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Finsterworld

 

Frauke Finsterwalders ""Finsterworld" bringt, nach einem Drehbuch Christian Krachts, das ästhetizistisch verfeinerte Leiden an Deutschland auf den neuesten Stand.

Aus "Faserland" wird "Finsterworld": Fast 20 Jahre nach dem Erscheinen seines Debütromans hat Christian Kracht das ästhetizistisch verfeinerte Leiden an Deutschland auf den neuesten Stand gebracht und damit die Vorlage für das Spielfilmdebüt seiner Frau, der Dokumentarfilmregisseurin Frauke Finsterwalder, geliefert. "Finsterworld" besteht aus verschiedenen, miteinander verwobenen Episoden, die vom Unbehagen über Deutschland reden wollen. Ein reiches Werberehepaar rast im gemieteten SUV über deutsche Autobahnen und schwadroniert über die Hässlichkeit des Landes. Ein Fußpfleger verliebt sich in eine betagte Kundin und plaudert mit ihr über den Ekel, den deutsches Liedgut in ihm weckt - Fideralala und Simsalabim. Schüler eines Geschichtsleistungskurses besuchen eine KZ-Gedenkstätte; sie rufen "Are you ready for the KZ-Besuch?" und tragen elitäre Schuluniformen. "Denk ich an Deutschland in der Nacht..." - klar, ganz finster.

Es sind solche Abgründe im Alltäglichen, die "Finsterworld" emsig - in Besprechungen fällt oft das Wort "bitterböse" - aneinanderreiht. Dabei mag das Nachdenken über Fideralala originell und idiosynkratisch sein, vieles andere wirkt einfach nur schrecklich bemüht. Wenn der verliebte Fußpfleger Kekse aus der abgeraspelten Hornhaut seiner Herzensdame backt und sie ihr zum Tee offeriert, dann will das grotesk um jeden Preis sein. Einen ähnlichen Affront möchte jene Szene produzieren, in der die schnöseligen Schüler sich im KZ-Krematorium einen Scherz erlauben und eine Mitschülerin in den Brennofen sperren. "Finsterworld" basiert auf dem Prinzip des gepflegten Tabubruchs - das kann man krass und lustig oder eher langweilig und abgeschmackt finden. Im Mittelpunkt steht, wie oft bei Kracht, die kalkulierte Provokation, deren Zielscheibe politische Korrektheit und deutsche Vergangenheitsbewältigung sind.

Wie genau diese Provokation beschaffen ist, zeigt sich am deutlichsten, wenn das reiche Ehepaar Sandberg (Corinna Harfouch und Bernhard Schütz) aus der schallgedämpftem Isolation ihrer SUV-Fahrkabine über Deutschland nachdenkt. Tenor ihrer Überlegungen ist in etwa: Deutschland sei scheiße, weil Deutschland scheiße aussehe. Dass aber Deutschland scheiße aussehe (d.h. sich alles Schöne verbiete), liege daran, dass die Nazis so gut ausgesehen hätten: die hätten so schicke Uniformen gehabt und auch eine so gut gestaltete Flagge. Es geht "Finsterworld" um die Provokation durch einen Ästhetizismus, der historisch-politische Fragen radikal ins Feld der Ästhetik verschiebt und den Nationalsozialismus entideologisierend als gut funktionierende Corporate Identity beschreibt.

Das wirkt natürlich aufregend amoralisch und erinnert von Ferne an alte Popper- und Punker-Gesten, strategische Affirmation und so. Seltsam aber ist, dass ein Film, der ein im Kern ästhetisches Argument so offensiv vor sich herträgt, derart wenig in seine eigene filmische Form und Oberfläche investiert. Der sieht einfach nicht gut aus, der Film. Bildsprache, Montage, Licht, mise-en-scène - auf allen Ebenen bleibt "Finsterworld" total uninteressant (schön ist allerdings, das muss gesagt werden, die Filmmusik von Michaela Mélian). So ist "Finsterworld" letztlich nicht mehr als ein dialoglastiger Thesenfilm, in dem alle Figuren nur Karikaturen und Bauchredner sind: "Ich glaube, alle Figuren sind Variationen von uns beiden," verrät Christian Kracht im Presseheft, und meint damit sich und seine Frau. Na super.

Und es gibt noch eine weitere Stelle, an der der durchironisierte Ästhetizismus der SUV-Nazi-Diskussion ins Schwanken gerät. Im erwähnten Presseheft nämlich etablieren Kracht und Finsterwalder den Fußpfleger als Allegorie und poetologisches Prinzip des Films: genau wie der Fußpfleger Verhärtungen löse und harte Schale aufbreche, wolle "Finsterworld", "dass man immer weiter hineingeht in die Verhornungen. Man löst etwas ab, wie ein Stück Schorf und guckt, was darunter ist". Tschüss Oberfläche, Tschüss Pop. Vielleicht ist "Finsterworld" am Ende ja doch ein ganz zärtlich sehnsuchtsvolles Projekt.

Elena Meilicke

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

Finsterworld
Deutschland 2013 - 91 min.
Regie: Frauke Finsterwalder - Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht - Produktion: Tobias Walker, Philipp Worm - Kamera: Markus Förderer - Schnitt: Andreas Menn - Musik: Michaela Melian - Verleih: Alamode - Besetzung: Christoph Bach, Margit Carstensen, Jakub Gierszal, Corinna Harfouch, Sandra Hüller, Carla Juri, Johannes Krisch, Michael Maertens, Max Pellny, Leonard Scheicher, Bernhard Schütz, Ronald Zehrfeld
Kinostart (D): 17.10.2013

 

 

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