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Green Zone

 

 

 

Amerikanische Soldaten stürmen ein herrschaftliches Anwesen im Irak. Chief Warrant Officer Roy Miller (Matt Damon) und seine Männer hoffen, hier Massenvernichtungswaffen zu finden. Sie werden in dem Anwesen nichts finden. Miller runzelt die Stirn. Irgendwas stimmt hier nicht ...

So geht das nicht nur in dieser Szene. "Green Zone" ist nur seinem Setting nach ein Kriegsfilm, im Grunde konstruieren Regisseur Paul Greengrass ("Das Bourne Ultimatum") und Drehbuchautor Brian Helgeland ("Mystic River") einen waschechten Verschwörungs-Thriller. Allerdings einen, dessen Pointe kaum einen Zuschauer überraschen dürfte und die schon vor Filmbeginn feststeht: Im Irak wurden nach der amerikanischen Invasion keine Massenvernichtungswaffen gefunden, viel spricht dafür, dass es nie welche gegeben hat. Woraus wiederum folgt, dass die Weltöffentlichkeit vor Kriegsbeginn belogen wurde. Von wem auch immer - in dieser Hinsicht ist der Film nicht ganz konsequent, und wenn er ausgerechnet einen hochrangigen CIA-Beamten als tendenziell antiautoritären Maverick mitsamt aus dem Ruder gelaufener Frisur und speckiger Jeansjacke verkaufen will, geht ihm doch einiges durcheinander. Dennoch vollzieht der Hollywoodstar Matt Damon den grundlegenden Erkenntnisprozess einer ganzen Nation zumindest in seinen Grundzügen noch einmal nach, sicherlich auch im Sinne einer erst einmal nicht unsympathischen Trauma-Aufarbeitung.

Matt Damon wird in diesem Film zum Medium der Zeitgeschichte, gleichzeitig bekämpft er sie auch. Der Film spielt genau zu dem Zeitpunkt, an dem der offizielle Krieg gegen Saddam Hussein beendet war und der weitaus blutigere, inoffizielle Bürgerkrieg, der darauf folgte und bis heute fortdauert, noch nicht richtig begonnen hatte. Die US-Truppen haben Bagdad erreicht, in einer Szene schauen sich die Soldaten George W. Bushs inzwischen berüchtigte "Mission Accomplished"-Rede im Fernsehen an. Damon und sein sonderbarer CIA-Mitstreiter stemmen sich gegen das, was im echten Leben folgen wird: die instabilen, unübersichtlichen Frontverläufe in einem riesigen Land, in dem sich von einem Tag auf den anderen ein gewaltiges Machtvakuum auftut. Der CIA-Mann plädiert dafür, Saddam Husseins alte Mitstreiter von der Baath-Partei in die irakische Nachkriegsordnung zu integrieren. Und so macht sich Roy Miller auf, einen Handlanger des Hauptkriegsgegners gegen einen hinterhältigen Neocon-General zu verteidigen. Man kann dem Film zugute halten, dass er sich der Fallstricke seiner eigenen Konstruktion bewusst ist. Nicht zugute halten kann man ihm die hanebüchenen Drehbuchtricks, mit denen er sich dieser Fallstricke zu entledigen sucht (und nebenbei noch so etwas wie eine irakische Perspektive in den Film einziehen möchte - ein Unterfangen, das in diesem Film genauso sang- und klanglos scheitert wie noch in jedem Irakfilm Hollywoods).

