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Halbschatten

 

 

Bestellt und nicht abgeholt

Es ist ein Warten. Als Merle in der Cóte d'Azur-Villa des Verlegers Romuald eintrifft, wird sie von niemandem erwartet. Und die Gegend sieht auch nicht gerade spektakulär aus, grau und diesig, irgendwo werden Gartenabfälle verbrannt. Schließlich kommt, mit Verspätung, der Hausmeister vorbei, öffnet das Tor und führt durch das Architektenhaus. Erst jetzt, direkt hinterm Pool, fällt der Blick aufs Meer. Beeindruckend. Merle bekommt vom Hausmeister das Gästezimmer angewiesen, was irgendwie brüsk erscheint, und erkundet dann das Haus. Romuald lässt weiter auf sich warten. Dafür kommen die beiden pubertierenden Kinder des Verlegers, die offenbar Ferien haben und Merle wie einen unerwünschten Eindringling behandeln.

Man sieht Merle interessiert dabei zu, wie sie versucht, sich souverän zu positionieren: zum offensichtlichen Reichtum des Hauses mit seiner explizit geschmackvollen Einrichtung ("This room is very aware of itself", hatte die Freundin von Francis Halladay einmal abschätzig angemerkt. Das hätte auch hier gut gepasst.), zu den beiden Kindern, zu der ganzen prekären Situation des Sich-einrichten-Wollens im Fehl-am-Platz-sein. Selbst die Hunde hinter den Zäunen verbellen sie beim Spazierengehen, selbst der Bäcker unten am Hafen kanzelt sie rüde ab. Wenn Gäste kommen, darf sie kurz dabei sitzen, kommen die Kinder hinzu, die die Nachbarn sehr gut kennen, kann Merle unbemerkt verschwinden. Merle richtet sich trotzdem im Warten ein, geht einkaufen und schwimmen, ist den Kindern mal Kumpel, mal Ersatzmutter. Es sind Versuche, Rollenspiele. Rollenspiele auf der Basis, dass sie sich einschreiben müsste/könnte in das Leben des abwesenden Romuald, in dem sie offenbar (bis jetzt) doch keine Rolle spielt. Wie singt Bernd Begemann: "Ich bin ein Fremder in deiner Wohnung und werde es bleiben."

Der Filmemacher Nicolas Wackerbarth, zugleich einer der Herausgeber des ambitionierten Filmmagazins "Revolver", hat im Zusammenhang mit seinem Langfilmdebüt etwas provozierend davon gesprochen, sein Film sei ein "Thriller über einige ereignislose Tage". Ganz in der Manier von einigen Filmen der sogenannten "Berliner Schule", zu der, gäbe es sie denn, Wackerbarth wohl zu zählen wäre, hält er sich in Sachen Information und Plot-Konstruktion sehr zurück und setzt stattdessen auf detailgenaue Beobachtung, die nicht sofort für etwas Anderes steht, sondern erst einmal nur für sich selbst. Zum Glück kann er sich dabei auf seine Hauptdarstellerin, die Theatergröße Anne Ratte-Polle, die viel zu selten im deutschen Film ("Die Nacht singt ihre Lieder" von Romuald Karmakar) zu sehen ist, verlassen. Es ist bemerkenswert, mit welcher Präsenz die Schauspielerin ihre Rolle im Halbschatten der Geschichtsstille auszufüllen versteht. Man weiß bis zum Schluss dieser unerhört spannenden Studie des Wartens nicht, ob die Cóte d'Azur für Merle nun Endstation oder Aufbruch ist. Schließlich verschwindet sie wie ein Phantom aus einer Geschichte, die wir nur als fernes Echo wahrgenommen haben. Es ist natürlich ein Zufall, dass "Halbschatten" am gleichen Tag startet wie "Frances Ha", aber es ist ein sehr glücklicher. Merle könnte die ältere Schwester von Frances sein.

Benotung des Films: (8/10)

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in: der www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Halbschatten
Deutschland / Frankreich 2013 - 80 min.
Regie: Nicolas Wackerbarth - Drehbuch: Nicolas Wackerbarth - Produktion: Titus Kreyenberg, Antoine Simkine - Kamera: Reinhold Vorschneider - Schnitt: Janina Herhoffer - Musik: Olivier Mellano - Verleih: Farbfilm - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Lou Castel, Nathalie Richard, Leonard Proxauf, Maren Kroymann, David Fennelly, Henry Arnold, Loïc Pichon, Jean-Christophe Folly, Anne Ratte-Polle, Laurent Pons, Emma Bading
Kinostart (D): 01.08.2013

 

 

 

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