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The Fighter

 

 

 

 

Magenschläge fürs allzu Kausale

Einen Boxerfilm nach wahren Begebenheiten erzählt David O. Russell in "The Fighter" - und wuchert mit erstaunlichen Haupt- und Nebendarstellern sowie Haupt- und Nebenbegebenheiten.

Das Äquivalent einer rechten Geraden ist David O. Russells Boxerfilm "The Fighter" ganz sicher nicht. Da sind so viele Schläge, angetäuschte und echte, direkte und hinterlistig gesetzte, auf einmal. Was man erst gar nicht denkt, denn scheinbar harmlos gehtís los. Friedlich nebeneinander auf der Couch sitzen zunächst Dicky Eklund (Christian Bale) und sein Halbbruder Micky Ward (Mark Wahlberg). Dicky macht Grimassen und Faxen, als stünde er unter Strom: den Crack-Süchtigen, der er ist, sieht man ihm an. Micky ist ein Mann, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt, ein Mann, der recht wenig spricht. Es gehören, da muss die Kamera nur kurz mal aufziehen, dazu: die Mutter der beiden, furchterregend, blond toupiert, knappe Röcke, Revolverschnauze - Melissa Leo, die in ihrer Rollenwahl nicht zimperlich ist. Ebenfalls sitzen im Rund, als Chor, farcenhaft, die sieben Schwestern mit sich türmendem Haar und finsterem Blick, meist mit der Mutter im Bunde. Einen Vater des einen oder anderen dieser neun Kinder gibt es auch. Der hat wenig zu melden.

"The Fighter" kämpft sich, je länger er dauert, desto eher ins Genre des Boxerfilms, kommt aber nie richtig an. Micky Wards zweiter Frühling wird zu einer Art Zentrum dieser Geschichte, die den wirklichen Geschehnissen um die real existierenden Protagonisten mit mehr oder minder großer Treue folgt - und ausgerechnet vor den drei Kämpfen gegen Arturo Gatti (hier ein Youtube-Zusammenschnitt), für die Ward eigentlich berühmt ist, dann einfach Schluss macht. Als Nebendarsteller gewann Christian Bale seinen Oscar, jedoch ist der Film zu ziemlich gleichen Teilen die Geschichte des von ihm gespielten Dicky wie die von Mark Wahlbergs Micky. Dick nämlich war einst auch, in den Siebzigern (die Gegenwart des Films sind die neunziger Jahre) ein mittelprächtig erfolgreicher Boxer. Größter claim to fame: sein Kampf gegen Sugar Ray Leonard, den er verlor. Daran, ob Leonard, als er dabei zu Boden ging, nur stolperte oder doch von einem Englund-Schlag niedergestreckt wurde, hängt für Dickys Selbsteinschätzung viel.

Nicht nur um den einen Boxer und den anderen geht es jedoch, vor allem am Anfang. Dick Eklund nämlich war in den Achtzigern auch eine - über den Zweck der Angelegenheit im Unklaren seines Drogennebels gelassene - Hauptfigur in einer Doku des Senders HBO über Crack-Abhängige. Diese Doku hat David O. Russell teilweise reinszeniert, ebenso wie er auch bei den Boxkämpfen großen Wert auf die Anmutung einer authentischen Fernsehübertragung legt. Dick auf Crack, Micks Comeback (plus Liebesgeschichte mit der toughen Collegeabbrecherin Charlene), die schreckliche große Familie, die Doku, erst Brüder-Solidarität, dann Brüder-Zwist, dann Brüder-Versöhnung, der Knast, die Kämpfe, das Arbeitermilieu der Stadt Lowell in Massachusetts: verdammt viel packt Russell in diesen Film, verwendet auf jeden dieser Stränge und Züge viel Mühe, fügt sie druckvoll an- und gegeneinander; genauer sollte man vielleicht sagen: am überzeugendsten ist er gerade darin, wie dieses Nebeneinander überhaupt nicht eindeutig zueinander ins Verhältnis zu setzen scheint. Weder klar über noch unter, noch vor noch hinter: Mit Tempo und kurzentschlossenen Schnitten setzt es Magenschläge fürs allzu Kausale, verschwindet die straighte Erfolgsgeschichte zeitweise fast hinter Wendungen anderer Art, gehen Übertreibungen in allen Registern einfach durch.

Bleibt die Frage: Ist ein Klischee dann weniger Klischee, wenn es rasant mit anderen Klischees konfrontiert wird? Vermutlich eher nicht. Aber es ist wohl doch immerhin so, dass ein Klischee, das mit kräftigem Strich ins Bild gesetzt wird, als solches weniger ins Gewicht fällt, wenn ein Film nicht darauf beharrt, auch noch Emotionen und Weisheiten und Realismusansprüche aus einem solchen Szenario zu melken. Da liegt viel Verdienst bei David O. Russell, dem das Löcken wider den Stachel zweite Natur scheint. Er ist kein Routinier und wenn er in der Mehr-oder-weniger-Auftragsarbeit "The Fighter" weit weniger ausdrücklich aus dem Rahmen fällt (oder springt) als zuletzt - aber lange ist das schon wieder her - in "I Heart Huckabees", dann gelingt es ihm doch, einen ganz eigenen Wahnsinn in jedem Bild spüren zu lassen. Christian Bale agiert das in seinem geradezu unkontrollierbaren, durch die Erklärung seiner Drogensucht eher nur dem Schein nach zu bändigenden Gesichts- und Körpergefuchtel eindrücklich aus.

Noch die Boxkämpfe choreografiert, nein: dramaturgisiert Russell mit einer Ungeduld, die übertriebene identifikatorische Anteilnahme an Figur, Kampf, Geschichte wie absichtlich hintertreibt. "The Fighter" scheint ein Film, der jederzeit doppelt lesbar ist: als mit viel Milieu und Atmosphäre und Nebenaktionen angereicherter Genrefilm - oder als ständige unausdrückliche Parodie (im klassischen Sinn des "Nebengesangs") dessen, was er zugleich auch ist. Weil er sein eigenes irritierendes Anderssein nie ausstellt, ja, geradezu im Gegenteil immer nur weiter sich durch Imitationen - der Wirklichkeit, der HBO-Doku, der Box-TV-Übertragung - zu authentifizieren scheint, gelingt ihm das "Passing" als Genrefilm. Er ist das und ist es nicht. Auf diese verquere und fehlgeschriebene Weise steht das O. im Namen von David O. Russell dann eben tatsächlich auch und gerade in einem solchen Film für: Oteur.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

The Fighter
USA 2010 - Regie: David O. Russell - Darsteller: Mark Wahlberg, Christian Bale, Amy Adams, Melissa Leo, Jack McGee, Dendrie Taylor, Melissa McMeekin, Bianca Hunter, Erica McDermott, Jill Quigg, Kate B. O'Brien, Jenna Lamia - FSK: ab 12 - Länge: 116 min. - Start: 7.4.2011
 

 

 

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