Ein Film über die Möglichkeit von Erkenntnis. Aber einer, der deren Grundlagen bereits auf der unmittelbar filmischen Ebene gefährdet. Paul Greengrass und Matt Damon haben vor "Green Zone" gemeinsam zwei hyperenergetische Actionfilme um den geheimnisvollen Agenten Jason Bourne gedreht. Greengrass' stilistische Signatur, die rasante, die räumliche Orientierung zumindest tendenziell zerstörende Handkamera-Montage, kann auch in diesem Film besichtigt werden. Je weiter er voranschreitet und je tiefer Roy Miller in die Verschwörung, deren Inhalt uns von Anfang an bekannt ist, eindringt, desto wilder springt, zittert, schwenkt, überschlägt sich die Kamera, desto schneller wechseln die Einstellungen. Man kennt das aus fast allen zeitgenössischen Actionfilmen. Daraus resultiert aber nicht automatisch nur das reine Chaos, zumindest nicht in den Händen eines soliden Handwerkers wie Paul Greengrass. Durchaus kunstvoll lässt Greengrass' Montage Lichtfluten und Bewegungsvektoren von einer in die andere Einstellung überspringen. Je tiefer Matt Damon ins feindliche Gebiet vordringt, desto rauer werden die Texturen der Bilder, desto mehr gleichen sie sich aber auch den Körpertexturen Matt Damons an. Das sieht verdammt gut aus. Insbesondere die ausgedehnte Verfolgungsjagd als Höhepunkt des Films ist ein kleines Meisterstück des Actionfilm-Expressionismus.

Es gibt durchaus Kontinuitäten in dieser Szene: solche der Intensität, der reinen Wucht von Körpern und Bewegungen, die keinen Ort und kein Ziel mehr brauchen, nur noch die richtige Ausleuchtung, den richtigen Stil. Verloren gegangen ist dem modernen Actionfilm eine andere Kontinuität, die des Raums und der zielgerichteten Bewegungen durch diesen Raum. Was Matt Damon bei seinen Versuchen, den Verfolgern zu entkommen und die Verschwörer dingfest zu machen, genau anstellt, wie er sich zu den Häusern und Straßen, in denen er sich bewegt, verhält, was er sieht, was ihm verborgen bleibt, all das kommunizieren diese Bilder nicht. Die Bilder wollen das auch gar nicht mehr, sie möchten höchstens eine vage Ahnung davon vermitteln, wie sich das alles anfühlt. Es gibt andere Bilder, die den verloren gegangenen Überblick reinstallieren: Elektronische Bilder von Ortungsgeräten und Satellitenkameras, Bilder, die sich wie ein Virus im modernen Kino verbreiten und die eine privilegierte Erkenntnisposition da versprechen, wo das fotografische Bild eine solche offenbar nicht mehr einzulösen vermag. Matt Damon wird zum entkörperlichten Informationssignal, zum roten Cursor, der sich über stilisierte grafische Oberflächen bewegt.

Diese neuen, elektronischen Bilder aber muss man kritisieren: Sie stehen für den kontrollierenden, katalogisierenden Blick, für den Blick der Macht, für einen Blick, der sich selbst nicht als Teil des Angeblickten versteht und der dem Kino, in dem die verschiedenen Blicke seit seiner Erfindung immer wieder sehr produktiv durcheinander geraten sind, eigentlich fremd ist. Diese Bilder sind die fast zwangsläufige Rückseite der auf Unmittelbarkeit zielenden Bewegungsintensitäten der Greengrass'schen Handkamera. Filme wie "The Green Zone" geben den Weltbezug des Kinos nicht auf, aber sie tendieren dazu, ihn als ein reines Subjekt-Objekt-Verhältnis zu denken. Es gibt nur noch den unmittelbaren Körperreiz vor und den Ordnungsblick der Kontrollgesellschaft jenseits des Sozialen, aber nichts dazwischen. Diese Filme interessieren sich - zumindest ihrer Tendenz nach - nicht mehr für eine Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft oder allgemeiner: für das demokratische Potential des Kinos.

Lukas Foerster

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Green Zone
USA / Großbritannien 2010 - Regie: Paul Greengrass - Darsteller: Matt Damon, Greg Kinnear, Brendan Gleeson, Amy Ryan, Jason Isaacs, Khalid Abdalla, Michael O'Neill, Antoni Corone - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 16 - Länge: 115 min. - Start: 18.3.2010

 

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