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Entschieden unweise

Kleinformatig, großherzig, toll besetzt und kaum klebrig ist die Beziehungskomödie "Enough Said" von Nicole Holofcener.

"Enough Said" von Nicole Holofcener ist ein kleiner Beziehungsfilm mit einem großen Herz für seine Figuren, dabei überraschend sachlich, klug und fast gar nicht klebrig. Schauplatz ist Los Angeles, also eines der geografischen Zentren der amerikanischen Unterhaltungsindustrie, mit der die Figuren des Films jedoch nur vermittelt zu tun haben. Sie leisten Reproduktionsarbeit im weitesten Sinn, als Masseurin, Therapeutin, Fernseharchivar oder als Lyrikerin. Über letztere macht sich "Enough Said" in leiser, mitunter aber trotzdem unangenehmer Weise lustig, davon abgesehen findet der Film eigentlich immer das richtige Verhältnis zu seinen Figuren: einfühlsam, doch unapologetisch. Vom Stoff (und vom vergeigten Soundtrack) her neigen sich Abgleitflächen ins süßlich Menschelnde, dennoch hält der Film konstant Kurs. Neben dem strategischen mismatch von Julia Louis-Dreyfus und dem dieses Jahr verstorbenen James Gandolfini, die untereinander und mit ihren Genre-Rollen (als Romcom-Leads) auf produktive Weise fremdeln, sind es vor allem die Outfits, Orte und Einrichtungsgegenstände - der Sinn fürs Umfeld - worin sich "Enough Said" von den üblichen Dysfunktionalitätserzählungen abhebt. Je länger der Film hinschaut, desto mehr zeigt sich das Spezifische dieser eigentlich unspezifischen Welt.

Eva (Julia Louis-Dreyfus) ist Mitte 50, geschieden und verdingt sich als selbstständige Masseurin. Eingeführt wird sie in einer Montagesequenz, die sie mit verschiedenen Klienten bei der Arbeit zeigt. Von Berufs wegen hat Eva Zutritt zu den Wohnräumen einer gut situierten Mittelschicht, der sie selbst eher zuarbeitet als angehört. Mehr noch: Als Masseurin kann sie die psychosozialen Vibes in diesem Umfeld gewissermaßen in den Fingerspitzen fühlen. Das Sorgerecht für ihre Tochter Ellen (Tracey Fairaway) teilt Eva mit ihrem Exmann, mit dem sie ansonsten absolut nichts mehr verbindet: "Enough Said" ist eine Komödie über das reife Beziehungsleben nach dem Ende der großen romantischen Erzählung. Auf einer Party lernt Eva Albert (James Gandolfini in seiner vorletzten Rolle) kennen. Ein zögerlicher Flirt führt bald zu mehr. Vor allem aber gibt er den Anlass zu einer komischen Abhandlung über Partnerwahl und -werbung unter erwachsenen Menschen, denen die Unwahrscheinlichkeit geglückter Intimität bei jedem Schritt schmerzlich bewusst ist.

"It's better when everyone's older and wiser", sagt die neue Frau von Evas Ex einmal über die zweiten und dritten Chancen, die das Leben für manche bereithält. Die Situation von Eva und Albert ist damit aber nur ungenügend beschrieben, eher schon eröffnet diese Feststellung einen ironischen Resonanzraum für Evas entschieden unweise Verrenkungen. Als sie realisiert, dass die Klientin, die immerzu von ihrem schrecklichen Exmann erzählt, damit niemand anderen als Albert meint, behält Eva dies zunächst für sich. Zu verlockend ist es, den Tiraden von Alberts Ex jetzt schon zu entnehmen, was später alles schief gehen könnte. "She's like a human 'Trip Advisor'," erklärt Eva einer Freundin. "If you could avoid staying in a bad hotel, wouldn't you?"

Ein Satz (und eine Erzählprämisse) wie aus "Seinfeld", der Sitcom, die Julia Louis-Dreyfus Anfang der 1990er berühmt gemacht hat. Tatsächlich erscheint Eva als eine entfernte Verwandte der unvergleichlichen Seinfeld-Figur Elaine. Auch im Problembefund kommen Sitcom und Film weitgehend überein, obschon die asozialen Spitzen, die "Seinfeld" seinen egomanen Figuren zutraut, von Holofceners Sanftheit und Geduld aufgefangen bzw. entschärft werden. Wie für Jerry Seinfeld & Company, so geraten auch für Eva, angestachelt durch den anatomischen Blick von Alberts Ex, die kleinsten Verhaltensidiosynkrasien zum deal breaker. Aber während Larry David - Autor nicht nur von "Seinfeld", sondern auch von "Curb Your Enthusiasm", das ebenfalls in Los Angeles, in einem nicht unähnlichen Milieu angesiedelt ist - die Zwangsneurosen seiner Figuren als komisches Spektakel inszeniert, ist "Enough Said" auch und gerade dann noch um Empathie bemüht, wenn Eva sich ernstlich darüber echauffiert, wie Albert seine Guacamole isst. Dass es ihr nur momentweise gelingen will, Albert in seiner (von James Gandolfini mit großem Understatement verkörperten) Besonderheit zu begegnen, ist nicht allein ihre Schuld, sondern rührt auch von der Welt, durch die sich "Enough Said" an Evas Seite bewegt. Am Ende gibt es die Möglichkeit von Versöhnung. Nur wollen muss man sie.

Nikolaus Perneczky

Dieser Text ist zuerst erschienen im www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 
Genug gesagt

(Enough Said) - USA 2013 - 93 Minuten - Start(D): 19.12.2013 - FSK: ab 6 Jahre - Regie: Nicole Holofcener - Drehbuch: Nicole Holofcener - Produktion: Stefanie Azpiazu, Anthony Bregman - Kamera: Xavier Pérez Grobet -.Schnitt: Robert Frazen - Musik: Marcelo Zarvos - Darsteller: James Gandolfini, Toni Collette, Catherine Keener, Julia Louis-Dreyfus, Amy Landecker, Ben Falcone, Michaela Watkins, Eve Hewson, Toby Huss, Kathleen Rose Perkins

 

 

 

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