zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

 

Godzilla (2014)

 

 

Großäugig und verängstigt

Komplett auf die Monstren verschiebt Gareth Edwards in seiner "Godzilla"-Neuauflage alle Attraktionen.

"Gojira", beziehungsweise "Godschira" wird die Riesenechse, deren Spur der Wissenschaftler Joe Brody (Bryan Cranston) zunächst auf den Philippinen aufgenommen hatte, bei ihrem ersten leibhaftigen Auftritt benannt. Die originaljapanische Aussprache, wie auch die Tatsache, dass das Monster das erste Mal eben in Japan zu voller Größe sich erhebt (wobei es sich dann bald gen Osten aufmacht, um sich dem Kampf mit erst einem, dann zwei konkurrierenden Untieren, den sogenannten MUTO, in Amerika zu stellen), soll als Beweis dienen, dass Hollywood diesmal alles richtig gemacht hat: Während 1998 Roland Emmerichs Versuch, das japanische Monster-Franchise nach Amerika zu importieren, kaum Interesse an Mythologie und Tonfall der 1954 von Ishiro Honda ins Leben gerufenen Originalserie offenbarte und es beim programmatisch großkotzigen "Size Does Matter" beließ, hat sich Gareth Edwards, der Regisseur des zweiten Anlaufs, offensichtlich vorgenommen, ein echtes kaiju eiga zu drehen. Man kann diese Neuorientierung auch lesen als Zeichen dafür, dass sich in den 16 Jahren seit Emmerichs "Godzilla" eine sonderbare Vorstellung davon ausgebreitet hat, was es heißt, "Respekt" zu haben vor den ja eigentlich durch und durch synthetischen "großen Texten" der Popkultur.

Wobei die japanischen "Godzilla"-Filme natürlich tatsächlich wunderschön sind, ganz besonders vielleicht jene bonbonbunten Spektakel der Siebzigerjahre, die sich vom düsteren, klaustrophobischen Grundton des ersten Films endgültig verabschiedeten und das längst zum freundlichen Helfer der japanischen Zivilgesellschaft mutierte Ungetüm gegen immer durchgeknalltere Widersacher antreten ließen. Mein persönliches nerdiges Glücksmoment in Edwards' Film blieb denn auch den credits vorbehalten, wo Yoshimitsu Banno, der Regisseur des allerschönsten, außerweltlichsten Films der Serie, "Frankensteins Kampf gegen die Teufelsbrut" (1971; weder mit Frankenstein, noch mit dem Teufel hat das Ding etwas zu tun...), als executive producer genannt wird.

Die psychedelischen Höhen dieses Serienbeitrags, in dem Godzilla einem Monster heimleuchtet, das sich von Umweltverschmutzung ernährt, kann ein zielgruppenoptimierter Blockbuster des Jahres 2014 selbstverständlich nicht erreichen. Aber immerhin versucht Edwards' Film, in seinem Verlauf die Entwicklung der Originalserie nachzuzeichnen: Anfangs dominiert, wie in Hondas erstem Godzilla-Film, die atomenergieinduzierte Paranoia, später unternimmt der Film Schritte in Richtung Monsterseifenoper.

Dann doch nicht von den japanischen Vorgängern übernommen hat Edwards deren legendäre Spezialeffekte, allen voran die suit motion-Technik: Honda und seine Nachfolger auf dem Regiestuhl steckten für die Spektakelszenen Schauspieler in Monsterkostüme und ließen sie, ein immer wieder regelrecht rührender Anblick, Miniaturkulissen zertrümmern. Der Godzilla der Neuauflage ist selbstverständlich computeranimiert. Dennoch ist das schönste am Film seine inszenatorische Distanz zu den zunehmend austauschbar wirkenden Digitalepen der Gegenwart, die im besten Sinne altmodische Sorgfalt, die er darauf verwendet, seine Schauwerte in einer räumlich halbwegs kohärenten Welt zu verorten. Toll sind zum Beispiel viele Szeneneinstiege: Zwei, drei exakt komponierte Einstellungen rufen nicht einfach nur Japan als Klischee, sondern eine ganze japanische Filmgeschichte auf (mitsamt der tief positionierten Ozu-Kamera sogar); gleich danach leitet eine hinter einer Schiebetür verschwindende Papiergirlande in die Narration über; später beginnen mehrere Szenen mit flüchtigen Tieraufnahmen, die unaufdringlich auf eine organische Welt jenseits des Films verweisen.

