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The Gambler

 

 


Rupert Wyatt verwandelt in "The Gambler" eine existentialistische Charakterstudie in ein stylishes Nichts.

Es gibt, das muss man dem Film lassen, in "The Gambler" einige herausragend seltsame Szenen. Hervorzuheben ist insbesondere eine der absurdesten fiktionalen Vorlesungen der Filmgeschichte: Mark Wahlberg gibt den Literaturprofessor und schwadroniert darüber, dass es in so ziemlich allen Lebensbereichen fast ausschließlich auf natürliche Begabung ankomme, dass deshalb seine eigene Profession komplett überflüssig sei. Bald beginnt er, auf der Suche nach Beweisen für seine These, die Sitzreihen zu durchstreifen. Da stößt er zum Beispiel auf einen notorischen Kiffer, der innerhalb weniger Jahre zu einem der besten Tennisspieler des Landes aufgestiegen ist (und trotzdem nichts besseres zu tun hat, als sich Wahlbergs gaga-talk anzuhören); und auf ein schüchternes Mädchen, das sich hinter ihrem Laptop versteckt und das er zielsicher als ein literarisches Talent ersten Ranges identifiziert.

Gut, mit der kommenden Literaturnobelpreisträgerin steigt er wenig später ins Bett - was der Film zwar durchaus aufdringlich als den ultimativen Beweis nonkonformistischer Verkommenheit präsentiert, was aber immerhin diese eine Handlung nachträglich mit einem nachvollziehbaren Motiv erdet. Wenn Wahlbergs Professor Jim Bennett dagegen hyperventilierend, in dämonisierender Untersicht gefilmt, vor einem auf eine Leinwand projizierten Camus-Cover Reden schwingt, muss man gar nicht erst anfangen mit Plausibilisierungsversuchen. Man könnte es statt dessen mit Lachen probieren. Wenn das Ganze nur nicht so… ernst gemeint wäre, möchte man zuerst sagen, weil dem Film jegliches Bewusstsein für die eigene Abstrusität fehlt. Aber dass ein Film, der von Tarantino bis (ganz besonders penetrant) Winding Refn alles sampelt, was in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten unter filmischer Coolness lief, sonderlich ernst gemeint wäre, steht nun auch wieder nicht zu vermuten.

Es muss natürlich auch nicht jeder Film sich selbst bitter ernst nehmen. Der erste "The Gambler"-Film aus dem Jahr 1974, dessen recht freies Remake der aktuelle ist, nahm sich zum Beispiel fast ein wenig zu ernst: Eine manchmal etwas allzu angestrengt anmutende, von Gustav-Mahler-Klängen manchmal etwas zu humorfrei existentialistisch eingefärbte Charakterstudie war das; aber doch immerhin ein Film, der halbwegs nachvollziehbar machen konnte, warum seine damals von James Caan verkörperte Hauptfigur ohne äußeren Anlass die Kontrolle über das eigene Leben verlor. Oder zumindest, wie sich dieser Kontrollverlust anfühlt, wie man mit der Welt und den lehmig-warmen Farben des New Yorks der siebziger Jahre klar kommt, wenn man sich groß und stark und männlich, also jamescaanmäßig fühlt, aber plötzlich so gar nichts mehr auf die Reihe bekommt.

Nicht jeder Film muss sich selbst reflektieren, nicht jeder muss sich ernst nehmen, es muss sich noch nicht einmal jeder zwischen beidem entscheiden. Aber wie soll man sich zu diesem Mark Wahlberg verhalten, der gleichzeitig antriebslos und doch wie aufgezogen durch Los Angeles driftet, vom Hochglanzcasino zum schrill überzeichneten Geldeintreiber, vom Tennisplatz der High-Society-Mutter zum modernistisch konstruierten Eigenheim, vom Vorlesungssaal zum Motelsex mit der eh auch bald genervten Studentin; der links und rechts Geldbündel verzockt, ohne mit der Wimper zu zucken, dabei aber nicht in eine existentialistische Krise (die müsste sich schließlich von einem nicht krisenhaften Normalzustand abheben) gerät, sondern nur in eine eher mittelmäßig gut konstruierte Gangstergeschichte; der neben seiner Sonnenbrille auch stets ein miesepetriges Knautschgesicht aufsetzt, das sich von seiner Umwelt schon mimisch abschließt, ohne freilich auf nur irgendeine (zum Beispiel, wie bei Caan, auf eine narzisstische) Innerlichkeit zu verweisen?

Man könnte sich, denkt man erst, statt dessen an all das halten, was neben diesem leeren Zentrum sichtbar wird. Die Besetzung zum Beispiel ist interessant. Zwischendurch tauchen jede Menge tolle Nebendarsteller auf; zwei davon kennt man aus "The Wire", ein dritter ist ein inzwischen wirklich grotesk aufgeschwemmter John Goodman. Es gibt viel Casino- und ein bisschen High-Society-Glamour (die eigentlichen Gambler-Szenen sind schrecklich doof - das war allerdings auch schon im alten Film so), es gibt einige rabiate Gewaltszenen, zwischendurch einige halbwegs atmosphärische LA-Panoramen. Doch bleibt alles Accessoire. Was ist, ist nicht aus innerer Notwendigkeit, sondern weil jemand, vermutlich der Regisseur Rupert Wyatt, von dem man nach dem schönen "Planet of the Apes"-Relaunch Besseres erwarten durfte, sich gedacht hat: Wäre cool, das auch noch zu haben. Und jetzt steht es halt im Film rum wie in einer eh viel zu kleinen Wohnung eine zusätzliche Stehlampe, die zwar halbwegs stylish, aber doch vor allem im Weg ist.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

 

The Gambler
USA 2014 - 111 min. - Regie: Rupert Wyatt - Drehbuch: William Monahan - Produktion: Robert Chartoff, Stephen Levinson, Mark Wahlberg, David Winkler, Irwin Winkler - Kamera: Greig Fraser - Schnitt: Pete Beaudreau - Musik: Clint Bennett, Peter Rotter - Verleih: Paramount - Besetzung: Jessica Lange, Mark Wahlberg, Brie Larson, Sonya Walger, John Goodman, Caitlin O'Connor, Erika Jordan, Michael Kenneth Williams, Anne McDaniels, George Kennedy, Leland Orser, Richard Schiff - Kinostart (D): 15.01.2015

 

 

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