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Five Minutes of Heaven

Stein ist erweicht

 

Frisch von der Fußball-WM-Resterampe: Oliver Hirschbiegels virtuos an seinem eigentlichen Inhalt vorbeigefilmtes Nordirland-Drama "Five Minutes of Heaven".

 

Ein Prolog, historisch und in nostalgischer Farbsättigung, der zwanzig Minuten lang nicht viele Worte macht. Vier Jugendliche, fanatische Protestanten in Lurgan, Nordirland. Wir schreiben das Jahr 1975. Im Fernsehen läuft eine Unterhaltungsshow. Die vier klauen ein Auto, einer hat eine Waffe, er steigt aus dem Auto und tötet durchs Fenster mit drei Schüssen einen Katholiken. Dessen kleiner Bruder, der zuvor stundenlang den Ball an die Wand spielt, sieht ihm dabei zu. Der Mörder bringt ihn nicht um. Die Kamera schleicht durch die Räume. Die vier zünden das Auto an. Dann geht's in die Jetztzeit.

 

Eine beinahe wahre Geschichte. Der Regisseur, der Hitlers "Untergang" filmte. Ein Drehbuchautor, der sich mit den realen Vorbildern seiner Figuren lange zusammengesetzt hat. Ein Nachdenkdrama als BBC-Kammerspiel, von der Regie unter Hochdruck gesetzt. Liam Neeson, der Mörder, halbtot ist er innerlich und nähert sich (im Auto, chauffiert) der Fernsehkonfrontation wie einer gefährlichen, aber notwendigen OP; mit Bangen, todmüde, resigniert. Der kleine Bruder dagegen (im Auto, echauffiert), ist ein Topf, dem jeden Moment der Deckel wegfliegen kann. Er trägt den Dolch im Gewande. Als Mittlerin fungiert, frisch aus dem neuen rumänischen Kino importiert, Anamaria Marinca, Knopf im Ohr, Verständnis im Blick, schwerer osteuropäischer Akzent, sie kommt aus Wladiwostock. Die anderen Fernsehfritzen porträtiert Oliver Hirschbiegel kamerakritisch, mediensatirisch. Ein Blödsinn.

 

Liam Neeson sitzt im improvisierten Studio im grau ragenden Landschloss. Die Kamera unternimmt eine Zeitlupen-Halbkreisfahrt, vorbei an Monitoren und Fernsehkameras und lauerndem TV-Personal, eine Fahrt, die auf ein Close-Up von Neesons in Schuldbewusstsein gemeißeltem Gesicht hinauslaufen muss. Das tut sie. Dieser Stein will erweicht sein.

 

Verfallenes Haus, später. Nun treffen der Täter (immer noch resigniert-reuig) und der Bruder des Opfers (immer noch Dolch im Gewand) sich doch. Prügelei, man fliegt aus dem Fenster. Die Kamera unternimmt eine Zeitlupen-Aufs-Fenster-Zu-Fahrt, als wollte Oliver Hirschbiegel zeigen, dass er Michael Snows "Wavelength" kennt. Das tut er, ganz bestimmt, hat schließlich Film an der Kunsthochschule studiert.

 

Man kann die Virtuosität von Hirschbiegels Inszenierung schwerlich bestreiten. (Eine Themaverfehlung nach der anderen, aber gekonnt.) James Nesbitt reißt sich als viertel-bis-halbrasend-zuckender Hochdruckkesseldarsteller den Arsch auf. (Lächerlich, aber preisverdächtig.) Das Drehbuch lässt die Figuren sagen, was zu sagen ist, und es tut dies oft und auch deutlich. (Penetrant, aber theaterreif.) Spannungsgenres rumoren überdies sinnlos im Kammerspiel. Immerzu schleicht die Kamera, schleicht und schleicht, wie ein Erzähler, der ständig aufmerksamkeitsheischend flüstert. Sie flüstert um Ecken, sie flüstert durchs Haus, sie flüstert so laut. Ist ja auch ein wichtiger Film: Versöhnung, Wahrheit, Rache, Nordirlandkonflikt. Ba bla bla: sind so große Worte. Das Leben geht nach Fensterflug weiter: Therapie, Tränen. Am Ende Kameradraufblick. Es ist vollbracht: Stein ist erweicht. Kamera flüstert Familienidyll. Sundancepreis wird gewonnen.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibt's im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Five Minutes of Heaven

Großbritannien / Irland 2009 - Regie: Oliver Hirschbiegel - Darsteller: Liam Neeson, James Nesbitt, Anamaria Marcina, Niamh Cusack, Pauline Hutton, Richard Dormer, Mark Davison, Kevin O'Neill, Paul Garret - FSK: ab 12 - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 89 min. - Start: 17.6.2010

 

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