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For No Eyes Only


 

Wenn sich Gymnasiasten in einer Film-AG betätigen, finden die Ergebnisse ihrer Mühen meist nicht den Weg auf die große Leinwand. Im Fall von „For No Eyes Only“ aber hat es trotz dilettantischer, aber mit Ausdauer betriebener Kollektivarbeit dennoch funktioniert, was auch am Thema liegen mag, das die Alltagspraktiken der Digital Natives aufgreift. Im Mittelpunkt der Thriller-Komödie steht ein übergewichtiger, sozial eher defizitärer Computer-Nerd.

Nach einem Hockeyunfall geht der 16-Jährige kaum noch aus dem Haus, sondern chattet mit seinen Freunden rund um den Globus. Während seine Eltern ständig abwesend sind, gelingt es ihm, sich in die Rechner seiner Klassenmitglieder einzuhacken. Er kapert ihre Webcams und beobachtet vom zugemüllten Schreibtisch aus jede Bewegung, die sie vor dem Bildschirm machen. Als eine Mitschülerin von dem Übergriff auf ihre Intimsphäre Wind bekommt, verfolgt sie den Voyeur auf Schritt und Tritt und wird seine Komplizin. Das Privatleben der anderen, das vor allem aus Frisieren, Ausziehen und Zähneputzen besteht, fesselt die beiden tagelang, bis der Hobby-Hacker den Mord an den Eltern eines Mitschülers zu entdecken glaubt.
Auf den überdeutlichen Spuren von Hitchcocks „
Fenster zum Hof“ (fd 3934) spürt das allmählich innig flirtende Duo dank raffinierter Überwachungstechnik immer mehr Anhaltspunkte auf, die den Keller des Hauses als Ort des blutigen Geschehens identifizieren. Bis im Showdown keine indiskreten Kommunikationsmaschinen mehr helfen, sondern der Tatort leibhaftig aufgesucht werden muss.

Regisseur des nur mäßig spaßigen Films ist Tali Barde (Jahrgang 1990), der Leiter der Film-AG am Otto-Hahn-Gymnasium in Bensberg. Das mit minimalem Budget und ohne Fördergelder gedrehte Teamwork glänzt mit schwarzen Löchern der Improvisation, unfreiwillig komischen Längen, verstolperten Schnitten und nicht zuletzt mit Darstellern, die vor lauter Coolness nur über drei Gesichtsausdrücke verfügen. Dank fein dosierter Selbstironie und treffsicherer Musikauswahl kann sich die vorbildlich analoge Freizeitbeschäftigung aber beim gleichaltrigen Publikum wohl durchaus sehen lassen.

Alexandra Wach

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmdienst 24/2014

 

 

 

For No Eyes Only
Deutschland 2012 - Produktionsfirma: Avalon Film - Regie: Tali Barde - Produktion: Tali Barde - Buch: Tali Barde - Kamera: Louis Bürk - Musik: Marco Heibach, Philipp Seuthe - Schnitt: Tali Barde - Darsteller: Benedict Sieverding (Sam Anders), Luisa Gross (Livia Roemer), Tali Barde (Aaron Ramond), Jens Eimermacher (Fin Anders), Dirk Harper (Arthur Ramond) - Erstaufführung/Start(D): 27.11.2014 - Länge: 97 Min. - FSK: ab 12; f - Verleih: Zorro Film

 

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