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The Grand Budapest Hotel

 

 


Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Nennt man die rückwärtsgewandte Sehnsucht nach einer Zeit, die man selbst gar nicht erlebt haben kann, sondern die nur aus alten Spielfilmen befeuert wird, eigentlich auch Nostalgie? Oder doch besser Phantomschmerz? Der geniale Regie-Nerd Wes Anderson hat sich stets darauf verstanden, seinen Filmen mit spielerischer Leichtigkeit Referenzräume zu öffnen, die als Ornamente des Erzählens einem emphatischen Verständnis von Zitat-Pop verpflichtet waren: Bowie-Songs auf portugiesisch, Jacques Cousteau, The Kinks, „Schwarze Narzisse“, Jean Renoirs „The River“, The Beach Boys und Evel Knievel, Nouvelle Vague und die early Sixties. Andersons Filme waren dabei stets so voll von visuellen Gimmicks und geschmackvollen Insider-Gags, dass man mitunter ganz froh war, dass zumindest die Plots so fadenscheinig und nachlässig zusammengeflickt waren. Weil dafür ohnehin nur noch sehr wenig Aufmerksamkeit übrig gewesen wäre.

 

In Andersons neuem Film „The Grand Budapest Hotel“ ist das noch immer so und doch ganz anders, denn diesmal scheint das Spiel mit den Referenzen etwas verbindlicher, konzentrierter, auch weniger üppig wuchernd, was wiederum mit dem gewählten Sujet zu tun haben könnte. Wobei nicht ganz klar ist, welches Sujet denn gewählt worden ist. Ein komischer Thriller? Ein barock-labyrinthischer Hotelfilm? Ein verquerer Abenteuerfilm? Ein Roadmovie mit allerlei Fortbewegungsmitteln? Ein umständliches Caper-Movie? Ein auf Etikette bedachtes Buddy-Movie? Wie auch immer, Wes Andersons Bricolage bleibt so idiosynkratisch wie sein Hinweis auf Stefan Zweig. In dessen (verdeckter) Autobiografie „Die Welt von gestern“ liest man: „Von all meiner Vergangenheit habe ich also nichts mit mir, als was ich hinter meiner Stirne trage. Alles andere ist für mich in diesem Augenblicke unerreichbar oder verloren.“ Eine schöne Vorlage für einen Autorenfilmer par excellence wie Wes Anderson.

 

Schon das kunstvoll geschachtelte Spiel mit den Zeitebenen, mit dem die Erzählmaschine „The Grand Budapest Hotel“ beginnt, offenbart spielerisch die Mühe, die es kostet, einen Ort zu etablieren, von dem aus das Erzählen wieder möglich wird. Von der Gegenwart geht es zunächst zurück nach 1985, 1968 bis 1932: Eine junge Frau liest in einem Park ein Buch eines Autors, der uns dann erzählt, dass er vor Jahren einmal im Grand Budapest Hotel, gelegen nahe Nebelsdorf in den Bergen der ost-mitteleuropäischen Republik Zubrowka, einen alten Mann namens Zero Moustafa traf, der ihm eines Abends seine Geschichte erzählt. Die auch davon handelt, dass das Grandhotel einst, als der legendäre Concierge M. Gustave noch das Sagen hatte, weitaus bessere Tage gesehen hat. Das war in den frühen 1930er Jahren, vor dem Nazismus und all seinen Entartungen und Verbrechen, die allerdings im kleinen Zubrowka schon etwas früher als anderswo sichtbar wurden.

 

M. Gustave ist ein höchst stilbewusster Dienstleister, der den Gästen seines Hotels und insbesondere den älteren Damen unter den Gästen jeden Wunsch mit ausgesuchter Höflichkeit und Professionalität erfüllt. Er ist zugleich ein mit allen Wassern des Pragmatismus gewaschener Filou, der leicht arrogant gerne auf seine humanistische Bildung verweist und dennoch – wie gezeigt werden wird – streetwise ist. Aufgrund seiner zuverlässigen Dienste wird M. Gustave eines Tages von seiner (ermordeten) Kundin Madame D ein kostbares Gemälde mit dem Titel „Junge mit Apfel“ erben, aber seitens ihrer raffgierigen Verwandtschaft wird dies Erbe bestritten und mit allerlei auch mörderischen Mitteln hintertrieben.

 

Ein Miniaturkosmos, der durch die Befolgung bestimmter Regeln am Laufen gehalten wird, und ein MacGuffin namens „Junge mit Apfel“ – dies sind hinreichende Voraussetzungen für einen schnurrigen und schnurrenden Wes Anderson-Film, der alles hat, was Fans des Amerikaners von einem echten Wes Anderson-Film erwarten: eine verschrobene, aber bis ins Kleinste ausgeklügelte Ausstattungsorgie voller visueller Überraschungen, aufreizend geometrisch choregrafierte Kamerafahrten, die zweidimensional auf 3D machen, ein lakonischer Humor mit mitunter vulgären Untiefen, ein Hang zu Kontrolle und Verniedlichung und dazu die legendäre Stock Company Andersons mit alten Bekannten wie Jason Schwartzman, Owen Wilson, Willem Dafoe, Adrien Brody, Bill Murray und einigen Neuzugängen wie Ralph Fiennes und Mathieu Amalric.

 

Besonderen Drive bekommt „The Grand Budapest Hotel“ allerdings durch die Tatsache, dass Anderson sein ganz persönliches K.u.K.-Mitteleuropa entlang der Filmgeschichte entworfen hat. Man kann in dieser vor Einfällen überbordenden fiktiven Filmwelt einerseits an die dunkleren Fantasie eines Guy Maddin („Lawinen über Tölzbad“) denken, andererseits auch problemlos Spuren der Originale von Hitchcock, Lubitsch, Wilder, Hawks, Sternberg, aber auch von Laurel & Hardy oder den Marx Brothers identifizieren. In den Figuren des eifersüchtigen Erben Dimitri und des Killers Jopling wird zudem deutlich, dass Zubrowka östlich sehr wahrscheinlich an Transsylvanien grenzen könnte. Man kann sich bei diesen Figuren aber auch an die mysteriösen Dreharbeiten zu Murnaus „Nosferatu“ erinnert fühlen, wie sie in „Shadow of a Vampire“ dokumentiert sind. So entwirft Anderson schwungvoll und leicht melancholisch eine bonbonfarbene Fantasiewelt voller dunkler Einschüsse, die erklären können, warum diese Welt entweder untergegangen ist oder aber nie existierte. Immer bleibt dem Kinogänger der vollmundig dargereichte Trost des Kinos: So hätte es immerhin gewesen sein können.

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen im: filmdienst

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 
The Grand Budapest Hotel
OT: The Grand Budapest Hotel - USA / Deutschland 2014 - 100 min. - Regie: Wes Anderson - Drehbuch: Wes Anderson - Produktion: Wes Anderson, Jeremy Dawson, Steven M. Rales, Scott Rudin - Kamera: Robert D. Yeoman - Schnitt: Barney Pilling - Musik: Alexandre Desplat - Verleih: 20th Century Fox - Besetzung: Saoirse Ronan, Edward Norton, Ralph Fiennes, Owen Wilson, Jude Law, Bill Murray, Willem Dafoe, Léa Seydoux, Tilda Swinton, Adrien Brody, Jeff Goldblum, Jason Schwartzman, Harvey Keitel, F. Murray Abraham, Tom Wilkinson - Kinostart (D): 06.03.2014

 

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