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Freier Fall

 

 

 

"Ist alles gut zwischen uns?"

Marcs Welt ist überschaubar geblieben. Der junge Mann, sehr körperlich in Szene gesetzt von Hanno Koffler, ist einer Familientradition folgend bei der Bereitschaftspolizei gelandet, seine Freundin Bettina (Katharina Schüttler) erwartet gerade das erste Kind, seine Eltern haben ihm die Doppelhaushälfte vorfinanziert und leben jetzt gleich nebenan. Uff! Wenn das Kind erst mal da sei, so Marc, werde Bettina sich darüber noch freuen. Man kann sich also gut vorstellen, wie überrascht Marc ist, als er während einer Fortbildung den Kollegen Kay (Max Riemelt) kennenlernt. Der ist sehr sportlich, kifft gerne, wirkt gleichermaßen geheimnisvoll wie leichtsinnig und kokettiert mit "Systemunterwanderung". Zwischen den Männern funkt es.

Das müssen wir dem Film jetzt einmal glauben, denn er findet dafür weder Worte noch Bilder. Schwule, so könnte man denken, reden nicht viel, sondern gehen lieber joggen oder tanzen. Aber, so der Filmemacher Stephan Lacant, seinem Film gehe es auch gar nicht so sehr um die Liebe zweier Männer in einem Milieu, in dem Schwulsein noch immer ein Tabu darstelle, sondern eher um eine archetypische Konfliktlage aus Liebe, Hass, Verleugnung und Selbstfindung.

Aha! Und deshalb wird hier mit bestenfalls holzschnittartigen Figuren "Eine verhängnisvolle Affäre" unter Homophoben nachgespielt? Obwohl völlig unklar bleibt, was den Phlegmatiker Marc letztlich aus der Reserve, aus dem closet gelockt hat? Marc bleibt sich nämlich selbst ein Rätsel. Kay, dem offenbar der Sinn nach Paarbildung steht, erhöht den Druck, aber auch Bettina schöpft falschen Verdacht. Dass zwei Männer ... undenkbar! "Dazu haben wir dich nicht erzogen!", zischt die ausgerechnet von Maren Kroymann gespielte Mutter Marcs. Ironie? Und dann ist Kay, dieser schwule Mephisto, so plötzlich verschwunden, wie er gekommen ist - und Marcs kleinbürgerlicher Lebensentwurf (wenn man denn ein so großes Wort dafür gebrauchen will!) ist ein Scherbenhaufen.

Jede Szene in "Freier Fall" ist wenig mehr als die filmische Auflösung einer auf Papier vorformulierten These zu einem Recherche-Ergebnis. Natürlich - wo leben wir denn? - wertet der Film das Geschehen nicht, er exekutiert es lediglich. Leider trivial. Man sieht den sehr präsenten Darstellern gleichwohl sehr gerne dabei zu, wie sie in diesem Meer von biederem Trash den Kopf über Wasser zu halten versuchen.

Gut gemeinte, aber in sich ziemlich redundante Fernsehfilme wie "Freier Fall", die selbst verstockt Sex ohne jede Lust bebildern und nicht so recht wissen, wohin mit sich, sind zugleich die unmissverständliche Antwort auf die scheinbar immergrüne Frage, warum es seit vielen Jahren keine deutschen Filme mehr in den Wettbewerb von Cannes schaffen. Weil in Cannes in der Regel eben keine Fernsehfilme laufen, sondern eher Filmkunst.

Benotung des Films: (4/10)

Ulrich Kriest

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: www.filmgazette.de

 

 

Freier Fall
Deutschland 2013 - 100 min.
Regie: Stephan Lacant - Drehbuch: Stephan Lacant, Karsten Dahlem - Produktion: Christoph Holthof, Daniel Reich - Kamera: Sten Mende - Schnitt: Monika Schindler - Musik: Dürbeck & Dohmen - Verleih: Salzgeber - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Hanno Koffler, Max Riemelt, Katharina Schüttler, Maren Kroymann, Luis Lamprecht, Oliver Bröcker, Vilmar Bieri, Shenja Lacher, Stephanie Schönfeld, Horst Krebs, Attila Borlan
Kinostart (D): 23.05.2013

 

 

 

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