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The Girl King

 

Jede Konsonantenhäufung ein Gebirge

Mika Kaurismäki wehrt sich in "The Girl King" über die schwedische Königin Christina mit untergründiger Punk-Attitüde gegen den double bind von Kostümfilm und Biopic.

Wenn Malin Buska in "The Girl King" in die Rolle der Königin Christina von Schweden schlüpft - einer Herrscherin, die zwischen 1632 und 1654 auf dem Thron saß, in dieser Zeit militärische und diplomatische Erfolge feierte, sich allerdings standhaft weigerte zu heiraten und die Krone schließlich freiwillig abgab -, dann muss sie sich nicht nur an der historischen Figur, sondern auch an einer Königin des Kinos messen: Greta Garbo brillierte 1933 in der Titelrolle von Rouben Mamoulians Hollywood-Biopic "Queen Christina". In einer Szene streift die Garbo, nachdem sie eine Nacht mit ihrem Liebhaber verbracht hat, durchs Schlafzimmer und berührt alle Winkel und Ecken. Als sie gefragt wird, was sie da mache, antwortet sie: "Ich präge mir den Raum ein. Ich werde in Zukunft viel Zeit hier verbringen."

Derart sinnliche Szenen sucht man in "The Girl King" vergebens - dabei ist Mika Kaurismäkis Version ganz dem lesbischen Erwachen Christinas gewidmet. Aber obwohl der Film Buskas Körperlichkeit durchaus einige Freiräume zugesteht, etwa wenn er sie enthemmt im Schloss herumhüpfen oder zu aufpeitschender Musik mit fotogen wehenden Haaren durch Postkartenlandschaften reiten lässt, bleibt der Film enttäuschend unkonkret, wenn es darum geht, zu zeigen, was es tatsächlich bedeutet, dass Christina die Gräfin Ebba Sparre (Sarah Gadon) zur "königlichen Bettgefährtin" auserkoren hat. Die lesbische Liebe erhält, abgesehen von ein, zwei verschämten Softporno-Versuchen, kaum phänomenologische (und schon gar nicht, wie die heterosexuelle bei Mamoulian, psychologisch-transzendentale) Evidenz. Stattdessen ist sie recht ausschließlich etwas, das von Männern beobachtet, kommentiert, kritisiert und gelegentlich aus einer philosophischen Perspektive (Descartes) gutgeheißen wird.

Kurz: Sie wird als Objekt eines (männlich strukturierten) Diskurses präpariert, dessen vielstimmiger Wirkmacht sich Christina irgendwann nur noch durch Machtverzicht, sowie, ein geistesgeschichtlich interessantes Detail, durch den Wechsel vom protestantischen zum katholischen Glauben entziehen kann. Körper werden in einem eher mechanischen Sinne in politische Zusammenhänge eingespannt, Begehren in Macht übersetzt und dadurch handhabbar gemacht. Filmisch folgt daraus: Es geht nicht um emotionale oder erotische Intensitäten, sondern um hierarchische Blickkonstellationen und um Aushandlungen. Was nicht in jeder Hinsicht gegen "The Girl King" sprechen muss: Es geht dann eben darum, eine ansprechende Ästhetik der Aushandlung zu entwickeln. Und Kaurismäki gelingt das zumindest in Ansätzen.

Insbesondere, was die Sprechakte selbst betrifft. Rein thematisch passen die Intrigen und Psychopathologien der zwar über Landesgrenzen hinweg, aber auf die Dauer trotzdem ziemlich inzestuös untereinander herumvögelnden Adelsfamilien tatsächlich ziemlich perfekt zum Produktionsumfeld des transeuropäischen Förderkinos, dem der Film zugehörig ist. "The Girl King" vereinigt finnische, deutsche, französische, schwedische und sogar kanadische Gelder in sich, und da die jeweiligen Förderinstitutionen auf local talent pochen, müssen eben auch SchauspielerInnen aus allen diesen Ländern mitwirken; diese wiederum beherrschen die weitgehend durchgehaltene Produktionssprache Englisch (gelegentlich wird ein wenig auf deutsch gezetert bzw. auf französisch herumphilosophiert) unterschiedlich gut.

