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Freedom Bus

Der Dokumentarfilm "Freedom Bus" von Fatima Abdollahyan nähert sich dem postrevolutionären Ägypten aus der Perspektive eines Demokratie-Idealisten.

Eine kleine Gruppe vorwiegend junger Menschen, die nicht an klassischen Arbeitsplätzen in Büros, sondern über eine Wohnung verteilt an ihren Laptops irgendetwas Buntes, Animiertes erstellen, dazwischen gemeinsam Arbeitsbesprechungen abhalten, bei denen ein hornbebrillter, nicht mehr ganz so junger Mann Schlagworte auf einer Tafel notiert: Das könnte ein Internet-Start-up sein, vielleicht auch eine gerade neu gegründete Werbeagentur. Die Mitarbeiter von "Freedom Bus" haben anderes im Sinn: sie wollen mithelfen, in Ägypten die Demokratie einzuführen. Zu diesem Zweck fahren sie später im Film mit einem Bus durch die Gegend, sprechen mit Passanten über die Grundlagen der erhofften zukünftigen Republik, führen selbstgebastelte Power-Point-Präsentationen zur Gewaltenteilung oder einen selbstentworfenen "Baum der Demokratie" vor.

Der Film "Freedom Bus" verfolgt die Arbeit an dem Projekt "Freedom Bus" über den Verlauf einiger Monate und portraitiert dabei ein Land inmitten einer Neuorientierung: Kurz nach dem Sturz Husni Mubaraks setzt er ein, kurz nach den Parlamentswahlen ab November 2011, bei denen die von der Muslimbruderschaft gesteuerte Freiheits- und Gerechtigkeitspartei beinahe die absoulte Mehrheit errang, endet er. Vieles von den Desillusionierungen, die dann folgten und die dieses Jahr in neuen Protesten und schließlich in der Absetzung Mohammed Mursis durch das Militär resultierten, nimmt der Film schon vorweg.

Zwischendurch zeigt Fatima Abdollahyans Film zwar auch geläufige Aufnahmen von den Straßen Kairos: die Bilder von den Demos, die man aus den Fernsehnachrichten oder von Twitter kennt, die großartigen Grafitti, die man zum Beispiel aus Rudolf Thomes Blog kennen könnte. Im Kern ist "Freedom Bus" jedoch ein Porträtfilm. Die eigenwillige, aber am Ende sehr produktive Perspektive auf die Ereignisse in Ägypten, die Abdollahyan entwirft, ist über weite Strecken identisch mit der Perspektive des Gründers des Projekts: Ashraf El-Sharkawy, der Mann mit der Hornbrille. El-Sharkawys Eltern stammen aus Ägypten, er selbst ist in Gießen geboren, in Stuttgart aufgewachsen und kennt das Land, in dem er sich jetzt wiederfindet, nur aus den Sommerferien. Aufgegeben oder zumindest unterbrochen hat er für "Freedom Bus" eine erfolgreiche Karriere bei der Allianz, was ihm einmal von seinem Vater, der schon vor ihm, nach Jahren im Ausland wieder nach Ägypten zurückgezogen war, vorgehalten wird: Wie er auf diese Sicherheit verzichten könne für ein Projekt ohne langfristige Perspektive? Die implizite Antwort: Weil Ashraf El-Sharkawy eben doch nach wie vor Deutscher ist. Vorerst hat er sogar noch eine Wohnung in München, und auch, wenn er diese am Ende des Films leerräumt, wird er sich damit nicht alle Rückzugsmöglichkeiten verbaut haben.

Schon in seinen Begegnungen mit der eigenen Familie merkt man, dass Ashraf El-Sharkawys Blick auf Ägypten einer von außen ist. Der kluge, zurückhaltende Film eignet sich diesen Blick selbst an, er kann gar nicht anders: Filmteam wie Finanzierung kommen aus Deutschland, die Distanz bleibt spürbar, es geht nie darum, irgendwo ungebührlich einzudringen. Gleichzeitig reflektiert er, gemeinsam mit seiner Hauptfigur, diesen Blick kritisch - ohne dass er dadurch diskreditiert würde: Wenn El-Sharkawy über seine Motiviation und die Hoffnungen, die er in das Projekt setzt, redet, mag man manches naiv finden, erst recht aus der sicheren Entfernung, aber noch im gefühlten (messbar ist sowieso nichts; nie ist man in der Politik hilfloser, als wenn es ans Quantifizieren geht) Scheitern macht sein Projekt Ambivalenzen sichtbar, die man ansonsten "von Außen", aus der Tagespresse zum Beispiel, kaum wahrnehmen könnte.

Das liegt nicht zuletzt am von Anfang an prekären Status des Projekts. "Freedom Bus" wurde unter anderem vom deutschen Innenministerium gefördert und unterhält keine Verbindungen zu Parteien oder anderen wichtigen Machtgruppen des neuen Ägypten. Das hat praktische und konzeptionelle Gründe. Praktische, weil in der angespannten bis paranoiden Atmosphäre des postrevolutionären Ägypten jede vermeintliche Einmischung von Außen ganz besonders kritisch beobachtet wird. Konzeptionelle, weil El-Sharkawy seine Hoffnungen eher in die Verfahrensregeln der Demokratie setzt, als in spezifische Inhalte, die sich in diesen Regeln artikulieren sollen. Das ist eine interessante Position, spätestens auf den Straßen Ägyptens merkt man aber, dass diese Unterscheidung nicht immer einfach und auch nicht immer einleuchtend ist, schon gar nicht, wenn man sogar noch die in den Auseinandersetzungen zentrale Frage der Religion auszuklammern versucht. Dass die Öffentlichkeit, auf die die Freedom-Bus-Mitarbeiter mit ihren Schaubildern und ihrem Idealismus losgelassen werden, zuerst einmal ganz andere Sorgen hat als die korrekte Definition von "Exekutivgewalt", spricht allerdings noch lange nicht gegen das Projekt. Demokratie heißt immer auch, dass alles Partikulare mit Allgemeinerem vermittelt werden muss; die Anstrengungen, die das mit sich bringt, führt "Freedom Bus" eindrucksvoll vor Augen.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

Freedom Bus

Deutschland 2012 - 94 Minuten - FSK: ab 12 Jahre - Regie: Fatima Geza Abdollahyan - Drehbuch: Fatima Geza Abdollahyan - Produktion: Ingo Fliess - Kamera: Jakobine Motz - Schnitt: Hansjörg Weißbrich, Eva Hartmann - Musik: Saam Schlamminger, Tom Förderer - Darsteller: Ashraf el-Sharkawy - Start(D): 12.09.2013

 

 

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