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The Future

 

 

Zwischen zwei Phasen in Permanenz: Miranda Julys 'The Future'

Die Zukunft liegt in der Vergangenheit. Zumindest was die Ästhetik der eigenen Lebensführung für Sophie (Miranda July) und Jason (Hamish Linklater) betrifft. Beide Mitte 30, gemeinsame Einzimmer-Wohnung, ewige Jugendliche: iPod, Laptop, Facebook, viel Vintage-Krimskrams überall, blöde Jobs (er Telefonist, sie Tanzlehrerin). Ein Leben zwischen zwei Phasen in Permanenz: Das ist nur für Zwischendurch, das ist nicht Zustand, da kommt noch was. Zum Beispiel in einem Monat eine kranke Katze aus dem Tierheim, die wahrscheinlich kein halbes Jahr mehr zu leben hat - Verantwortung auf Probezeit, die Fühler vorsichtig nach vorne schieben, wie das wohl ist, womöglich irgendwann gebunden sein. Und dennoch ist das für beide im Second-Hand-Leben ein Schock: Wenn die Katze womöglich doch länger lebt - wenn's gut läuft fünf Jahre, sagt die Pflegerin -, dann wären sie am Ende 40, und 40 ist eigentlich 50, was nach 50 kommt, ist Kleingeld und nicht mehr der Rede wert.

Bleibt netto ein Monat Rest-Leben in Freiheit. Internet abgestellt, Jobs gekündigt, um das auszukosten, um Ausschau zu halten, was das eigentlich ist, sein könnte, das eigentliche Leben, nur um dabei im nächsten Alltagsbullshit zu landen: Er bei albernen Öko-Hausierern, sie bei der fixen Idee, mit 30 obskuren Tanzvideos 30 Tage lang bei YouTube ein Schnapsglas Selbsterfüllung auszukosten. Was folgt, ist die Beziehungskrise, beide finden Unterschlupf bei älteren Männern: Er bei einem obskuren Nerd um die 80, der ihn auf dem Cordsofa bei Schnittchen mit Allerweltsweisheiten aus einer 60 Jahre alten Ehe vollsabbelt, sie bei einem Herrn um die 50 mit Töchterchen im arrivierten Wohnambiente, mit dem sie bald auch in die Kiste steigt. Vom Indiepop-Alltagstraum volles Katapult ins höllische Vorort-Garten-Grill-Idyll, ein Bild wie eine alte Postkarte, das kein Stück verzerrt ist und doch grotesk erscheint.

Die Zukunft liegt in der Vergangenheit: Sophie und Jason tasten sich durch eine Welt, die für heutige Thirtysomethings weder greif- noch verstehbar ist, geschweige denn als Option noch zur Verfügung steht: Eigenheim mit Vorgarten, geregelter Arbeitstag, geregelte Lebensplanung, gediegene Einrichtung, Grillen im Garten am Wochenende, schöne Wörtchen zwischendurch ("Schatz, in diesem Licht siehst Du perfekt aus!"). Wenn die beiden durch die Straßen von Los Angeles streifen - er von Tür zu Tür, um Bäumchen zu verticken - verhalten sie sich wie Fremde im Transit: Anklopfen ja, nur rein kommt man die Bürgerwelt von dereinst nicht mehr.

Wenn man so will, ist die Allround-Künstlerin Miranda July für Indiepop-geschulte Twens etwa das, was Woody Allen womöglich für das Susan-Sontag-New-York der 70er zwischen Fotoausstellung und Freud-Seminar gewesen ist: Auf Augenhöhe mit dem (hier noch etwas kalkulierter anvisierten) Zielpublikum und dessen Lebensumständen, das heute freilich mehr als damals privatistisch, nicht un-, sondern apolitisch ist. So ist denn auch "The Future" vor allem Schmoren im eigenen Saft, eine ständige Nabelbeschau und dabei, bei aller ausgestellten Koketterie mit Alltagskreativität zwischen Second-Hand-Store und eigenen YouTube-Videos, mitunter ein paar Spuren zu bieder: Der Soundtrack ist noch im dezenten Knistern alter Chansons kristallin klar und auf die Bedürfnisse eines Hipster-Publikums abgestimmt, hier und da gibt's filigrane Ambientklänge zu hören, die das Publikum umschmeicheln, auch wenn es schräg wird - Sophies Tanzvideos sind nicht eben Meisterwerke ihrer Kunst - geschieht dies in sorgfältig geplanten Bahnen: Alles, auch das Seltsame, ist hier längst schon sorgsam als Bestandteil der Ästhetik vorverwaltet, die mittlerweile mit dem Sundance Festival (dort feierte der Film Premiere) synonym ist.

Nicht, dass Einiges nicht charmant wäre in "The Future". Doch überwiegt der Eindruck des Kalküls, der bieder zurecht gezimmerten Indie-Wohlfühlwelt, in der auch Beziehungskrisen nicht Erfahrungen werden, sondern zum Bestandteil eines Lifestyle-Angebots, in dem orientierungsloses Umherirren in der eigenen Biografie, das Gefühl, nicht und nie anzukommen, kein gesellschaftliches Symptom ist, sondern eine Art beigelegtes Impfstoff-Zuckerli: Anfangs bitter, drinnen süß, muss man leider schlucken.

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

The Future
Deutschland / USA 2011 - Regie: Miranda July - Darsteller: Miranda July, Hamish Linklater, David Warshofsky, Isabella Acres, Joe Putterlik, Angela Trimbur, Mary Passeri, Kathleen Gati, Clement von Franckenstein - FSK: ab 6 - Länge: 91 min. - Start: 27.10.2011

 

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