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Fritz Lang

 



Besucht einen Mörder

Gordian Maugg spekuliert mit Spielszenen und Archivmaterial über das Leben von „Fritz Lang“

Wenn die Wirklichkeit um die Ecke kommt, dann knallt’s – aber das muss ich Ihnen ja nicht erzählen, Herr Lang.“ Der das sagt in Gordian Mauggs Film "Fritz Lang – Der Andere in uns", der Kriminalrat Gennat zum Regisseur Fritz Lang, hat zwei Vorbilder: eines in der Wirklichkeit der 20er Jahre, als fieberhaft nach einem Serienmörder gesucht wurde, dem „Vampir von Düsseldorf“. Und ein anderes in den Filmen von Fritz Lang, wo er Kriminalkommissar Lohmann heißt und von Otto Wernicke gespielt wird in "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" (1931) und in "Das Testament des Dr. Mabuse" (1933). In Mauggs Fantasie über die Entstehung des Drehbuchs zu "M" und eine persönliche, kreative, vielleicht auch moralische Krise des Regisseurs stellt ihn Thomas Thieme dar. Und wir können ihn uns gut als Trost-Figur vorstellen, den bulligen Aufklärer mit den unkonventionellen Methoden, der am Ende doch über den Wahnsinn und das „satanische Glück“ des Bösen triumphiert.

In Wirklichkeit war das Vorgehen der Polizei in dem Fall, vorsichtig ausgedrückt, unglücklich verlaufen; eine Verkettung von Zufällen nebst dem Geständnis seiner Frau überführte Peter Kürten schließlich und ließ ihn 1931 unterm Fallbeil enden – kurz nach der Uraufführung von "M". Fritz Lang hat seine Lebensgeschichte, vor allem was die Umstände, unter denen er 1933 das faschistische Deutschland verließ, betrifft, mystifiziert, oder besser: Er hat gelogen. Es trifft daher keinen Unschuldigen, wenn in Mauggs recht dunkler Fantasie spekuliert wird über eine jüdische Linie in seinem Familienroman, über seinen Drogengebrauch, über die künstlerische Abhängigkeit von Ehefrau und Drehbuchautorin Thea von Harbou, über die verzweifelte Suche nach einem Sujet für seinen ersten Tonfilm, über nächtliche Eskapaden und rohen Sex mit Straßenprostituierten im Hauseingang, über dunkle Flecken in seiner Vergangenheit, den Tod seiner (immer verschwiegenen) ersten Ehefrau durch Langs eigene Pistole, über die Umstände, die ihn in seiner Biografie zum tapferen Soldaten im Ersten Weltkrieg machten oder über seine Beziehung zum Kriminalrat Gennat. Oder, ganz anders gesagt: über die Beziehungen von Leben und Film.

Der Film ist voller kleiner Tücken, aber zunächst könnte man ihn als dekonstruktives Spiel mit dem Schaffensprozess ansehen, ein wenig wie Fellinis "8 1/2" oder "Barton Fink" von den Coens: Filme, die schon durch Träume spuken, bevor die Träume dann durch die Filme spuken können. Und Träume, die sich nicht mehr genau von der Wirklichkeit abgrenzen lassen. Schon im Vorspann hört man die Entstehung der berühmten gepfiffenen Melodie aus "M", eine Paraphrase auf Peer Gynt von Edvard Grieg. Dann gibt es das Geständnis des Mörders, den Samuel Finzi als merkwürdiges Spiegelbild gibt: „Ich erzähle Ihnen, was Sie hören wollen“, sagt er einmal zu Fritz Lang (um ihn davon abzuhalten, in seinem wirklichen Leben zu recherchieren). Und dann sind wir auf einer Party, auf der sich Fritz Lang in gewohnter Weise inszeniert, als aristokratischer, arroganter, aber ebenso eleganter Snob, auch wenn die Risse nicht zu übersehen sind.

"Metropolis" hat die Produktionsfirma an den Rand des Ruins gebracht, und selbst wenn "Frau im Mond" wieder ein Erfolg war, so hat Fritz Lang doch an Kredit verloren; für seinen ersten Tonfilm muss er sich neu positionieren, und der Aufstieg der Nazis in Deutschland ist nicht mehr zu übersehen. So sehen wir, wie Lang sich von seiner eigenen Party davonstiehlt, um bekokst (eine klassische „Der Künstler und sein Spiegelbild“-Einstellung) Sex auf dem Straßenstrich zu suchen. Von seiner nächtlichen Eskapade zurück und verzweifelt über den Mangel an brauchbaren Drehbuch-Ideen („Ich habe nichts, rein gar nichts“, hat er dem Produzenten gesagt), fällt sein Blick auf eine Zeitung, von der die Schlagzeile vom Serienmörder tönt.

Sogleich macht er sich auf die Reise; in Düsseldorf schmuggelt er sich zur Pressekonferenz mit Gennat. Dann sieht er mit fasziniertem Blick die aufgereihten Tatwerkzeuge, (wir erinnern uns natürlich an die Messer-Auslage in "M"). Anhand einer Tatortfotografie folgt Lang der Spur der Morde. Plötzlich geht ein Mann mit einer Frauenleiche auf dem Rücken an ihm vorbei, der ihn nicht beachtet, und hebt auf der Hügelkette ein Grab aus. Erst hier hat sich der Blick geweitet; hier ist die Person im Raum verlorener als in der Stadt, wo sie immer wieder ihre Inszenierung findet. Maugg hat den Film im alten Kino-Format von 4:3 gedreht, das uns heute den Raum eigenartig verkammert; selbst eine Fahrt durch die von Neonreklame beleuchtete Straße im nächtlichen Berlin erscheint da eher als Innenraum, der Unendlichkeit der Perspektive zum Trotz. Da ist in der Form spürbar, worum es geht, dass da eine Welt ist, die für das, was sie produziert, zu eng ist.

