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The Gift


 


Joel Edgerton ist mit "The Gift" ein schöner, kleiner, fieser Genrefilm über das Fremdwerden des eigenen Zuhauses gelungen.

Unter welchen Voraussetzungen kann man es sich leisten, ein Geschenk nicht zu erwidern? Eine Einladung nicht anzunehmen? Ein Gespräch zu unterbrechen? Um derartige Techniken des Kommunikationsabbruchs, die zu allen modernen, unter der Bedingung der Kontingenz entstehenden sozialen Beziehungen dazugehören, scheint es in "The Gift" zunächst zu gehen: Ein junges Ehepaar hat nach einem Umzug Mühe, einen alten Bekannten aus der Schulzeit des Mannes loszuwerden. Simon (Jason Bateman) plädiert dafür, Gordo (Joel Edgerton, der auch als Regisseur und Drehbuchautor fungiert), einen etwas linkischen, anhänglichen Typ mittleren Alters, ohne Umschweife abzuwimmeln; seiner Frau Robyn (Rebecca Hall) erscheint das zunächst zu harsch. Als dann plötzlich der Hund des Paares verschwindet und alles auf Gordo als Kidnapper deutet, ändert sie ihre Meinung. Aber das ist nur die erste einer ganzen Reihe von Wendungen, die die anfangs überschaubare Situation systematisch, Schritt für Schritt verkomplizieren.

"The Gift" ist kein perfekter Film. Gelegentlich ist er etwas zu umständlich (und geschwätzig) darin, die Figuren dorthin zu manövrieren, wo er sie braucht; und er hat dafür für Anderes zu wenig Zeit, insbesondere für die Arbeitskollegen des Mannes, die wohl das Haifischbecken-Milieu exemplifizieren sollen, in dem Simon sich bewegt, von denen aber lediglich Busy Philipps (warum eigentlich ist die nicht längst ein Superstar?) als Terrorblondine im Gedächtnis bleibt. Dennoch ist Edgerton ein erstaunlich eigensinniges, selbstbewusstes Langfilmdebüt gelungen, das sich traut, sein Publikum über lange Phasen auf falsche Fährten zu locken - und das doch auf mehr hinaus will, als auf das bloße "Ätsch, reingelegt!".

Produziert wurde "The Gift" von Jason Blum, der in den letzten Jahren eine veritable Erfolgsgeschichte hingelegt hat: Wo ansonsten allenthalben darüber gejammert wird, dass neben den sich ständig vermehrenden hypertrophen Blockbuster-Franchises kaum noch andere Formen des populären Kinos bestehen können, beweist seine Produktionsfirma Blumhouse Productions das Gegenteil. Sie hat sich auf klassische Genrefilme im "Mikrobudget"-Bereich (vom deutschen Kino aus betrachtet ein irreführender Begriff - ein paar Millionen kosten die Filme allemal) spezialisiert und feiert mit vergleichsweise kleinformatigen Horrorfilmen und Thrillern einen Kassenerfolg nach dem nächsten.

Außerdem ist Blum dabei, so etwas wie eine Produzentenhandschrift zu entwickeln. Mit erstaunlicher Konsequenz bearbeitet ein großer Teil der von ihm finanzierten Filme ein wiederkehrendes Motiv: das Fremdwerden des eigenen Zuhauses. Sein erster und bisher größter Erfolg, die "Paranormal Activity"-Filmserie, gibt seit 2007 ein Muster vor, das inzwischen von Filmen wie "Insidious", "Sinister", "The Purge" oder jüngst "The Boy Next Door" variiert wird: Stets geht es um einen middle-class-Kleinfamilienhaushalt, der sich in seinem Eigenheim mit Eindringlingen konfrontiert sieht. Manchmal ist die Invasion übersinnlicher, manchmal einfach nur asozialer, im reichlich trashigen "The Boy Next Door" gar erotischer Natur. Und stets stellt sie das bürgerliche Selbstverständnis der Angegriffenen in Frage. Freilich ist dieses Selbstverständnis von Anfang an prekär. Der Terror richtet sich in den Blumhouse-Filmen nicht mehr gegen die klassische, patriarchalisch organisierte Kleinfamilie, sondern gegen junge, schnöselige Neospießer, die Familie eher aufführen als leben und die mindestens auch mit dem Unbehagen am eigenen überangepassten Lebensstil konfrontiert werden. Auch die Wohnungen, die in den Filmen heimgesucht werden, sehen meist etwas zu wohlgeordnet aus, klinisch rein, wie Katalogabbildungen.

"The Gift", der tatsächlich mit einer Wohnungsbesichtigung unter dem Aspekt der Innenarchitektur beginnt, ist nicht nur eine der atmosphärisch stärksten Blum-Produktionen, sondern auch die bislang interessanteste Wendung seines Lieblingsthemas. Und zwar, weil die Bedrohung für einmal keine exakt identifizierbare Form annimmt. Edgertons abgeschlaffter Gordo ist körperlich keine Gefahr, die Spannung bleibt fast durchgängig auf der psychologischen Ebene - und verflüchtigt sich zwischendurch, das ist vielleicht die mutigste Entscheidung des Films, komplett: Auch wenn am Ende doch wieder die Mechanik des Genrekinos lauert (das einen effektvollen, bösartigen Twist parat hat), geht es in "The Gift" im Kern um eine rabenschwarze, fast schon apokalyptische Beziehungsdynamik, für die der arme Gordo nur ein willkürlicher, austauschbarer Auslöser ist. Und die sich in wiederkehrenden Einstellungen spiegelt, die die Wohnräume des Ehepaars in ein klaustrophobisches, fast abstraktes Formenspiel auflösen.

In dieser Hinsicht funktioniert der Film vor allem über die beiden großartigen Hauptdarsteller. Bateman tritt sonst vor allem in Komödien auf und spielt dort mit Vorliebe ein wenig überkontrollierte Typen, deren Leben gerade deshalb aus dem Ruder läuft, weil sie sich vom Leben verschließen, alles in sich hineinfressen. Simon ist eine düstere, aggressive Version dieser Rolle: ein kleingeistiger, ehrgeiziger Despot, der beruflich wie privat über Leichen geht und die eigene Empathielosigkeit zum Grundprinzip seines Handelns macht. Es dürfte eine Weile her sein, dass ein Studiofilm den Mut hat, eine derart unsympathische Hauptfigur einzusetzen. Die eigentliche Attraktion aber ist Rebecca Hall. Fabelhaft anzuschauen, wie die hochgewachsene, etwas vogelartig anmutende Frau langsam aber sicher den Halt in ihrer familiären Existenz und in ihren eigenen Wohnräumen verliert, wie sich das in kleine körperliche Unsicherheiten übersetzt, wie sie irgendwann selbst das einfache am-Küchentisch-Sitzen nicht mehr unbeschwert hinbekommt.

Lukas Foerster

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

  

The Gift
Australien, USA 2015 - 108 Min. - Kinostart(D): 26.11.2015 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Joel Edgerton - Drehbuch: Joel Edgerton - Produktion: Jason Blum, Joel Edgerton, Rebecca Yeldham - Kamera: Eduard Grau - Schnitt: Matt Chessé, Luke Doolan - Musik: Danny Bensi, Saunder Jurriaans - Darsteller: Jason Bateman, Rebecca Hall, Joel Edgerton, Busy Philipps, Katie Aselton, Allison Tolman, Susan May Pratt, David Denman, Tim Griffin, Wendell Pierce, Nash Edgerton, Beau Knapp, Mirrah Foulkes, P.J. Byrne, Stacey Bender - Verleih: Paramount Pictures Germany

 

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