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Green Room

 

 
Small Film, Big Thrills, and a Major Threat at the Door

Warum heißt ein amerikanischer Film über einen Fluchtraum schlurfiger Linker, der von Rechtsextremen belagert wird, just "Green Room"? Ach - vielleicht spielt das ja auf einen quasi titelgleichen François Truffaut-Film von 1978 an: "
La chambre verte - Das grüne Zimmer". Allerdings: Mit diesem Film hat Jeremy Saulniers Survivalthriller "Green Room" eigentlich nur den Umstand gemeinsam, dass darin Wände (und Gewänder) mit Bildern und Insignien verehrter Ahnen übersät sind. In "Green Room" sind das die Fugazi-Aufkleber und Dead Kennedys-T-Shirts der Belagerten sowie die Hakenkreuzposter und White Power-Bomberjacken der Belagerer. (Bei Truffaut waren es Baudelaire und solche Kaliber.)

Eine Hardcore-Punkband von Nicht-mehr-Collegekids an der Armutsgrenze - eine fiktive Band namens The Ain't Right - gerät durch eine dubiose Location-Empfehlung in eine von Skinheads und Rechtsrockern betriebene Konzerthalle in der Pampa. Nachdem sie ihren Auftritt zur Freude einiger in Zeitlupe pogender Hardcore-Kids (und ohne von den angepissten Bomberjackingern verprügelt zu werden) absolviert haben, werden sie zu ZufallszeugInnen eines Fememordes unter Neonazis und als solche mit dem Tod bedroht; erst heimlich und unter Vortäuschung, man wolle sie bis zum Eintreffen der Polizei festhalten, aber bald schon ganz offen. Also verschanzen sie sich im Backstageraum. Der ist gar nicht sooo grün, aber klein, versifft und voller Namensschriftzüge an den Wänden - und voller Plot-relevanter Objekte wie z.B. Öffnungen, die sich erst allmählich zeigen.

Saulnier, ein US-Indie-Regisseur ("Blue Ruin") mit Skatepunk-Vergangenheit, setzt Lagerbildung als gegeben und ein gewisses Maß an Begeisterung für spätsubkulturelle Pop/Rock-Lebenswelten als zumutbar voraus (was hier übrigens nix mit Zitatkino oder Bescheidwissertum über Musik-Obskuritäten zu tun hat, sondern mit dem Ernstnehmen eines Milieus, seiner Kämpfe und Sinnangebote und seiner schlimmen Seiten wie z.B. Nazi-Skins). Die Erzählung und Inszenierung zielt an allfälliger psychologischer Vertiefung wohltuend vorbei, aber nicht ins Schrille oder ins zerhäckselte Nichts, sondern auf die angemessene, schön rhythmisierte Entfaltung einer ebenso minimalistischen wie ergiebigen Situation.

"Green Room" hält sich ganz an Pragmatik und ihre Details: kleine räumliche und personelle Frontverschiebungen, Infrastrukturen und Techniken (das gezielte Brechen eines Armes, das Verbinden einer offenen Wunde mit Gaffertape), improvisierte Kooperation und waffentaugliche Objekte (Feuerlöscher, Mikrofon-Feedback, Kampfhundgebiss). Das macht diesen Film zugleich packend und cool. Drastisch und gory ist hier die Action, kleinräumlich einfühlsam die Kamera, leicht skurril das herrlich ausrinnende Ende, delikat die Besetzung: Anton Yelchin als fragiler Bassist, Patrick Stewart als Obernazi, Saulniers ständiger Lieblingsdarsteller Macon Blair, den wir gern öfter sehen würden, sowie die stets mitreißende Imogen Poots als Skinhead.

Ein starker Eintrag im Geist Walter Hills und John Carpenters in die Liste aktueller Klaustrophobie- und Kellerfilme. Der 62-Sekunden-Song der Dead Kennedys, den die Band im Film covert und dabei auf mindestens 75 Sekunden zerdehnt, heißt übrigens "Nazi Punks Fuck Off". Das ist zeitlos wahr und schön.

Benotung des Films: (8/10)

Drehli Robnik

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Green Room
OT: Green Room - USA 2015 - 95 min. - Regie: Jeremy Saulnier - Drehbuch: Jeremy Saulnier - Produktion: Macon Blair, Daniel Hammond, Gabriel Hammond, Brian Johnston, Neill Kopp, Victor Moyers, Vincent Savino, Anish Savjani - Kamera: Sean Porter - Schnitt: Julia Bloch - Musik: Brooke Blair, Will Blair - Verleih: universum film - FSK: ab 18 Jahren - Besetzung: Anton Yelchin, Joe Cole, Alia Shawkat, Callum Turner, David W. Thompson, Mark Webber, Macon Blair, Eric Edelstein, Michael Draper, Andy Copeland, u.a. - Kinostart (D): 02.06.2016

 

 

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