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The Forbidden Room

 


Ein "Book of Climaxes" öffnen Guy Maddin und Evan Johnson in "The Forbidden Room" (und schichten Udo Kier auf Charlotte Rampling auf Ariane Labed auf Mathieu Amalric etc.)

Das Bild ist beschädigt, durchpulst von entropischen Energien, kontinuierliche Bildnachbearbeitung imitiert alle möglichen Zelluloidtodesarten. Der simulierte Materialzerfall belebt die Bildoberfläche: das Schillern instabiler Farbwerte, das alchemistische Blubbern der sich auflösenden Emulsion, flackerndes Licht aus ausgedienten Projektoren. Die Selbstbewegung des Bilds steht in einem hintersinnigen Verhältnis zum Eigenleben der Erzählung. Bild und Erzählung sind porös, sie lassen sich nicht einhegen und nicht zähmen, treiben fortwährend über die eigenen Grenzen, die eigenen Konturen hinaus. Die Bestandteile, aus denen Guy Maddins in Zusammenarbeit mit Evan Johnson entstandener "The Forbidden Room" sich zusammensetzt, sind nicht planvoll montiert; ihre Abfolge hat mehr Ähnlichkeit mit einer chemischen (Ketten-)Reaktion als mit erzählerischer Kausalität.

Wir befinden uns auf einem U-Boot, tausende Meter unter dem Meeresspiegel. Die Crew ist in arger Not: die hochexplosive Gallerte, die das U-Boot mit sich führt, würde beim Auftauchen durch den Druckverlust in die Luft gehen und so der gesamten Besatzung zum Verhängnis werden. Der Sauerstoff ist bereits knapp, am Meeresgrund verweilen also auch keine Option. Mitten in diese lose-lose situation platzt - wie das geht, bleibt unklar - ein bärtiger Holzfäller auf der Suche nach seiner Geliebten Margot, die von einer Räuberbande verschleppt worden ist. Den Holzfäller hat es aus einer anderen, womöglich angrenzenden Erzählwelt in das U-Boot verschlagen. Ein geheimer Tunnel, eine Durchlässigkeit zwischen den Bildern hat ihn eingeschleust, und öffnet nun umgekehrt den Film auf andere Räume - eine ganze Kaskade von immer neuen, ineinander gefalteten Orten und Vignetten, die, kaum anerzählt, schon wieder in ein nächstes Szenario ausufern.

Zusammengehalten werden diese losen Stücke einerseits von Maddins Schauspielerensemble, einem kleinen Starsystem für sich, das die Kohärenz stiftende Erfahrung, denselben Darsteller in verschiedenen Filmen zu sehen, innerhalb nur eines, kaleidoskopisch aufgefächerten Films einholt. Bild und Erzählung kreisen um eine bestimmte, vielfach vermittelte Idee von frühem Kino: Analog- und Archiv-Mimikry, Zwischentitel sowie Produktionsdesign fügen sich zu einem überdeterminierten Pastiche, das mehr mit unseren Stummfilmprojektionen und -fantasien zu tun hat als mit der Stummfilmära selbst.

Das ist durchaus nicht kritisch gemeint, im Gegenteil: Überzeugt hat mich "The Forbidden Room" vor allem in den Momenten der Überhitzung und Beschleunigung; wenn die Kettenreaktion sich frei und ungehindert ausbreiten darf, ohne dass irgendwer Rechenschaft ablegen müsste über das sprunghafte Ineinander von Orten, Zeiten, Genres. Statt mit einem klimaktischen dritten Akt schließt Maddin einfach mit einer ungeordneten Sammlung von Höhepunkten, dem "Book of Climaxes", von denen manche in Beziehung stehen zu einem der vielen Subplots, andere aber ganz ohne narrative Anbindung bleiben, als Höhepunkte in Reinform: ein Mann über dem Abgrund, ein anderer reicht die rettende Hand.

Solange Maddin Geschichte auf Geschichte schichtet - und Udo Kier auf Charlotte Rampling auf Ariane Labed auf Mathieu Amalric etc. - macht "The Forbidden Room" großen Spaß. Es gibt dann aber doch auch, zumindest im Ansatz, die ordnende Gegenbewegung zur haltlosen Generativität, womit Maddin seinen narrativen Verschachtelungen zurück an ihren Ursprung folgt. Was beim ersten Mal überrascht und überrumpelt, offenbart beim Wiedersehen seine nur begrenzt interessanten Bauregeln und eher müden allegorischen Ambitionen.

Nikolaus Perneczcky

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

The Forbidden Room
Kanada 2015 - 119 Min. - Start(D): 07.04.2016 - Regie: Guy Maddin, Evan Johnson - Drehbuch: Guy Maddin, Evan Johnson, Robert Kotyk, John Ashbery, Kim Morgan - Produktion: David Christensen, François-Pierre Clavel, Jean Du Toit, Niv Fichman, Phoebe Greenberg, Emmanuelle-Claude Heroux, Liz Jarvis, Phyllis Laing, Guy Maddin, Penny Mancuso, Jody Shapiro - Kamera: Benjamin Kasulke, Stéphanie Anne Weber Biron - Schnitt: John Gurdebeke - Musik: Galen Johnson, Guy Maddin, Jason Staczek - Darsteller: Roy Dupuis, Clara Furey, Louis Negin, Udo Kier, Gregory Hlady, Mathieu Amalric, Noel Burton, Geraldine Chaplin, Paul Ahmarani, Caroline Dhavernas, Jacques Nolot, Slimane Dazi, Maria de Medeiros, Charlotte Rampling, Victor Andrés Trelles Turgeon - Verleih: Arsenal Institut


 

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