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George A. Romero's Survival Of The Dead

 

 

George A. Romero liefert mit "Survival of the Dead" ehrliches Zombie-Handwerk mit starkem Western-Einschlag.

 

Zombies, weiß heute auch jedes Provinzfeuilleton, sind nicht einfach nur blutrünstige Untote, sondern Metaphern. Sie stehen wahlweise für den Identitätsverlust in der Massengesellschaft, für die Bedrohung durch den Konformismus, den Kommunismus, den Kapitalismus. Mal sind sie die Wiederkehr des Verdrängten, dann ein Sinnbild für den hirntoten Konsumenten, und ganz grundsätzlich Subtext-Konvolut. Eines jedenfalls sind sie nie: Nur einfach Zombies.

 

Dass gerade George A. Romero, der mit "Night of the Living Dead" (1968) das Horror-Subgenre des apokalyptischen Zombiefilms begründete und es mit den hierzulande staatsanwaltschaftlich beschlagnahmten Fortsetzungen "Dawn of the Dead" (1978) und "Day of the Dead" (1984) ikonografisch arrondierte, den Zombie nur ganz er selbst sein lässt, ist vielleicht nur folgerichtig: Kein anderer Filmemacher genießt eine derartige Hoheit über Sein und Wesen der populärsten Revenants. Und eigentlich interessiert sich Romero für die Zombies ohnehin meist nur am Rande - und spätestens ab "Day of the Dead" stellt sich bei ihm mit jedem Film drängender die Frage, ob womöglich nicht doch die Zombies die besseren Menschen oder nicht wenigstens die Menschen die schlimmeren Bestien seien.

 

In "Survival of the Dead", seinem nunmehr sechsten Zombiefilm, stellen die Zombies denn auch wirklich nur noch das Hintergrundrauschen einer, im Grunde genommen, Westernstory dar: Auf einer Insel vor der Küste Delawares stehen sich seit Generationen zwei verfeindete Clans gegenüber. Mit dem Ausbruch der Zombieapokalypse stellt sich ihnen die Grundsatzfrage, wie mit den Wiederkehrern zu verfahren sei: Pragmatisch-irisch ist die Option der einen, puritanisch-gottesfürchtig die der anderen Seite.

 

Eine Gruppe Soldaten, nach einigem Hin und Her auf die Insel gelockt, sorgt schlussendlich für das Quentchen eskalativer Sprengkraft - stilecht auf der Farm zwischen Scheune und Koppel. Und wenn am Ende ein Überlebender des abschließenden und sinnlosen Massakers gallig bemerkt, dass in einer Welt, in der der eine seine Flagge aufstellt und ein anderer sie durch seine ersetzt, am Ende keiner mehr weiß, worauf der Konflikt sich gründet, da es am Ende nur noch um diese Flaggen geht, so hört man in diesem Epilog einen auch mit 70 Jahren noch immer zornigen Romero das Wort erheben.

 

Bei solch alttestamentarisch-grimmigem Existenzialismus gerät der Zombie rasch ins Hintertreffen. Eher ist er eine jämmerliche Kreatur: Wenn er nicht von einer Gruppe Rednecks fürchterlich gequält wird, ist er entweder Kanonenfutter oder gleich konkretes Experimentierfeld für kreative Tötungsarten: Mal wird er mit Löschschaum zum Platzen gebracht, dann mit einer Leuchtkugel von innen zum post-menschlichen Zigarettenanzünder umfunktioniert, mit einem Bratwurstspießchen umgelegt, kopfüber aufgehängt, in Ketten abgeführt oder auf einer Koppel gehalten. Fast zärtlich legt sich Romeros Kamerablick auf die Untoten wenn diese einfach nur unbehelligt das tun dürfen, was sie eben im Sinn haben: Fleisch reißen.

 

Vielleicht wollte Romero aber auch nur endlich einen Western drehen: Wenn er die herbstliche Insellandschaft als breites Panorama schwelgerisch in den Blick nimmt, wenn er seine Dialoge und Shootouts in klassischer Manier ins Bild setzt (man muss, zugegeben, ein wenig Nachsicht aufbringen, um das vor dem Beschleunigungsgebot der allgemeinen Filmproduktion nicht bloß altbacken zu finden) steckt da deutlich Liebe zum Genre drin.

 

Nur bekäme Romero, ein notorischer Outsider Hollywoods, einen Western vermutlich noch weniger finanziert als einen Beitrag zu jenem Subgenre, für das sein Name fast synonym steht. Und an Geld mangelt es in "Survival of the Dead" oft schmerzhaft eklatant: Explosionen finden nur auf der Tonspur statt, fast alle Blut- und Splattereffekte sind mies ins Bild gepixelt, die übrigen Schauwerte befinden sich in etwa auf mittlerem Fernsehfilmniveau, die Inszenierung folgt den Effizienzgeboten tiefpreisiger Filmproduktionen. Das schmerzt schon deshalb, weil mit "The Crazies" demnächst aus dem Herzen Hollywoods ein Remake eines Romero-Klassikers ins Kino kommt, in dem schon manche Einstellung mehr Geld verschlungen haben dürfte als "Survival of the Dead" insgesamt. Romero, immerhin, bewahrt vor diesem Hintergrund als Maverick, der stets auch mit begrenzten Mitteln hantieren kann, ein gutes Stück Würde. "Survival of the Dead" mag kein allzu guter Genrefilm sein, ist aber auf sehr aufrichtige Weise ernst gemeint.

 

Thomas Groh

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de  

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

George A. Romero's Survival Of The Dead

USA 2009 - Regie: George A. Romero - Darsteller: Alan van Sprang, Kenneth Welsh, Kathleen Munroe, Devon Bostick, Richard Fitzpatrick, Athena Karkanis, Stefano Di Matteo, Joris Jarsky, Eric Woolfe - FSK: keine Jugendfreigabe - Länge: 86 min. - Start: 6.5.2010

 

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