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From Paris with love

 

 

In Pierre Morels rassistischem Machwerk "From Paris with love" knallt ein glatzköpfiger John Travolta im Dutzend Bösewichter ab, die nur eins gemeinsam haben: Sie sind nicht weiß.

 

Charlie Wax (John Travolta, hier mit Glatze) ist der prototypische hässliche Amerikaner, einer, der schon Minuten nach seiner Einreise, an der Flughafen-Gepäckkontrolle, zu pöbeln beginnt und dann im Folgenden, wie er immer wieder stolz verkündet, pro Stunde im Schnitt mindestens einen Bösewicht abknallt. Dass diese Bösewichter allesamt dunkle Haare und Hautfarben haben, muss er dabei nicht erst erwähnen. James Rheece (Jonathan Rhys Meyer), ein Naivling, dem sein Bürojob zu langweilig geworden ist und der deshalb nebenbei für die CIA zu spionieren begonnen hat, ist zunächst ein weit weniger hässlicher Amerikaner, ist elegant gekleidet, spielt Schach und hat eine französische Freundin. Worum es dem Film geht: auch aus diesem James Rheece einen hässlichen Amerikaner zu machen. Gemeinsam sollen Wax und Rheece einen Terroranschlag vereiteln. Wax zeigt, wie man das macht: erst schießen, dann fragen, vor allem, wenn das Gegenüber Zeichen ethnischer Differenz zu einem selbst trägt. Das funktioniert bei chinesischen Drogenhändlern genauso wie bei messerschwingenden Straßengangs, in den Banlieus ("In Paris, I thought, shitholes would be nicer") ebenso wie auf großen internationalen Empfängen. Und irgendwann muss man dann zur Panzerfaust greifen.

 

"Millions of lives are at stake!" So heißt es in der Fernsehserie "24" schon seit Jahren. Ein genialer Plotkniff fürs neofaschistische Filmschaffen, denn wenn "Millionen Menschenleben auf dem Spiel stehen" - eine Abstraktion, die in keiner Weise mehr in irgendeiner sozialen Realität verankert werden muss - ist alles erlaubt. Agent Jack Bauer darf Verfassung Verfassung sein lassen und foltern, was das Zeug hält, Agent Charlie Wax, der es nicht so mit dem Foltern hat, aber nur, weil das Foltern für den Folterer einen Triebaufschub beinhaltet und seine Lebensmaxime, wenn er denn überhaupt eine hat, die möglichst unmittelbare Triebbefriedigung ist, darf einen dunkelhäutigen Bösewicht pro Stunde abknallen. Ein Film wie "From Paris With Love" braucht gar keinen explizit rassistischen Diskurs mehr, weil er völlig unreflektierter Teil eines rassistischen Imaginären ist.

 

Luc Besson, seit Jahren König des Euro-Trashs, produziert, Pierre Morel führt - sehr souverän - Regie. Gemeinsam war das Team Besson / Morel letztes Jahr für den Überraschungserfolg "96 Hours" verantwortlich, der die Struktur auch für den Nachfolger vorgibt: Amerikaner räumen in Paris auf. In "96 Hours" musste Liam Neeson seine Tochter retten, die während ihres Europatrips bereits auf dem Pariser Flughafen in die Fänge eines Menschenhändlerrings geraten war, jetzt geht es eben um und gegen Terroristen. Seltsamerweise ist dieser zweite Film, vom Tonfall her weit weniger finster und genretechnisch wohl als Actionkomödie in der Nachfolge der "Lethal Weapon"-Filme zu klassifizieren, in politischer Hinsicht gleich noch einmal um einiges übler ausgefallen. In "96 Hours" war die (durchaus auch da schon primär ethnisch motivierte) Paranoia, die hinter dem Projekt stand, noch als solche zu erkennen, wenn Neeson in die barocken Tiefen des Menschenhändlerrings vordringt. In "From Paris with Love" dagegen tarnt sich die Verschwörung als Alltag und ist nur noch an ihrer nicht-weißen Hautfarbe zu erkennen. Der "Humor" beschränkt sich derweil von Anfang an auf Travoltas dumme Sprüche...

 

"From Paris With Love" ist ein dynamischer, gut gemachter B-Actionfilm, wie man ihn in Amerika schon seit längerem kaum noch produziert: Das Timing stimmt, die Verfolgungsjagden sind großartig und in topografischer Hinsicht hat der Film durchaus ein Bewusstsein für den Ort, an dem er spielt. Unprätentiöses Bewegungskino, gegen das nichts einzuwenden wäre, dem man sogar äußerst gewogen sein könnte, wenn es denn wenigstens ein klein wenig Geist enthalten würde, ein wenig Bewusstsein für die Komplexitäten dieser Welt und für das, was es selbst aus ihnen macht - und sei es nur ein Bewusstsein der Art, wie es sich in den alptraumhaften Stilisierungen aus "96 Hours" eher gegen den Willen der Filmemacher artikuliert. Nicht viel wäre nötig, aber doch wenigstens irgend etwas, das über "When I say 'shoot the fucker', shoot the fucker!" hinaus reicht.

 

Lukas Foerster

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

From Paris with Love

Frankreich 2009 - Regie: Pierre Morel - Darsteller: John Travolta, Jonathan Rhys Meyers, Kasia Smutniak, Richard Durden, Amber Rose Revah, Melissa Mars, Farid Elouardi, Chems Dahmani, Frédéric Chau, David Clark - FSK: ab 16 - Länge: 93 min. - Start: 25.3.2010

 

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