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Frances Ha

 



Dinge, die wie Fehler aussehen

"Ich bin noch keine richtige Person", sagt Frances in Noah Baumbachs neuem Film "Frances Ha". Und wie könnte sie auch? Frances hat keinen Job, keine Ambitionen, kein Geld, keine eigene Wohnung, und wie zum Beweis ihrer Unfertigkeit für das "erwachsene" Leben passt ihr Namensschild nicht mal vollständig an ihren Briefkasten. Frances Ha steht dann da. Für ihre Freunde - selbstverliebte, in irgendwas mit Medien und Kunst rummachende New Yorker Hipster - ist sie einfach "undateable": ein hoffnungsloser Fall nach dem klassischen Regelwerk der Paarbildung, auf das in Hollywoods Jugendwahnkino noch immer alles hinausläuft. "Frances Ha" verweist mit seiner musikalischen Schwarz-Weiß-Lakonie jedoch auf einen etwas avancierteren Erzählstrang des romantischen Selbstfindungstopos - von Truffaut und der Nouvelle Vague über Woody Allen bis zu Lena Dunham und ihrer Lumpen-Boheme aus "Girls".

Irisierender Fixpunkt in Baumbachs Generationenporträt ist Greta Gerwig, die einen Großteil der Dialoge selbst geschrieben hat. Gerwig ist so ziemlich die unmöglichste "Star"-Erscheinung im aktuellen US-Kino, was auf der flirrenden Dissonanz ihrer Physis beruht: eine Ansammlung schiefer, nicht getroffener Noten und krummer Akkordfolgen, die die seltsam-schönsten Melodien ergeben. Zum Beispiel, wenn Gerwig zu David Bowies "Modern Love" durch die Straßen von New York tanzt und hüpft oder während eines Dates vom Tisch aufspringt, um auf der Suche nach einem Geldautomaten durch die Straßen zu rennen - und sich fürchterlich auf die Nase legt. "Ich mag die Dinge, die wie Fehler aussehen", sagt Frances einmal, als wäre sie ihr eigenes Gesamtunstwerk.

Baumbach vollzieht die Unwägbarkeiten in Frances' Leben anhand ihrer ständig wechselnden Adressen nach, die sie bis zurück ins Haus der Eltern und die Studentenunterkünfte ihres alten Colleges führen. So entwickelt "Frances Ha" unterschwellig auch eine Topographie der Gentrifikation von Brooklyn. Das Wohnen ist neben Arbeit und Sex ständiges Thema in den Gesprächen, etwa in denen zwischen Frances und ihrer besten Freundin Sophie, die sogar einen richtigen Job in einem Verlag hat. Frances ist trotz dieser prekären Verhältnisse unkaputtbar, ihre soziale Retardierung macht sie für die Fährnisse ihrer Generation scheinbar unanfällig. Und Greta Gerwig ist der hinreißendste Trampel der jüngeren Kinogeschichte.

Benotung des Films: (9/10)

Andreas Busche

Dieser Text ist zuerst erschienen in: der www.filmgazette.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Frances Ha
USA / Brasilien 2012 - 86 min.
Regie: Noah Baumbach - Drehbuch: Noah Baumbach, Greta Gerwig - Produktion: Noah Baumbach, Scott Rudin, Rodrigo Teixeira, Lila Yacoub - Kamera: Sam Levy - Schnitt: Jennifer Lame - Verleih: MFA - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Greta Gerwig, Mickey Sumner, Adam Driver, Michael Zegen, Patrick Heusinger, Teddy Cañez, Charlotte d'Amboise, Hannah Dunne, Barbara Ross English, Grace Gummer, Cindy Katz, Maya Kazan, William Todd Levinson, Justine Lupe, Juliet Rylance
Kinostart (D): 01.08.2013

 

 

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