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Gegenwart

 

 
Unheilsatmosphäre

Einen mittelständischen Betrieb, der sein Geschäft mit dem Tod macht, lernt man in Thomas Heises neuem Film "Gegenwart" kennen.

Zwischen Weihnachten und Neujahr 2011, in der stillen Zeit zwischen den Jahren, hat der Dokumentarist Thomas Heise seinen neuen Film gedreht, draußen liegt und fällt Schnee, während die ersten Einstellungen der Außenseite eines noch fast völlig konturlosen, kaum vom Weiß der Umgehung sich abhebenden Gebäude gelten: ein gleißend heller blinder Fleck, eine andere, extremere Art von Nicht-Ort als jeder Flughafen oder Bahnhof. Von Innen entpuppt er sich als ein Krematorium, als ein sehr prosaischer mittelständischer Betrieb im Rheinländischen, der sein Geschäft mit dem Tod macht. Gezeigt werden die Arbeitsvorgänge, die diesen mittelständischen Betrieb am Laufen halten.

Es ist nicht so, dass man da besonders spektakuläre Bilder zu sehen bekommen würde. Man hat sich das alles schon vor dem Film denken können: Besonders in Deutschland reicht das verwaltete Leben über sein Ende hinaus; und das (weitgehend) säkularisierte Sterben bringt seine eigenen Rituale hervor. Und doch ist es etwas ganz anderes, genau das auch zu sehen, die Bedingungen des Verschwindens von Individualität Einstellung für Einstellung nachvollziehen zu können. Die Leichen sind selbst fast durchweg abwesend, versteckt, weggesperrt; irgendwann während eines Rundgangs durch die Aufbahrungshalle, während einer langen, repetitiven Szene, der man gar nicht so viel hinzufügen müsste, um sie ins lakonisch Komische kippen zu lassen, wird von einem Krematoriumsmitarbeiter ein Arm eines Toten aus einem Sarg herausgestreckt, kurz darauf folgen noch zwei-, drei Großaufnahmen erstorbener Hautpartien, das war's.

Trotzdem ist "Gegenwart" nicht einfach ein Film über gelungene Produktion. Nach dem Tod bleibt etwas vom Menschen zurück, ein Rest, und irgendwie ist dieser Rest ein Skandal. Das Krematorium verhält sich in dieser Hinsicht ambivalent: Es macht den Rest unsichtbar, aber stellt den Skandal dennoch aus, auf seine Weise, es überführt ihn in einen komplizierten Apparat, in dem zwar alles seine Ordnung hat, zumindest, solange der Gewebefilter hält, der aber trotzdem einfach ziemlich viel Apparat ist für die unbelebten Kohlenstoffverbindungen, um die es ganz eigentlich geht. Es gibt das Ofensystem, die neben- und übereinander gelagerten Särge, die grafischen Diagramme, den Verwaltungsraum mit den Computern, einen Warteraum, in dem Kaffee aus gemütlichen, dicken Tassen getrunken wird.

Auch das hätte man sich alles denken können - nicht in den Details allerdings, die sind widerständig, wie stets in Heises Filmen; was hat es zum Beispiel damit auf sich, dass ausgerechnet ein glatzköpfiger junger Mann in Thor-Steinar-Klamotten in den Ofen hinab steigt? Und wie die Glatze dabei glänzt ... Und dann: Wie weit kann man überhaupt denkend nachvollziehen, was nach dem Ende des Denkens folgen wird? Auch die Grenzen des Denkens über den Tod lässt der Film intakt: "Gegenwart" ist nicht auf der Suche nach etwas Ganzem, etwas Greifbarem, etwas Konkretem, das der Erfahrung von Abstraktion, die man im Angesicht des Todes und in einem mittelständisch geleiteten Krematorium vielleicht noch einmal besonders gut machen kann, entgegenzusetzen wäre. (Im Gegenteil holt die gespenstische letzte Szene den Tod ins Leben hinein, verwandelt einen ausgelassenen Karnevalsfeier in einen unheimlichen Automatentanz.)

Dazu passt, dass der zentrale Arbeitsvorgang, um den es geht, wenn ich das richtig verstanden habe ("Gegenwart" ist kein "Sendung mit der Maus"-Erklärfilm, Voice-Over gibt es sowieso keinen, Interviews auch nicht und selbst mitabgehörte Arbeitsplatzdialoge kaum), bei Heise nicht chronologisch linear abläuft oder gar entlang einer einzelnen Einäscherung vorgeführt wird. Sondern eher rückwärts, zumindest am Anfang, wenn der beschädigte Ofen, in dem Sarg und Leiche verbrannt worden sind, wieder neu zusammengesetzt und erst anschließend gezeigt wird, wie (vorher) die Asche aus der Luke geborgen wird. Die Arbeitsteilung, Grundvoraussetzung der industriellen Moderne, zerlegt ganz buchstäblich den Körper, auch den des Films.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Gegenwart
Deutschland 2012 - 68 min.
Regie: Thomas Heise - Drehbuch: Thomas Heise - Produktion: Meike Martens - Kamera: Robert Nickolaus - Schnitt: Mike Gürgen - Verleih: Real Fiction - Kinostart (D): 21.03.2013

 

 

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