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Frantz

 

 

Der schöne Frantzose

François Ozon ist ein ausgesprochen germanophiler Regisseur. In seinem Durchbruch „Tropfen auf heiße Steine“ (2000) ließ er einen jungen Mann namens Franz in einer deutschen Großstadt der 1970er Jahre sich im manipulativen Beziehungsgeflecht eines älteren Verführers verheddern. Damals adaptierte Ozon Fassbinder, der aktuelle „Frantz“ ist das Remake eines Films des deutschen Hollywood-Exilanten Ernst Lubitsch. Ozons dazwischen aufgespannte Karriere lässt sich vielleicht analog dieser deutschen Vorbilder als eine Bewegung vom Provokant-Überdeutlichen zum Geheimnisvoll-Indirekten beschreiben. In „Frantz“ jedenfalls geht es um das rätselhafte Begehren eines Mannes einem Verstorbenen gegenüber, das allmählich die Erinnerungen der ebenfalls trauernden Verlobten trübt. Und vielleicht trübt diese deutsch-französische Koproduktion auch ein bisschen das klare Bild, das sich aktuelle deutsche Filme von deutscher Geschichte machen.

Eine vielfache Verschiebung: Aus „L’homme que j’ai tué“ wird „The Man I Killed“ wird „Broken Lullaby“ wird „Der Mann, den sein Gewissen trieb“ wird, viel einfacher: „Frantz“. Als irritierendes Moment steht/steckt im Titel das „t“, ein Rest, vielleicht, des Walter, Walter Holderlin, der die tote Titelfigur des Theaterstücks  von Maurice Rostand (von 1930) und seiner Verfilmung durch Lubitsch (von 1932) war. Aus Walter wird Frantz. Aus dem französischen Theaterstück, das in Deutschland spielt, wurde ein Film des Deutschen Ernst Lubitsch in Hollywood, zu dem jetzt der Franzose François (Frantçois) Ozon ein in weiten Teilen in Deutschland entstandenes Remake mit viel deutschem Dialog gedreht hat.

Der Eigenname im Titel verdeckt, was der Titel des Theaterstücks schon verrät. Es ist schwer, in einem Text zum Film mit diesem Verrat umzugehen, weil Ozons Film anders als die Lubitsch-Verfilmung mit enormer Pre-Code-Energie sowas von in medias res geht (Krieg, Soldaten in der Kirche, Knien, Beten, Schützengraben, Beichte, te absolvo), weil also Ozons Film bis zur Entdeckung des Geheimnisses eine lange Latenzphase aufspannt. Und das ist keine Kleinigkeit, weil sich die Perspektive dadurch entscheidend verschiebt. Die Zuschauerin weiß nicht mehr als Anna (Paula Beer) weiß, die nicht zuletzt deshalb, weil sie unseren Blick teilt, das Zentrum des Films wird; sehr viel mehr als es in „Broken Lullaby“ Elsa war, hier wie da die Verlobte des Toten.

Ein Film, eine Familie, die um ein anderes, ein leeres, ein abwesendes Zentrum kreist, je abwesender, desto zentraler, Ozon legt noch einmal den Finger darauf: Frantz. Frantz kam im Krieg (es ist der Erste Weltkrieg) ums Leben und wird von den Hinterbliebenen nun geradezu heiligmäßig verehrt. Die Verlobte lebt mit den Eltern des Toten in einer Trauergemeinschaft, der Vater, Arzt, angesehenes Mitglied der Gemeinschaft des Ortes, wird vom Hass auf die Franzosen, denen er die Schuld am Tod des Sohns gibt, verzehrt. Und dann taucht da Adrien Rivoire auf (Paul Renard bei Lubitsch, der Schnurrbart wandert mit vom Original ins Remake), legt Blumen ans Grab, nähert sich der Familie Hoffmeister an, wird vom franzosenhassenden Vater zurückgestoßen, kehrt wieder, erzählt von Frantz, einem Freund aus Pariser Tagen, erzählt von gemeinsamen Besuchen im Louvre, erzählt vom Geigenunterricht, den er ihm gab, erzählt vom Manet-Gemälde, das Frantz so verehrte.

Adrien ist ein hinreißender Mann: zart, fragil sogar, zurückhaltend, scheu sogar. Anna sieht das und die Mutter sieht das, wir sehen es sowieso, und es muss auch der Vater dann sehen. Das sehen wir, das zeigt uns Ozon, aber wir wissen trotzdem nicht (es sei denn, wir kennen bereits die Geschichte), oder wissen nicht ganz genau, was wir von Adrien halten sollen. Etwas stimmt nicht. Auch nicht mit den in so solidem Historien-Schwarz-Weiß gehaltenen Bildern, die sicher nicht rein zufällig an Hanekes schrecklich protestantischen Film „Das weiße Band“ (2009) erinnern. Es stimmt schon deshalb etwas nicht mit den Bildern, weil Ozon vom ersten Bild an den Regler manchmal verschiebt – und plötzlich sind Szenen in Farbe. Die Differenz ist freilich nicht klar kodiert, nicht nach Wahrheit und Lüge oder Gegenwart und Flashback. Sie ist, wie das „t“ im Frantz, vor allem eine Irritation.

Vieles scheint in dieser Latenzphase, die Ozon in den Stoff gebracht hat, denkbar und möglich. Waren Adrien und Frantz womöglich ein Paar? Er spricht so zärtlich von diesem Mann, den er gut und aus der Nähe gekannt haben muss. Wie liebevoll er von Frantz und den gemeinsamen Erlebnissen erzählt, wie fern von Feindschaft und Hass. Und doch ist da etwas, spürt man, dass Adrien, dass etwas in Adrien, nicht mit der Sprache heraus will (Pierry Niney, der im schlechteren der beiden Biopics Yves Saint-Laurent war, macht das sehr toll); auch Ozons Bilder wollen nicht so ganz mit der Sprache heraus, viel zu solide und konventionell sind diese Einstellungen, fast ein Pastiche all der Historienfilme, die mit der Vergangenheit wirklich tun – was umso verwirrender ist, als auch noch eine Menge deutsches Fördergeld und als Koproduzenten X-Filme drin und dabei sind.

Und doch: Adrien ist ein Fake, „Frantz“ ist es auch; aber beide sind es zugleich wieder nicht. Es geht bei Adrien um eine Wahrheit, die sich, weil es sein muss, der Lüge bedient. Und Ozon stellt sich, mit der Zentralfigur Anna, auf die Seite dieser wahren Lüge, die viel mehr als eine Notlüge ist. Eine schöne Lebenslüge, wenn man so will, die das Weiterleben nach dem Tod des Sohnes ermöglicht. Eine Fabulation, die so viel angenehmer ist, als es die Wahrheit wäre; die aber, weil nichts als lautere Absicht in ihr steckt, mehr wahr ist als falsch. So wahr, dass sich Anna verliebt: nicht in die Lüge, sondern in die Wahrheit der Absicht, die hinter ihr steht. Davon, dass auch diese Gleichung so einfach nicht aufgehen kann, erzählt dann die zweite Hälfte des Films. Aber ich habe ohnehin schon zu viel verraten.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in:sissymag

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Frantz
Deutschland, Frankreich 2016 - 113 Min. - FSK: ab 12 Jahre - Kinostart(D): 29.09.2016 - Regie: François Ozon - Drehbuch: François Ozon, Philippe Piazzo - Produktion: Eric Altmayer, Nicolas Altmayer, Stefan Arndt, Uwe Schott - Kamera: Pascal Marti - Schnitt: Laure Gardette - Musik: Philippe Rombi - Darsteller: Paula Beer, Pierre Niney, Ernst Stötzner, Marie Gruber, Johann von Bülow, Anton von Lucke, Cyrielle Clair, Alice de Lencquesaing - Verleih: X-Verleih

 

 

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