Im Kleinen ist Edwards' Regie eine Wohltat, im Großen wirkt sie manchmal streberhaft, ergeht sich in selbstgenügsamen Bravourstücken, wenn sie zum Beispiel einen Fallschirmabsprung in einen erhabenen Bilderrausch zu übersetzen versucht. Solche atmophärischen Momente funktionierten in "Monsters", dem kleinformatigeren ersten Film des Regisseurs, besser, weil sie nicht immer gleich schon wieder durchgestrichen werden mussten von der eilig weiter eilenden Erzählung. Mein Hauptproblem mit dem Film geht aber in eine andere, fast entgegengesetzte Richtung: Irgendwie fühlt sich vieles an diesem "Godzilla" ein wenig gedämpft an. Es fehlen die Exzesse, gerade im Schauspiel. Was auch damit zu tun hat, dass die interessantesten Akteure fast durchweg die kürzeste Lebensdauer haben. Juliette Binoche wird besonders schnell gewaltsam aus dem Film entfernt. Für sich selbst wird ihre Todesszene zu einem eindringlichen Affektbild, doch ähnlich wie zuletzt in Jose Padilhas "Robocop"-Remake, kommt dieser eine starke Gefühlsüberschwang zu früh. Er drängt sich in einen Film, der auf ihn nicht vorbereitet ist, und der hinterher nicht viel mit ihm anzufangen weiß.

Auch Bryan Cranston wird bald, nachdem er noch einmal von einer Binoche-Spiegelung heimgesucht wird, beseitigt. An die Stelle der beiden treten, nach einem Zeitsprung, Cranstons Filmsohn Aaron Taylor-Johnson und Elizabeth Olsen als dessen Frau. Beide bleiben weitgehend eigenschaftslos. Ken Watanabe als japanischer Wissenschaftler versucht sich zwar redlich daran, dem menschlichen Cast wenigstens etwas Wiedererkennungswert zu verschaffen, ich habe mich allerdings gerade während seiner Auftritte nach Guillermo del Toros ungleich chaotischerem, aber doch viel persönlicher sich anfühlenden "Pacific Rim" gesehnt, in dem Charlie Day in einer ähnlichen Rolle alleine mehr Vitalität ausstrahlt als alle Menschen in "Godzilla" zusammen genommen.

Innere Konsequenz hat das alles schon: Edwards' Film verschiebt die Attraktionen komplett auf die Monstren. Gerade auch die erotischen. Duchaus auf Linie mit den meisten anderen neuen, neo-keuschen Blockbustern, kommt er der menschlichen körperlichen Liebe nicht näher als bis zu einer Männerhand auf dem Frauenarsch beim Kuss; die kaiju-Action ist dagegen konsequent libidinös unterfüttert - bis hin zum (nicht-penetrativen) Monster-Sex. Besonders toll ist ein Moment, in dem das größere der beiden MUTO, das Weibchen, über einen der Menschen drübersteigt, dem nichts bleibt, als staunend aufzublicken, zum über die Leinwand gleitenden Unterleib des Ungetüms, aus dem sich eine Art pulsierende Gebärmutter (?) ausbeult, in der Hunderte kleiner Monster-Embryonen heranwachsen. Ein schönes Bild fürs Kino: Man erstarrt im Angesicht eines Begehrens, das größer ist als man selbst.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Text

 

Godzilla
USA / Japan 2014 - 123 min. - Regie: Gareth Edwards - Drehbuch: Max Borenstein, Dave Callaham, Frank Darabont, David S. Goyer - Produktion: Jon Jashni, Mary Parent, Brian Rogers, Thomas Tull, Yoshimitsu Banno, Alex Garcia, Kenji Okuhira, Patricia Whitcher - Kamera: Seamus McGarvey - Schnitt: Bob Ducsay - Musik: Alexandre Desplat - Verleih: Warner Bros. - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Aaron Taylor-Johnson, Bryan Cranston, Elizabeth Olsen, Juliette Binoche, Ken Watanabe, David Strathairn, Sally Hawkins, Al Sapienza, Richard T. Jones, Brian Markinson, Victor Rasuk, Patrick Sabongui, Primo Allon, Jeric Ross, Warren Takeuchi, Anthony Konechny, CJ Adams, Kevin O'Grady, Corey Craig - Kinostart (D): 15.05.2014

 

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays