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Götter der Pest


Franz Walsch (Harry Baer) wird aus dem Gefängnis entlassen. Er geht zu seiner früheren Freundin Joanna (Hanna Schygulla), die in einem Nachtclub singt. Er sucht seinen Bruder Marian (Marian Seidowski), findet ihn tot. Günther (Günther Kaufmann), der sich Gorilla nennt, gibt zu, Marian erschossen zu haben: »Marian hat gesungen ... Es war ein Befehl.« Franz hat inzwischen Margarethe (Margarethe von Trotta) kennengelernt und Joanna verlassen. Franz, Günther und Joe, ein alternder Gangster, der auf dem Land lebt, planen einen Überfall auf einen Supermarkt. Sie werden von Joanna - aus enttäuschter Liebe zu Franz - verraten. Aber auch Margarethe verrät den Überfall, weil sie Franz liebt. Der Überfall findet statt. Franz und der Chef des Supermarkts (Hannes Gromball) werden erschossen. Der Gorilla kann entkommen. Er erschießt die Pornohändlerin Carla (Carla Aulaulu), die Joanna den Überfall verraten hatte.

GÖTTER DER PEST ist in mancher Hinsicht eine Fortsetzung von LIEBE IST KÄLTER ALS DER TOD. Harry Baer spielt diesmal den Franz, die Rolle Fassbinders (Fassbinder selbst erscheint nur kurz in einer Episodenrolle). Einmal wird beiläufig erwähnt, daß Bruno tot ist. Und Günther, der Marian erschossen hat, handelte auf Befehl (des Syndikats?). Joanna, die Franz schon einmal verraten hat aus Liebe, verrät ihn nun aus enttäuschter Liebe. Und Joannas Verrat aus dem ersten Film wird nun mit gleicher Motivation von Margarethe wiederholt. Und wie im Erstlingsfilm gibt es für Franz hier nur einen Moment absoluten Glücks: Wenn er zum ersten Mal Günther wieder trifft, wenn sie sich umarmen und er ausruft: »Wahnsinn«. Das entspricht der, dort allerdings viel kühler dargestellten, Wiederbegegnung zwischen Franz und Bruno. Beide Verhältnisse sind belastet: Bruno kommt als Spitzel, Günther hat Franz' Bruder umgebracht. Trotzdem scheint das Franz' Liebe keinen Abbruch zu tun.

Für mich ist unter den frühen Filmen Fassbinders GÖTTER DER PEST der persönlichste, auch der pessimistischste, der schwärzeste. In diesen Dekors (den ersten, die Fassbinder hat
bauen lassen), die fast im Dunkel ertrinken, in diesem sonnenlosen München, müssen diese kleinen Gangster und armen Mädchen scheitern. Ob Margarethe Franz liebt oder Joanna Franz nicht mehr liebt: das Ergebnis ist immer das gleiche. Die Personen sind so sehr auf sich allein gestellt, so wenig fähig, sich einander zu öffnen, so sehr auch isoliert von Geschichte und Gesellschaft, daß nur Einsamkeit oder Tod am Ende stehen können.

Stärker noch als in LIEBE IST KÄLTER ALS DER TOD hat Fassbinder hier die Anregungen aus dem amerikanischen und französischen Gangsterfilm in seine persönliche Vision integriert. Zitate verselbständigen sich nicht mehr (wie die Alain Delon-Imitation Lommels), sie gehen bruchlos ein in die phantastische, in sich abgeschlossene Welt von GÖTTER DER PEST. DER AMERIKANISCHE SOLDAT ein Jahr später wird die Motive und Zitate wieder auffächern, gleichsam zu einem Fassbinder-Gag-Festival.

Wilhelm Roth

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Rainer Werner Fassbinder; Band 2 (5. Auflage) der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien 1985, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags und des Autors Wilhelm Roth.

 

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Götter der Pest
BRD 1970 - Länge: 91 Minuten - Regie: Rainer Werner Fassbinder - Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder - Produktion: Rainer Werner Fassbinder, Michael Fengler - Musik: Peer Raben - Kamera: Dietrich Lohmann - Schnitt: Franz Walsch,
Thea Eymèsz
Besetzung:
Hanna Schygulla: Joanna
Harry Baer: Franz
Margarethe von Trotta: Margarethe
Günther Kaufmann: Günther
Carla Aulaulu: Carla
Ingrid Caven: Magdalena Fuller
 
 

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