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Die Frau in Schwarz

 

Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe versucht, in die Fußstapfen Peter Cushings und Christopher Lees zu treten. 

Keine Ausflüchte, sondern ein richtiger Schluss - ohne lose Fäden, ohne Kehrtwende oder mise-en-abyme in letzter Sekunde: "Die Frau in Schwarz" ist der seltene Fall eines Films, der es versteht, einen tonal ambivalenten und erzählerisch dennoch definitiven Endpunkt zu setzen. Außer dem treffsicheren Ausgang ist dem britischen Regisseur James Watkins aber so gut wie nichts geglückt an diesem durchwegs formelhaften Horrorverschnitt der Sorte haunted house. "Die Frau in Schwarz" besteht aus lieblos abgespulten Gemeinplätzen des Genres, die zudem ohne ersichtlichen Grund aus der Mottenkiste gegriffen wurden. Als reiner Genrefilm rangiert er im unteren Mittelfeld der aufpolierten Konfektionsware; andere Hinsichten oder Lesarten bieten sich - so oft das Spukhaus in der Vergangenheit ("Poltergeist", "The Shining") historische Traumata und Ähnliches beherbergt hat - hier einfach nicht an.  

Außer natürlich der Umstand, dass Hammer Film Productions, eine über Jahrzehnte stilprägende Londoner Genrefilmschmiede, mit "Die Frau in Schwarz" ein Comeback versucht. Auf der hauseigenen Homepage kann man nachlesen: "Not in production since the 1980s, Hammer has now been aggressively reinvigorated through new investment in the development and production of film, television and digital-platform content." Hammer ist heute Teil des Unterhaltungskonzerns Exclusive Media, der über zwei Ecken dem niederländischen Fernsehmoloch Endemol (notorischer content: "Big Brother", "Wer wird Millionär?", "Traumhochzeit") gehört. Wie die unsägliche Sprache der zitierten Pressemitteilung schon vermuten lässt: kein gutes Omen.

Sollte "Die Frau in Schwarz" ein Maßstab für die projektierte Erneuerung des so genannten Hammer Horror sein, so muss die Prognose pessimistisch ausfallen. Wenig haben Watkins und sein Team herüber zu retten vermocht aus dem goldenen Zeitalter - sie haben es, allem Anschein nach, erst gar nicht versucht. Betont maß- und geschmackvoll kommt ihr Film daher, ohne outriertes Spiel, knallende Ausstattung und analog knirschende Effekte (mit der Ausnahme einer lobenswerten Szene, in der das titelgebende Gespenst wie auf Schienen uns entgegen fährt). An ihre Stelle treten die mittelprächtigen production values britischer TV-Historienfilme, in eine kompetent abgemischte graublaue Farbskala getüncht und luftdicht abgepackt.

Die Entfernung zur eigenen filmgeschichtlichen Abkunft könnte größer kaum sein. Doch halt, die größte Kluft hat sich noch gar nicht aufgetan: Wo einmal die distinguierten Herren (Peter) Cushing und (Christopher) Lee ihren okkulten Neigungen fröhnen durften, wird heute der Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe als Kaufanreiz aufgeboten. Und der ist, um das Wenigste zu sagen, kein natürlicher Schauspieler. Je länger "Die Frau in Schwarz" dauert, desto schwieriger wird es, sich der Tragik zu erwehren, in die Radcliffes Bemühungen, sich von seiner Lebensrolle zu emanzipieren, ein ums andere Mal münden. Nicht nur erwachsen soll er sein, sondern verheiratet bzw. verwitwet und Vater eines vielleicht sechsjährigen Jungen; ein Mann, der seit Jahren der im Kindsbett verstorbene Frau nachtrauert, sich an ihre Stelle wünscht. Da kann die Maske noch so großzügig fahle Gesichtsfarbe auftragen - den dem Tod Verfallenen wird dem pausbäckigen Harry noch der gewogenste Fan nicht abnehmen. So gut sich diese rein instrumentelle Castingentscheidung mit dem Berechnenden der ganzen Unternehmung verträgt, so schlecht geht die Rechnung am Ende auf. Wobei, das Ende ist, wie anfangs vermerkt, immer noch das Beste an der Sache.

Nikolaus Perneczky

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Die Frau in Schwarz
Großbritannien / Kanada 2012 - Originaltitel: The Woman in Black - Regie: James Watkins - Darsteller: Daniel Radcliffe, Ciarán Hinds, Liz White, Janet McTeer, Shaun Dooley - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 95 min. - Start: 29.3.2012

  

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