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Gigante

 

 

 

Beißt nicht

 

Jara ist ein Wal von einem Mann, die Fülle ist halb Muskel, halb Wampe. Unverkennbar: "Gigante", der Titel des Films, bezieht sich auf ihn. Auf den zweiten Blick freilich zeigt sich: der Flaum auf der Oberlippe, das leicht Täppische seiner Bewegungen, das Riesenbabyhafte seines Gemüts. "Jarita", Jarachen, nennen ihn die Kollegen im Supermarkt und zu Recht. Dort nämlich arbeitet er, gehört zum Sicherheitspersonal, tritt seinen Dienst nach Schließung des Ladens an. Am Überwachungsmonitor sitzt er. Zwar sind keine Kunden mehr im Laden, aber auch auf die Putzfrauen, die gerne dies und das mitgehen lassen, gilt es ein Auge zu haben.

 

Jarita allerdings übertreibt genau das: das Haben eines Auges auf eine Putzfrau. Aus Langeweile zunächst, könnte man sagen, lässt er sich vom coup de foudre ereilen. Ein Blick auf die leeren Gänge des Ladens und, voila, ein Liebesobjekt. Die Putzfrau Julia findet ihren Romeo. Mit der tapsigen Anhänglichkeit eines Welpen (im Körper eines Fleischerhunds) folgt er Julia fortan. Mit Blicken, mit Schritten, mit Schlägen (ein Welpe, der seine Kraft unterschätzt) durch den Supermarkt, durch die Stadt. Montevideo ist die Stadt, die wir so, am Rande immerzu, kennen lernen, an ihrem Strand, Hochhäuser im Hintergrund, endet der Film.

 

Man kann seinen Vorspann als Allegorie von "Gigante" nehmen: Erst knallt er rein, rote Schrift nur auf schwarzem Grund, zunächst riesig die Buchstaben, man erkennt sie nicht, dann treten sie, lesbar werdend, in den Hintergrund. Ungefähr so, nur von Anfang an zarter, ist auch der Film. Die ersten Bilder, Schnitt für Schnitt durch den Supermarkt, scheinen ein Versprechen auf große Themen: Arbeitsmarkt, Überwachungsblick, der Laden als Apparat, nüchterne Aufnahmen, Ausschnitte, der Betrachter wird hineingeworfen in die Bilder des Films.

 

Dann treten Konturen hervor, die Liebesgeschichte und aller Rest ist nur Miniatur. Die Miniaturen, die er auf dem Weg dahin zeichnet, sind mal billige Scherze, mal nette Einfälle - und mehr als das sind sie nie. Der einzige Akkord, den der Film kennt, ist von bittersüßer Freundlichkeit und beim ersten Mal vernimmt man ihn noch gern. Spätestens nach der dritten oder vierten Wiederholung jedoch wäre einem eine Abwechslung doch sehr angenehm. Und ein Heavy-Metal-Riff hier und da hilft da gar nichts, sondern macht nur deutlich, dass "Gigante" auch dann nicht beißen will, wenn mal ein bisschen lauter bellt.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen, anlässlich der Berlinale 2009, in: www.perlentaucher.de

 

Gigante

Uruguay / Deutschland / Argentinien / Niederlande 2009 - Regie: Adrián Biniez - Darsteller: Horacio Camandule, Leonor Svarcas, Néstor Guzzini, Federico García, Fabiana Charlo, Ernesto Liotti, Diego Artucio - FSK: ab 6 - Länge: 84 min. - Start: 1.10.2009

 

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