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Ginger & Rosa

 

 


Atombombengefühle

Sally Potters "Ginger & Rosa" erzählt eine Coming-of-age-Geschichte in zerbrechlich wirkenden Bildern entlang der Kubakrise.

Ein Atompilz und die Trümmer Hiroshimas, beides dokumentarische, körnige Filmaufnahmen; dann ein harter Schnitt in die Fiktion, in einen britischen Kreissaal, auf zwei Mütter, die gleichzeitig ihre Kinder gebären. Im Jahr 1945 geht nicht nur der verheerendste Krieg der Menschheitsgeschichte zu Ende, gleichzeitig beginnen zwei andere, neue Leben, von denen der Film "Ginger & Rosa", erzählen wird. Ein selbstbewusster, fast schon unverschämter Beginn, auf den vieles folgen kann, aber sicher nichts Halbgares. Bomben, die tatsächlich explodiert sind und Bomben, die zu explodieren drohen: Der Rest des Films spielt im Herbst 1962, während der Kubakrise; die die Regisseurin Sally Potter, wie Hiroshima, zunächst einmal nicht für sich selbst, sondern als Metapher interessiert. Eine Metapher, der eine gewisse Unverhältnismäßigkeit eingeschrieben ist: Es geht immer gleich ums Überleben der gesamten Menschheit. Und so ist auch "Ginger & Rosa" ein Coming-of-age-Film, in dem sich die Gefühle atombombengroß aufblasen.

Ein kluger Film ist "Ginger & Rosa", weil er weiß, dass das keine echte Äquivalenz ist; dass sich da also im Herbst 1962 nicht etwa die weltpolitische Spannung ganz real und ungebrochen auf den Gefühlshaushalt eines rothaarigen Mädchens mit naheliegendem Spitznamen Ginger (zurecht für diese Rolle gefeiert: Elle Fanning) übertragen hat. Sondern dass die Kubakrise genau deswegen als Metapher fürs Heranwachsen taugt, weil sie einerseits die schlimmstmöglichen Ängste weckt und weil sie andererseits weit weg ist, nicht das Geringste zu tun hat mit der linksengagierten, aber durch und durch bourgeoisen Lebenswelt, durch die sich Ginger und ihre Freundin Rosa (Alice Englert, zur Zeit auch in dem Fantasyfilm "Beautiful Creatures" hochromantisch unterwegs) bewegen. An der Antikriegsdemo, der sie sich anschließt, interessiert Ginger am Ende doch vor allem der ein wenig versponnene lockige junge Mann, der vorneweg marschiert.

Ein schöner Film ist "Ginger & Rosa", weil er die Atombombengefühle nicht in filmischem Pomp, sondern in zerbrechlich wirkenden Bildern aufhebt. Alles sehr delicate, die Kameraarbeit, die auf schöne Bilder ohne Schwere zielt, die auch dann nicht aufdringlich wird, wenn sie den Figuren sehr nahe kommt; auch die Figuren selbst, die Mädchen, die aus reiner, eher luftiger als erdiger Lebensfreude schon einmal ein Rad schlagen, die feinsinnige, jazzige Musik hören und die einmal ein wenig Schneematsch in ihren Fingern zerreiben, wie, um sich zu vergewissern, dass die Welt, durch die sie sich bewegen, auch eine organische Seite hat; sogar die verschmitzt lächelnden Männer, die den Mädchen zwar Blicke zuwerfen, die der Intention nach schmutzig sind, aber denen man das nicht so recht ansieht - das muss alles erst am Ende, in der großen finalen Konfrontation, ausformuliert werden, damit man sich noch einmal klarmachen kann, was man auf einer anderen Ebene natürlich immer schon wusste: nein, das geht wirklich nicht klar, und wenn's noch so unaufdringlich erotisch ausgesehen hat.

So innerlich glänzend und sauber ist die Welt, so gutaussehend sind die Menschen vermutlich nur in der Erinnerung; und sicher nicht in jeder Erinnerung (es liegt nahe, dass die Regisseurin, selbst nur wenige Jahre nach ihren beiden Hauptfiguren geboren, mitunter Autobiografisches verarbeitet). Aber am Ende stehen dafür auch die falschen Alternativen, vor die das Leben Ginger stellt, mit bemerkenswerter Klarheit vor ihr. Sie hat zwar rote Haare, aber sie möchte keine Rothaarige werden, wie ihre Mutter (Christina Hendricks, bekannt aus der Serie "Mad Men", wo sie fast dieselbe Figur spielt wie hier) eine ist; ihre roten Haare sollen auch weiterhin widerspenstig bleiben und sich nicht in eine aus Modezeitschriften abgeschaute Hausfrauenfrisur fügen. Sie denkt zwar pazifistisch, aber sie möchte keine Pazifistin werden, wie ihr Vater einer ist, der sein Freigeistlertum auf Kosten anderer auslebt (und der halt schon auch das Problem hat, erklären zu müssen, warum man ausgerechnet dann dem eigenen moralischen Kompass besonders stur folgen muss, wenn ein Verteidigungskrieg gegen Nazideutschland ansteht; das sind dann die Bereiche, für die sich der Film vielleicht doch etwas zu wenig interessiert). Auch keine Pazifistin möchte sie werden, wie ihre Tante eine ist, die selbstgerecht und besserwisserisch alle Menschen und alle Gefühle immer schon sortiert hat. Und schließlich will sie zwar ein sexuelles Wesen sein, sich dabei aber nicht so dumm anstellen wie ihre Freundin Rosa.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 


Ginger & Rosa

Großbritannien, Dänemark, Kroatien, Kanada 2012 - 90 Minuten - Kinostart: 11.04.2013 - FSK: ab 12 Jahren - Regie: Sally Potter - Buch: Sally Potter - Produktion: Andrew Litvin, Christopher Sheppard - Kamera: Robbie Ryan - Schnitt: Anders Refn - Darsteller: Christina Hendricks, Elle Fanning, Annette Bening, Alice Englert, Alessandro Nivola, Oliver Platt, Timothy Spall, Jodhi May, Oliver Milburn, Andrew Hawley, Greg Bennett, Richard Strange, Marcus Shakesheff, Matt Hookings, Andy Joy

 

 

 

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