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Der Gott des Gemetzels

 

Überzivilisierter Kokon

Ein genuin filmisches Spektakel macht Roman Polanskis "Der Gott des Gemetzels" aus Yasmina Rezas Bühnenstück über zwei sich bekriegende Ehepaare.

Zumindest auf den zweiten Blick entpuppt sich das Wohnzimmer der Familie Longstreet (Jodie Foster / John C. Reilly) als kleiner Alptraum etwas zu obsessiv betriebener Bildungskleinbürgerlichkeit, als ein inwändig geleckter, überzivilisierter Kokon aus geschmackvoll zusammengesuchten afrikanischen Artefakten, sorgfältig zusammengestellten Accessoires und mit Bedacht gesammelten, eine Spur zu aufdringlich auf Tisch und im Regal drapierten Kunstbildbänden. Ein Zeugnis des Im-Leben-Angekommen-Seins, ein Zeugnis des Auf-der-richtigen-Seite-Stehens, ein Bollwerk gegen die karg-gräuliche Realität, die man hier vom Fenster aus schon lauern sehen kann - gar nicht mal unbedingt schmockig, sondern eigentlich recht sehr bei sich, versammelt auf engem Raum, dem gerade jene paar entscheidenden Quadratmeter fehlen, die jene, die sich selbst stets vergewissern, es doch eigentlich ganz gut getroffen zu haben, von jenen, die sich um sowas ganz einfach keine Gedanken machen müssen, trennen.

Eine Trennung, die für einmal in eben diesem Raum aufgehoben wird: Zu Gast, wenn auch etwas betreten, ist die Familie Cowan (Kate Winslet / Christopher Waltz), die deutlich einem anderem Milieu entspringt. Davon künden nicht nur Alan Cowans offen zur Schau getragener, asiger Dünkel, seine hinter blasiert freundschaftlichen Gesten fadenscheinig verdeckte Geringschätzung dieser Umgebung, sondern auch seine ständig eingehenden und ständig angenommenen Handy-Telefonate, denen zu entnehmen ist, dass er als Top-Anwalt mit Top-Connections gerade alle Hände voll damit zu tun hat, einen Medikamente-Skandal allerersten Ranges zu vertuschen.

Schon deshalb trifft er vor allem auf Penelope Longstreets zunächst noch kaschierte Missbilligung: Kunst, sagt sie an einer Stelle, zivilisiert, befriedet den Menschen - eine Idealistin, die das "We shall overcome"-Trällern zwar hinter sich gelassen hat, in ihrem Glauben an das Gute, das Einsichtige im Menschen aber ungebrochen bleibt. Und um Gutes und Einsichtiges soll es in diesem unbehaglichen Treffen gehen: Der Sohn der Cowans hat - das zeigt die erste, schön schwebende Einstellung - dem der Longstreets bei einer Rangelei zwei Zähne ausgeschlagen. Darüber soll nun - gut, einsichtig, zivilisierend und befriedend - unter Erwachsenen diskutiert werden, natürlich bei einem Stück selbstgebackenen Kuchen und etwas Kaffee, man ist schließlich kultiviert und die Angelegenheit ja auch eigentlich kaum der Rede wert, aber aussprechen muss man sich, meinen die Cowans mit leicht passiver Hartnäckigkeit, dann doch: Der Kampf zwischen zynischem Wohlstandschauvinismus und wohlstandsummantelter "Wir müssen miteinander reden"-Betulichkeit ist eröffnet. Auf eine Seite will man sich nicht schlagen müssen.

Ein zusehends - von kleineren Sticheleien bis zum Kotzen auf den Bildband und dem in der Vase versenkten iPhone - eskalierendes Kammerstück zwischen Wohnungstür (wo man sich freilich nie verabschiedet, sondern die Gäste immer noch mal reinbittet) und Wohnzimmertisch, das die Frage, wie groß die Strecke zwischen zivilisiertem Miteinander und bestialischer Grausamkeit wirklich ist, zwar nicht beantwortet, aber mit diebischer Freude auswalzt. Die Vorlage, das gleichnamige Theaterstrück von Yasmina Reza, inszeniert Roman Polanski auf engstem Studioraum auf den Punkt genau: nur gefilmtes Theater also? Höchstens, wenn man unter "Film" aneinander gereihte Ortswechsel versteht. Polanski aber weiß stets, wie er seine Figuren für die Kamera anzuordnen, in welchem Verhältnis zueinander er sie kadrieren, wann er in und wann aus der Szenerie schneiden muss, um von der planen Totalen der Theaterraumsituation zu einer befriedigend filmisch strukturierten Szenenabfolge zu gelangen. Schon, wie aus Jodie Fosters Gesicht nach und nach jegliche Contenance weicht und, nachdem Alan Cowans süffisanter Machismo schlussendlich auch im eigenen Gatten einen unerwarteten, aber umso freudigeren Fürsprecher findet, offener Verbitterung und Abscheu Platz schafft, ist ein genuin cinematisches Spektakel, das man im Theater nicht einmal der ersten Reihe bieten könnte.

Schade bleibt es dabei dennoch, dass Polanski dem vielleicht fast ein bisschen zu ausgezirkelten Stück, von der routinierten filmischen Aufarbeitung abgesehen, nicht viel hinzuzufügen versteht. Auffallend häufig - etwa in "Das Messer im Wasser", "Ekel", "Der Mieter" oder "Rosemarys Baby" - entwickeln Polanskis Filme ihren Reiz gerade aus der Tiefenauslotung einer räumlich beengten Situation. "Der Gott des Gemetzels" reiht sich eher szenarisch, als motivisch in diese Reihe und verhält sich zum übrigen Werk eher in der losen Distanz einer Auftragsarbeit. Was nicht heißen soll, dass man an den bösen Dialogen, ihrer zunächst sachten, dann immer drängenderen eskalativen Logik und den teuflischen Wendungen nicht seine helle Freude haben kann. Allein, Polanskis Beitrag dazu bleibt überschaubar.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im:www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Der Gott des Gemetzels
Deutschland / Frankreich 2011 - Originaltitel: Carnage - Regie: Roman Polanski - Darsteller: Jodie Foster, Kate Winslet, Matt Dillon, Christoph Waltz, John C. Reilly - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 79 min. - Start: 24.11.2011
 

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