Doch weder die Konfrontation von Fritz Lang mit dem ihm gespenstisch „verwandten“ Täter noch dessen Gefangennahme (weder wehrt er sich noch versucht er zu fliehen) bilden die Klimax des Films. Die kommt spät, und da richtet sich Langs aufgestaute Wut gegen sich selbst. Damit ist klar, dass wir uns nicht in einem psychologischen Suspense-Thriller befinden, den der Stoff durchaus hergegeben hätte. Mit dem Wechsel von der Jagd nach dem Mörder zu den Gesprächen, die Lang mit einer unbefristeten Besuchserlaubnis im Gefängnis mit Kürten führt (komplett mit Nazi-Direktor, nebenbei), geht die Seelenreise noch einmal eine Etage tiefer. Wer da wem die Lebensbeichte abnimmt, ist nicht mehr so klar. Man muss die Gordian-Maugg-Methode mögen, um "Fritz Lang" zu genießen. Die spezifische Mischung aus Spielszenen und Archivmaterial, einschließlich Teilen der restaurierten Fassung von "M". Erstmals hat Maugg so gearbeitet 1993 bei "Der Olympische Sommer", einer unmöglichen Liebesgeschichte vor dem Hintergrund von Olympia 1936; in "Zeppelin" (2005) fand die Methode in die bis dahin aufwändigste Form. Immer geht es da um eine Verlängerung der historischen Ereignisse ins Private. Auch in "Fritz Lang". Da sieht einer in einen Abgrund, und der Abgrund blickt, wie wir wissen, zurück.

Was man, vielleicht, dem Film vorwerfen könnte, ist seine Etüdenhaftigkeit; jede Einstellung verrät, wie sie auf ihre Bedeutungen hin angelegt ist. Wenn die Kamera über den Schreibtisch von Lang und eine Reihe von gerahmten Fotografien darauf fährt, dann erzählt jedes Bild eine Geschichte zur Herkunft, zum Erleben des Ersten Weltkriegs, zu den Begegnungen eines Lebens. Und wenn beiläufig eine Zeitung am Bahnhof gekauft wird, dann spiegelt die Auslage des Verkaufswagens die Zerrissenheit der Zeit zwischen linker und rechter Propaganda, und mittendrin die Sehnsucht nach einem bürgerlichen Leben in maßvoller Moderne wider. Motive werden durch die Handlung betont vorbereitet, wie das der „letzten Straßenbahn“ oder das Krawatterichten im Spiegel, das eine „Verwandtschaft“ von Regisseur und Mörder assoziiert. Dann sind viele Einstellungen direkte Filmzitate; das cineastische Vergnügen und die innere Anteilnahme an einer solchen Reise in den Abgrund kommen sich immer wieder in die Quere.

Aber die Schwäche des Überstilisierten und Konstruierten ist auch wieder eine Stärke des Films. Man rezipiert eine Art von Handwerk und Detailgenauigkeit, die Abwesenheit jeder Art von Schludrigkeit und Willkür, die selten geworden ist. Und dann ist da Heino Ferch in der Titelrolle, eine Idealbesetzung, weil er hier seine Meisterschaft der knapp unterspielten Präzision zeigt. Dabei sehen wir, wie immer wieder die Maske des Snobs und distanzieren Zynikers als Panzerung durchscheinend wird. Ferch bietet, was Lang in seinen späteren Filmen in den USA in Gestus und Mimik gesehen hat: ein Fenster zur Seele. Da ist es ein Erkenntnisprozess, jemandem dabei zuzusehen, wie er das Hemd zuknöpft und die Krawatte zurechtrückt.

"Fritz Lang" ist ein Film, der zu viel will. Er legt mehr Spuren, als er verfolgen kann. Er wird schwer unter der Fülle seiner Informationen. Wieder sieht man zwischen dem privaten Leben und dem historischen Hintergrund eher den Bruch als den Zusammenhang; bilden die formalen Kunststücke, die wunderbare Stimmungsmalerei, die analytische Energie, die cineastische Bildung, die Schauspielkunst und die Dramaturgie keine vollständige Einheit. Aber ein Film, der mit solcher Hingabe und Liebe zum Detail gemacht ist, ein Film, der für das Augenmenschliche in uns und zugleich als mögliche Kritik daran gemacht ist, oder für den Knall der Wirklichkeit, ein Film, in dem man sich kreativ verirren kann, so ein Film ist doch ein Glücksfall. Dafür ist das Kino gemacht.

Georg Seeßlen

Dieser Text ist zuerst erschienen in: der freitag

 

 

 

 
Fritz Lang
Deutschland 2016 - 104 Min. - FSK: ab 12 Jahre - Start: 14.04.2016 - Regie: Gordian Maugg - Drehbuch: Gordian Maugg, Alexander Häusser - Produktion: Nicole Ringhut, Gordian Maugg - Kamera: Lutz Reitemeier - Schnitt: Florentine Bruck - Musik: Tobias Wagner - Darsteller: Heino Ferch, Friedrich Mücke, Michael Mendl, Thomas Thieme, Samuel Finzi, Lisa Friederich, Johanna Gastdorf, Maximilian von Pufendorf - Verleih: W-Film

  

 

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