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Guilty of Romance

 

 

Zum Abschluss seiner Hass-Trilogie lässt Sion Sono einen rosaroten Farbbeutel voll Melodramatik platzen.

 

Wenn im Sommer die Sonne aufs Hirn brennt und die Filmverleiher mehrheitlich auf leicht Verdauliches setzen, ist das Klima günstig für Filme mit abseitigerem Drall. Findige Verleihe wie die deutsche Rapid Eye Movies (Schwerpunkte: Bollywood und Japan) wissen das und platzieren schrillbuntes, kultfähig gescheiteltes Kino gern in den Sommermonaten. Wenig davon ist aber so verwegen schön wie der Film, der auf diesem Weg vor drei Jahren im Topkino landete: „Love Exposure“ (2008) des Japaners Sion Sono war eine dramaturgische Wundertüte, aus der über vier Stunden Laufzeit melodramatische Verwicklungen und irrealer Cartoon-Humor, familiäre Dysfunktion, sexuelle Pathologien und ungelenke Kampfkunst kullerten.

 

Einerseits war das typisches Nischenkultprogramm. Aufs Liefern wohlfeil „extremer“ Bilder ist Sono international festgeschrieben, seit in der Eröffnungsszene seines Durchbruchsfilms „Suicide Club“ (2001) eine Gruppe uniformierter Schulmädchen Hand in Hand vor eine U-Bahn sprangen. Gerade mit dem manischen Erzählsammelsurium von „Love Exposure“ spielte er sich aber von den formalen Ticks und Posen frei, hinter denen sich viele seiner früheren Filme verschanzt hatten. Anstatt alle zehn Minuten aus dem Leim zu gehen, funktionierte die Genremixtur tatsächlich als bewegende, emotional plausible Romanze. In „Guilty of Romance“ (2011), dem Abschluss von Sonos mit „Love Exposure“ begonnener, sogenannter „Hass-Trilogie“, hat sich die Balance nun noch weiter verschoben: Der neue Film überzeugt vor allem als hartnäckige Studie seiner Hauptfiguren. Die Genrebausteine werden ihm dabei eher zu Bremsklötzen.

 

Nachdem das Mittelstück der Trilogie, die Serienmörderchronik „Cold Fish“ (2010), ungewöhnlich geradlinig dahintrieb, bedient sich „Guilty of Romance“ eines Krimirätsels, um Zeit- und Handlungsebenen aufzutürmen: In einer Baracke im Tokyoter Rotlichtbezirk Maruyama werden Leichenteile gefunden. Während Kommissarin Yoshida ermittelt, entfalten Rückblenden die sexuelle Selbstbefreiung der schüchternen Hausfrau Izumi. Selbstverständlich mündet Izumis Geschichte früher oder später in den zu Beginn gesetzten Mord ein, selbstverständlich wird bis dahin manche Parallele zwischen ihr und der Kommissarin gezogen, oder genauer: Die beiden sind die wichtigsten Orientierungspunkte in einem ganzen Geflecht weiblicher Figuren, die allesamt mit unbefriedigten Sehnsüchten hadern. Die dritte Zentralgestalt in diesem Netz ist die Literaturwissenschafts-Dozentin und Teilzeit-Prostituierte Mitsuko, die eine zunehmend dominante Rolle in Izumis Leben spielt.

 

Öfter täuscht Sono an, auf den Mord zuzusteuern, um ihn dann doch hinauszuzögern: ein ehrbarer Krimikniff, der hier aber eher den Erzählfluss hemmt. Mit 144 Minuten vergleichsweise schlank, hängt der Film in der Mitte ein wenig durch. Die eine halbe Stunde kürzere „internationale Schnittfassung“, die Kommissarin Yoshidas Handlungsstrang drastisch einstreicht, wäre da aber auch keine Lösung: Das Problem von „Guilty of Romance“ sind gerade nicht seine häufig brillanten Abschweifungen. (Ein Fünf-Minuten-Dramolett über den letzten Wunsch einer Selbstmörderin bringt etwa berührend die Obsessionen des Films auf den Punkt.) Eher geht der Film streckenweise zu behutsam mit seinen Protagonistinnen um. Den scharf umrissenen, stets ein wenig überlebensgroßen Figuren, mit denen Sono hantiert, ist mit subtiler Charakterentwicklung nicht beizukommen. Zum Leben erwachen sie vor allem, wenn sie mit antirealistischem Furor in Szene gesetzt sind: mit Neonlicht und symphonischer Musik (unter anderem Gustav Mahler), und mit poetischen Wortwechseln und literarischen Verweisen (unter anderem Franz Kafka), die zuerst prätentiös wirken und dann so lang gedreht und gewendet werden, bis sie im Erzählgebäude Sinn erhalten.

 

Zum Beispiel lässt Sono, der seine Künstlerbiographie als Dichter begonnen hat, seine Figuren mehrmals ein Gedicht von Ryuichi Tamura rezitieren: Das lyrische Ich bedauert darin, eine Sprache erlernt zu haben. Der Weg zur puren sinnlichen Anschauung der Welt wäre damit versperrt. Den Offenbarungskitsch, der da anklingt, unterläuft Sonos Inszenierung aber permanent. Die (melodramatischen, erotischen, gewalttätigen) Ekstasen, die seinen Figuren widerfahren, haben immer auch etwas Künstliches bis Schäbiges an sich: Statt mit Blut werden nackte Leiber mit rosaroter Farbe besudelt, und die erlesene Begleitmusik wird inflationär wie Fahrstuhlbeschallung rauf- und runtergespielt.

 

Wenn die Filme der Hass-Trilogie ein gemeinsames Thema haben, dann ist es eben, dass sich Text und Körper, Ordnung und Entgrenzung nicht scheiden lassen. Die abenteuerlichsten Transgressionen erwachsen in Sonos Filmen aus dem Alltag und haben auch ihre eigene Banalität: Ein argloser Jugendlicher wird, um bei der Beichte etwas erzählen zu können, zum Anführer einer Straßengang („Love Exposure“). Ein Geschäftspartner entpuppt sich als Serienmörder und – nicht weniger schlimm – aufdringlicher Macher-Typ („Cold Fish“). Am Ende von „Guilty of Romance“, während schon der Abspann läuft, widerfährt einer Hauptfigur noch eine Erleuchtung: beim Müllraustragen, selbstverständlich.

Joachim Schätz

Dieser Text ist zuerst erschienen in: falter (Wien) 29/2012

Guilty of Romance
Japan 2011 - Originaltitel: Koi no tsumi - Regie: Sion Sono - Darsteller: Megumi Kagurazaka, Miki Mizuno, Makoto Togashi, Kanji Tsuda, Ryô Iwamatsu, Cynthia Cheston - FSK: keine Jugendfreigabe - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 144 min. - Start: 19.7.2012

 

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