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Final Destination 4

 

 

Zur Sache geht es in "Final Destination 4": Hier tun nicht nur Rolltreppen Dinge, die man sich nur in seinen schlimmsten Alpträumen vorstellen kann.

 

Ein junger Mann hat am Rand eines Autorennens eine apokalyptische Vision: Es kommt zu einem Unfall, zu Feuersbrunst und fliegenden Autoteilen, seine Begleiterinnen und Begleiter, auch er selbst, werden zerstückelt, gepfählt, erschlagen, vom Feuer verbrannt. Genüsslich malt "Final Destination 4" das aus, ohne sich mit der Auskunft, dass (noch) nicht tatsächlich geschieht, was man sieht, übermäßig zu beeilen. Und in der Tat: Alles wird kommen, wie der junge Mann es gesehen hat, mit einem entscheidenden Unterschied: Weil er begreift, dass seine Vision Wirklichkeit zu werden droht, kann er mit seinen Freunden entkommen. Sie - und wir - blicken auf die Apokalypse gerettet von außen.

 

Aber denkste. Der Clou aller nunmehr vier Filme dieser Horrorfilmserie: Der Tod versteht keinen Spaß. Hat immer das letzte Wort. Ist geduldig und gnadenlos. Mit einem Wort: Man entkommt ihm nicht. In der Reihenfolge, die die Vision vorgab, schnappt er sich die Noch-Mal-Davongekommenen. (Der Soundtrack dazu: metallastig, ansonsten ritsch-ratsch, mampf-matsch, pitsch-patsch.) Eigentlich ist diese Grundidee, die längst in diverse, allesamt höchst erfolgreiche Franchise-Unternehmungen (Buch, Computerspiel) ausgefranst ist, erzromantisch. E.T.A. Hoffmann oder Edgar Allen Poe könnten sich das ausgedacht haben: Der Tod als Dunkelmann, der, wenn es sein muss, auch zwei- oder dreimal klingelt.

 

Der Horror der Romantik entstammt allerdings der Ambivalenzproduktion: Was tot schien, wird lebendig und das Lebendige ist zugleich tot. Halluzinatorische Belebung des Toten zum Untoten ist das metaphysisch aufgeladene romantische Unheimlichkeitsprinzip. Unserer Grundunterscheidung zwischen lebend und tot ist nicht zu trauen - das christliche Heilsmotiv wird in der schwarzen Romantik ins Dunkle gedreht. "Final Destination 4" ist deshalb so interessant, weil der Film (und die Serie insgesamt) dazu das radikale, und zwar radikal ambivalenzfreie und radikal materialistische Gegenprogramm sind.

 

Auf die apokalyptische Vision, die der Fantasie an Zerstückelungsarbeit kein Fitzelchen überlässt, folgt ein atemberaubender Vorspann: In Röntgenaufnahmen sieht man gründlichste Körperpenetrations- und Zerstörungsbilder. Stangen, die durch Brustkörbe stoßen, Köpfe vom Rumpf, Arme von der Schulter getrennt, geknackte, zerbrochene, zerfetzte Körper, brutalste anatomische Studien auf Röntgenbild. Das erinnert durchaus an den klassischen Vorspann von Saul Bass zu Otto Premingers "Anatomie eines Mordes": nun aber als - bei aller sehr strangen Poesie, die das auch hat - unfassbar literalisierte Splatter-Version.

 

Aber auch vom zeitgenössischen Torture-Porn-Kino (vergleiche etwa die "Hostel"-Serie von Eli Roth) unterscheidet sich das noch einmal deutlich. Und zwar in seiner Lust nicht an der transgressiven Überschreitung, sondern an der puren Mechanik. Alle Körper sind hier, als vorläufig zusammengehaltene Summe ihrer Teile, immer schon auf dem Weg zur finalen Zerstörung, und zwar durch Maschinen. Hier wird nicht psychologisiert, hier wird sich noch nicht einmal wirklich mit den Figuren identifiziert. Eigentlich ist es eher, als wären diese Filme an empathiebefreite Betrachter adressiert: destruction porn für Automaten und Maschinen. Da kichert dein Toaster.

 

Alles Ingenium, alles Geld wird denn auch nur in eines, nämlich die elaborierten Kettenreaktionen der Vernichtung gesteckt, derer der Tod sich bedient. Ein junger Mann wird am Swimmingpoolgrund von einer Umwälzpumpe erst angesaugt, dann als Innereienhaschee am anderen Ende ausgespuckt. Eine Rolltreppe tut, was in Horrorvisionen Rolltreppen tun. Die Autowaschanlage wird - Kopf ab, Kopf ab - zur Geisterbahn. Und gegen Ende wird, so weit herunter ist inzwischen die Selbstreflexion, das Kino zum Schauplatz der Feuer-Apokalypse. Oder fast. Auch bizarr: Das ist eine ziemlich genaue Kontrafaktur zu Tarantino, dessen "Inglourious Basterds" dies auch in 3D zu habende Machwerk am letzten Wochenende auf Platz eins der US-Kinokassen abgelöst hat. Wenn aber der Tarantino-Film der Palast ist, den einer mit nichts als Liebe zum Kino erbaut hat, dann ist "The Final Destination" die Kettensäge, die ihn - ritsch-ratsch, mampf-matsch, pitsch-patsch - wieder einreißt.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 2.9.2009 in: www.perlentaucher.de

 

Final Destination 4

USA 2009 - Originaltitel: The Final Destination - Regie: David R. Ellis - Darsteller: Bobby Campo, Shantel VanSanten, Nick Zano, Haley Webb, Mykelti Williamson, Krista Allen, Andrew Fiscella - FSK: keine Jugendfreigabe - Länge: 82 min. - Start: 3.9.2009

 

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