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Ganz nah bei Dir

 

 

Schönere Störung

 

Almut Gettos Liebesgeschichte "Ganz nah bei Dir" muss man gesehen haben, um zu glauben, was für Drehbücher hierzulande so durchgewinkt werden.

 

Ein brav geschniegelter Mann, der sein Geld damit verdient, gefälschte Euro-Scheine zu prüfen und nach ihren Herkunftsländern zu sortieren; der jeden Morgen von seiner Hemdaufblas-Bügelmaschine geweckt wird mit der Ansage "Die Betriebstemperatur ist erreicht"; der aus nicht wirklich einsichtigen Gründen Buster Keaton verehrt und davon träumt, einmal selbst als Komödiant auftreten zu können; der im richtigen Leben ein schlimmer Stinkstiefel ist, der die Leute, die ihm begegnen, immer erst mal vor den Kopf stößt und der entsprechend auch keinen Freund hat außer seinem Analytiker und einer Schildkröte namens Paul, mit der er sich vorzugsweise identifiziert. Das ist Phillip (Bastian Trost), der Held des vorliegenden Films, und also eine von jeder auch nur zufälligen Ähnlichkeit mit dem in der Wirklichkeit Möglichen gewaltsam befreite Figur.

 

Fehlt nur noch ein entsprechender weiblicher Konterpart aus dem Klischeereservoir. Da passt eine blinde, aber forsche Cellistin namens Lina (Katharina Schüttler) doch bestens. Mann mit Gemütsschaden begegnet Frau mit Augenschaden, Hand in Hand rennen sie nach Hause, so beginnt der per-aspera-ad-astra-Liebes- und Erlösungsparcours. Umwege müssen her und so denkt das Drehbuch sich viel Unfug und Schmarrn aus, der sich ganz sicher nicht aus einer ohnehin nicht vorhandenen Figurenpsychologie erklärt, sondern nur aus dem dringenden Wunsch, das unabwendbar glückliche Ende so lang noch hinauszuschieben, bis die Laufzeit eines Spielfilms mit Mühe und Not dann gefüllt ist. Also wird Phillips Wohnung von Dieben ausgeräumt, nur die Bügelapparatur bleibt, warum auch immer, zurück - aber was das Schlimmste ist: auch Schildkröte Paul ist verschwunden. Zwei Polizisten aus dem Stereotypenhandbuch nehmen die Ermittlungen auf. Phillip schenkt Lina eine Sonnenbrille, worauf sie ihn sehr zu recht als unsensibelsten Menschen beschimpft, der ihr jemals begegnet ist. Später kommt es noch zu einer pantomimischen Buster-Keaton-Privat-Performance vor blindem Ein-Frau-Publikum. Das ist nicht tragisch, das ist nicht komisch, das ist einfach nur noch peinlich.

 

"Ganz nah bei dir" könnte man getrost ignorieren, wäre er nicht Teil eines Syndroms. Von deutschen Filmen nämlich, die nichts wissen wollen über irgendeine Realität. Die aus dem Drehbuchchemiebaukasten zusammengerührt sind und dann, notdürftig zu einer halbwegs funktionierenden Geschichte ausgehärtet, an einem beliebigen Ort (ist das eigentlich Berlin oder nicht hier?) abgeworfen werden. Man vermisst den leisesten Impuls, der darauf zielte, sich mit irgendetwas an gesellschaftlicher Wirklichkeit im Ernst zu befassen. Auch und gerade der Schaden an der Seele des Protagonisten ist bloße klappernde Drehbuch-Funktion und Motivierung von hinten: für eine schöne Erlösung bedarf es einer noch schöneren Störung. Den Helden dann von einer Blinden wachküssen zu lassen, das ist im Rahmen des Happy-End-Beschaffungsbetriebs - aber nur in diesem Rahmen - eine prima Idee. Behinderung rührt erfahrungsgemäß wirkungsvoll an Herzen, die an Problemersatzstoff gewöhnt sind. Alles nur Placebo und damit Fernseh-Primetime-tauglich, Risiken und Nebenwirkungen gibt es nicht. (Und indem man das Etikett "Märchen" draufklebt, kann man auch gleich dreist alle Ansprüche an ein Mindestmaß von Wirklichkeitsnähe und genauer Figurenbeschreibung beiseite wischen.)

 

Und das wäre alles immer noch nur halb so schlimm, wären an einem Film wie "Ganz nah bei dir" nicht sichtlich hoch talentierte Menschen beteiligt. Vom ersten Bild an zeigt Michael Wiesweg, einer von Deutschlands besten Kameramännern, was er kann. Vielleicht ist die erste Einstellung - Regenschirme von oben - aus Johnnie Tos "Sparrow" geklaut, vielleicht nicht: wirkungsvoll ist sie, wie viele weitere, sehr genau komponierte, allemal. Und die Differenzierung der Welten in nächtlichen Schummer (mit der Lina-Figur assoziiert) und kaltes klares Tageslicht (Phillips Realität) bekommt Wiesweg ebenfalls nur zu gut hin. Auch Bastian Trost, der Hauptdarsteller, ist ein hoch interessanter Mann. Seit Jahren im deutsch-britischen Experimental-Performer-Kollektiv Gob Squad eine feste Größe, einer, dessen Horizont über biedersinnigen Quatsch wie "Ganz nah bei dir" eigentlich weit hinausreicht. Und Katharina Schüttler wird demnächst (hoffentlich auch in Deutschland) in Olivier Assayas' Fernseh-Film-Biopic des Terroristen Carlos zeigen, was sie eigentlich kann. Almut Gettos Film jedoch ist ein Trauerspiel, weil er aus alledem nichts macht, eine Bankrotterklärung auch der Entscheidungsgremien, die ein unterirdisches Drehbuch wie dieses einfach so durchgewinkt haben.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am: 11.11.2009 in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Ganz nah bei Dir

Deutschland 2009 - Regie: Almut Getto - Darsteller: Bastian Trost, Katharina Schüttler, Andreas Patton, Traute Hoess, Heiko Pinowski, Jürgen Rißmann, Aline Staskowiak, Axel Olsson - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 88 min. - Start: 12.11.2009

 

 

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