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Fraktus

 

 

 

 
Wie, Sie kennen „Fraktus“ nicht? Das Trio aus Brunsbüttel, das Anfang der 1980er-Jahre das Scharnier zwischen Kraut-Rock und Neuer deutscher Welle und mit seinen so erstaunlichen wie exzentrischen Do-it-yourself-Klangbasteleien vielleicht sogar der „Erfinder“ von Techno war? Oder zumindest des Ballermann-tauglichen „Oooh-weh-oooh!“-Refrains? 1979 gegründet, mischte „Fraktus“ einige Jahre lang die Szene auf, gelangte 1983 mit der Single „Affe sucht Liebe“ sogar in die Charts, bevor man sich 1983 im Streit trennte. Seither haben sich die ehemaligen Mitglieder aus den Augen verloren. Hier beginnt die Geschichte des Filmemachers Roger Dettner, der sich auf die Suche nach der Band begibt und es schließlich sogar zum Manager eines der erstaunlichsten Comebacks der Pop-Geschichte bringt. Allerlei Prominenz und Semi-Prominenz aus dem deutschen Musikgeschäft flicht dem Trio vor laufender Kamera Kränze: Blixa Bargeld, Dieter Meier, Stefan Remmler, Jan Delay, Marusha und Westbam – alle zeigen sich vom Schaffen der kurzlebigen Band beeindruckt bis beeinflusst.

Dettner macht sich auf die Suche nach den Band-Mitgliedern und wird schnell fündig: Der eher einfältige Sänger Dickie Schubert betreibt ein Internet-Café mit angeschlossener Backstube, der neurotisch-avantgardistische Klangforscher Bernd Wand arbeitet im Optiker-Geschäft seiner Eltern und bastelt im Keller an Fraktus II, und der schmierige Proll Torsten Bage lebt als kommerziell erfolgreicher Euro-Disco-Produzent und Widerling auf Ibiza. Die Wiederbegegnung der Musiker macht deutlich: Aus jungen Musikern wurden gestandene Mannsbilder, die nicht nur entfernt an Szenegrößen wie Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger erinnern. Natürlich geht es Dettner nicht nur um die Geschichte, die mit viel Sachverstand und Liebe zum Detail ausgebreitet wird, sondern auch um die Gegenwart, weshalb er die schwer neurotischen Musiker zu einem Comeback überredet. Waren „Fraktus“ 1983 noch an ihren Egos gescheitert, so müssen sie im Hier und Jetzt bitter lernen, wie sich das Musikbusiness seither entwickelt hat. Es ist die Hölle, und der ewig grinsende Teufel trägt das Antlitz von Alex Christensen.

Zwischen Wahnsinn und einer gehörigen Portion Boshaftigkeit changiert dieses Mockumentary von Lars Jessen und Studio Braun, bei der offenbar die Parole ausgeben wurde, bloß kein Klischee und keinen noch so müden Scherz liegen zu lassen, weshalb es „Fraktus“ auf die für eine Musikdokumentation gebührende Länge von 120 Minuten bringt und auch noch ein galliger Kommentar zur grassierenden „Retromania“ (Reynolds) ist. Hier wird eine Parodie auf ein bestimmtes Doku-Format parodiert, allerdings unter dem Diktat von Neurotikern, denen als gewieften Parodisten die Eitelkeiten nicht fremd sind, die sie auf der Leinwand parodieren. Für Studio Braun bedeutet dies, dass ein alter Comedy-Gaul des Hauses noch einmal frisch aufgezäumt wird, um mit „Fraktus“ zum ganz großen Multi-Media-Ding auszuholen. Parallel zum Kinostart gibt es „echte“ Comeback-Konzerte von „Fraktus“, die Facebook-Seite lädt zum Mitmachen ein, und auch ein Album mit dem bescheidenen Titel „Millenium“ liegt bereits vor.

Bester Track ist der Alex Christensen-Remix von „Affe sucht Liebe“. Ganz schön verwegen!

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film Dienst

Fraktus
Deutschland 2012 - 95 min.
Regie: Lars Jessen - Drehbuch: Ingo Haeb, Sebastian Schultz - Produktion: Klaus Maeck - Kamera: Oliver Schwabe - Schnitt: Sebastian Schultz - Verleih: Pandora - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Devid Striesow, Heinz Strunk, Rocko Schamoni, Jacques Palminger, Piet Fuchs, Anna Bederke, Hannes Hellmann, Felix Goeser
Kinostart (D): 08.11.2012

  

 

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