von Radu Jude gibt es dafür ein schönes Beispiel: Delia, ein Teenager, sitzt, zurechtgemacht und geschminkt und gelangweilt in der Bildmitte, wartend am Rand eines Brunnens. Da geht ein gebückter alter Mann am Stock von links ins Bild hinein, vor ihr entlang und in dem Augenblick, als er das Bildzentrum nach rechts hin verlässt, überlegt es sich die Kamera und stellt plötzlich einen Passanten ins Zentrum des Bildes und damit ins narrative Zentrum des Films: Die Kamera lässt kurz das Mädchen Mädchen sein und folgt dem Mann einen Augenblick lang nach rechts, das Mädchen verschwindet aus dem Bildkader am linken Bildrand und dann schwenkt die Kamera, als wäre nichts gewesen, wieder zurück auf sie. Delia selbst hat den Mann nicht beachtet und er wird für ihre private Geschichte keinerlei Bedeutung haben und doch ist er für ein paar Momente von einer Randfigur zu einer Hauptfigur des Films geworden.   

 

Solche kleinen, eher unauffälligen Momente machen „The Happiest Girl in the World“ zu einem ungewöhnlichen Film leiser Irritationen, wenn er auch vordergründig eine überschaubare und klar strukturierte Handlung präsentiert. Mit großer Sorgfalt und großartigen Darstellern wird darin von einem besonderen Tag im Leben Delias erzählt. Sie hat bei einem Preisausschreiben einer Saftfirma den ersten Preis, einen flotten Kleinwagen, gewonnen. Um den Preis entgegen zu nehmen, reist sie an einem heißen Sommertag  mit ihren Eltern vom Land nach Bukarest. Doch bevor sie den Wagen ihr eigen nennen darf, muss sie für einen Werbespot jener Saftfirma posieren, vor der Kamera im Wagen sitzen, einen langen Schluck trinken und verkünden, dass sie das „glücklichste Mädchen der Welt“ sei, weil ihr die Saftfirma diesen schönen Gewinn ermöglicht habe. Delia aber muss sich sehr anstrengen, glücklich auszusehen, denn ihre Eltern erheben Anspruch auf den Geldwert des Wagens, als temporäre Rückforderung der elterlichen Investition in Delias junges Dasein, als Startkredit, genauer gesagt, für die Gründung eines kleinen ländlichen Hotelbetriebs. Mit einer traurigen Delia zieht sich der Dreh hin, und ich werde hier nichts Weiteres verraten, denn die Spannung im Film gebietet, gesteigert zu werden.

 

Anhand dieser privaten Gemengelage erstellt Regisseur Radu Jude ein unangestrengtes und unpathetisches Bild von einem aktuellen Rumänien, dessen Erblast der Ceauescu-Arä noch spürbar ist, für das aber auch die Wohltaten der freien Marktwirtschaft zunächst kaum mehr als schöne und durchschaubare  Versprechungen bleiben. Eigentlich keine der daran beteiligten Personen nimmt die Dreharbeiten und den Inhalt des doch sehr naiven und altmodischen Werbe-Filmchens in irgendeiner Weise ernst – und so kontrastiert der Film die Illusion der schönen neuen Warenwelt mit denen, die das Spiel, zum Schein und aus taktischen Gründen, mitspielen, soweit es geht.

 

„The Happiest Girl in the World“ ist ein schöner Film, der es schafft, anhand einer kleinen Geschichte komisch und ernst und ironisch und zugleich - und das ist seine größte Qualität - ein bisschen irritierend über die Situation eines ganzen Landes zu berichten.

 

Andreas Thomas

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

 

The Happiest Girl in the World

OT: Cea mai fericita fata din lume

Rumänien / Niederlande 2009 - 100 min.

Regie: Radu Jude - Drehbuch: Radu Jude, Augustina Stanciu - Produktion: Ada Solomon - Kamera: Marius Panduru - Schnitt: Catalin Cristutiu - Ton: Constantin Fleancu - Verleih: Arsenal e.V. - Besetzung: Andreea Bosneag, Doru Catanescu, Alexandru Georgescu, Diana Gheorghian, Violeta Haret, Bogdan Marhodin, Vasile Muraru, Serban Pavlu, Luminita Stoianovici, Andi Vasluianu

Kinostart (D): 02.09.2010

 

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