Kaurismäkis Film stört sich, und das nimmt durchaus für ihn ein, wenig daran, wenn selbst die Hauptdarstellerin mit linguistischer Gewaltanstrengung durch ihre Dialoge stolpert (als wäre jede Konsonantenhäufung ein Gebirge, das mühsam, aber grimmig entschlossen erklommen werden möchte).Tatsächlich kann das sogar als Realismusmoment durchgehen; schließlich steht zu vermuten, dass mit dem Französisch, das einst an den meisten europäischen Königshöfen gesprochen wurde, dort ebenfalls eher rüde umgesprungen wurde. Vor allem aber schreibt sich dadurch eine Laissez-faire-Haltung in den Film ein, die auf nicht unangenehme Weise quer zum Genre steht: Der double bind aus Biopic und Historienfilm, in den Christinas Geschichte eingebettet ist, könnte den Bildern nur zu leicht alle Luft zum Atmen nehmen.

Da gibt es schließlich filmhistorisch genug Beispiele. Ein französischer Qualitäts-Arthausregisseur wie zum Beispiel Benoît Jacquot hätte aus dem Stoff sicherlich einen runderen, dichteren, präziseren Film gemacht; aber vermutlich auch einen hermetischeren, versiegelteren. Kaurismäki gibt seiner Erzählung eine unreine Punk-Attitüde bei, die nie an die Erzähloberfläche durchbricht, aber untergründig rumort (und die vielleicht, aber das macht fürs Ergebnis ja nichts, teils eher von Unachtsamkeit herrührt als vom Willen zur Subversion). Die Musik zum Beispiel ist zwar klassisch symphonisch, braust aber dauernd etwas zu jäh und hektisch auf, fühlt sich eher nach Daily Soap als nach großem Gefühlskino an.

Und obwohl das zunächst angenehm unbehauene Spiel der Newcomerin Buska im Verlauf der Handlung zunehmend in geläufige Muster der Psychopathologie abgleitet, bleiben zumindest die eklektisch besetzten Nebenrollen ständige Quellen einer Irritation, die sicher nicht durchweg produktiv ist, aber immerhin die Aufmerksamkeit einigermaßen vielseitig moduliert. Martina Gedeck insbesondere hat einen wunderbaren Schreckschraubenauftritt als ultrateutonische Königinnenmutter. Aber auch die langhaarigen, kitschromantisch überzeichneten, teils fast schon "Twilight"-kompatiblen jungen Männer, die die für ihre Reize so gar nicht empfängliche Königin umschwirren, wollen sich nicht so recht in die gut gemeinte emanzipatorische Parabel fügen, auf die der Film freilich trotzdem irgendwie hinaus läuft.

Wo sein jüngerer Bruder Aki sich bereits seit den 1980ern als eine der zentralen Größen im europäischen Arthauskino etabliert hat, ist Mika der große Durchbruch bislang verwehrt geblieben; seine umfangreiche, unübersichtliche Filmografie kann man kaum auf einen Nenner bringen, sie oszilliert schon in geografischer Hinsicht unstet zwischen Europa, den USA und der zeitweiligen Wahlheimat Brasilien, oft spielt Musik eine Rolle, oder auch das Leben on the road. "The Girl King", eine seiner aufwändigsten Produktionen, passt dazu erst einmal gar nicht. Vielleicht liegt in dem vermeintlichen Konsolidierungsprozess eine Chance. Wo Kaurismäkis ältere Filme manchmal etwas unkonzentriert wirken, in Beliebigkeit abzudriften drohen, hilft diesmal gerade der starre Rahmen, zwischen dem sich gerade keine komplett glattgebügelte Oberfläche aufspannt, das Eigentümliche, Widerständige an seinem Kino besser in den Blick zu bekommen.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

 

The Girl King
Finnland, Kanada, Deutschland, Schweden 2015 - 106 Min. - FSK: ab 12 Jahre - Kinostart: 21.07.2016 - Regie: Mika Kaurismäki - Drehbuch: Michel Marc Bouchard - Produktion: Wasiliki Bleser, Arnie Gelbart, Mika Kaurismäki, Rainer Kölmel, Martin Persson - Kamera: Guy Dufaux - Schnitt: Hans Funck - Darsteller: Malin Buska, Sarah Gadon, Michael Nyqvist, Lucas Bryant, Laura Birn, Hippolyte Girardot, Peter Lohmeyer, François Arnaud, Martina Gedeck, Patrick Bauchau, Jannis Niewöhner, Samuli Edelmann, Ville Virtanen, Jenny Rostain, Veera W. Vilo - Verleih: NFP

 

 

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