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Feuerwerk am hellichten Tage


 

Dreckiger Schnee im Winterlicht

Gesellschaftskritik im Gewand des Film noir: In Diao Yinans „Feuerwerk am helllichten Tage“ verfällt ein Expolizist einer Femme fatale.

Mit der Brutalität und Desillusioniertheit eines Italo-Westerns erzählt das letztes Jahr erschienene Kinoepos „A Touch of Sin“ von Korruption und Raubtierkapitalismus in China. Regisseur und Autor Jia Zhangke gewann dafür den Drehbuchpreis bei den Filmfestspielen von Cannes. Ein fast ebenso fatalistisches Zeitbild des Wirtschaftswunderlandes zeichnet Diao Yinans „Feuerwerk am helllichten Tage“ mit Anklängen an den Film noir – und wurde dafür in Berlin dieses Jahr mit dem Goldenen Bären belohnt.

Ob Gesellschaftskritik – mal sehr direkt wie in „A Touch of Sin“, mal subtiler wie in „Feuerwerk am helllichten Tage“ – im westlichen Genregewand ein Trend im chinesischen Filmemachen ist oder einfach nur den Vorlieben europäischer Festivalmacher entspricht, lässt sich aus der Entfernung schwer beurteilen. Die beiden Filme zeigen aber, dass die Kombination Sinn hat und herausragende Ergebnisse zeitigt. „Feuerwerk am helllichten Tage“ beginnt mit einer Parallelmontage: Die Kamera folgt einem abgetrennten Unterarm von der Ladefläche eines Kohlelasters über eine Halde auf ein Förderband, wo er von einem Arbeiter entdeckt wird. Dazwischengeschnitten werden die letzten Szenen einer Ehe: Ein Mann und eine Frau spielen Karten, haben Sex – und am Ende überreicht sie ihm die Scheidungsurkunde. Der Mann ist Kommissar Zhang. Er wird mit dem Mordfall betraut, der hinter dem Armfund steckt. Die Ermittlungen führen in einen Friseursalon, in dem es völlig überraschend zu einer Schießerei kommt. Zwei Mitarbeiter von Zhang werden getötet, er selber landet im Krankenhaus.

Dieser Doppelschlag aus Scheidung und Schießerei wirft den Kommissar aus der Bahn, wie ein Zeitsprung von fünf Jahren zeigt. Mittlerweile aus dem Polizeidienst ausgeschieden und dem Alkohol verfallen, schlägt sich Zhang als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma durch. Ein zufälliges Zusammentreffen mit einem ehemaligen Kollegen bringt ihn wieder auf die Spuren des alten Falls. Es stellt sich heraus: Alle Männer, mit denen sich die junge Witwe des damals Ermordeten einlässt, sterben bald einen gewaltsamen Tod. Zhang entwickelt für die hübsche Mitarbeiterin einer Schnellwäscherei bald eine Obsession, die nicht zuletzt der eigenen Todessehnsucht zu entspringen scheint.

Ein traumatisierter Expolizist, den ein alter Fall nicht loslässt, verliebt sich in eine Femme fatale – an den beiden Hauptfiguren von „Feuerwerk am helllichten Tage“ zeigen sich die Parallelen zum Film noir am deutlichsten. Wo bei den Klassikern des Genres allerdings die vom deutschen Expressionismus entlehnten schrägen Perspektiven und schiefen Winkel für subtile Verunsicherung beim Zuschauer sorgen, sind es beim chinesischen Film eher die überraschenden Rhythmuswechsel der Montage. So ruht die Kamera zum Teil lange auf scheinbar nebensächlichen Dingen – ein Ventilator in der Zimmerecke, ein halb zerquetschter Marienkäfer auf einem Bettlaken –, um auf der anderen Seite entscheidende Momente wie im Zeitraffer zu verdichten: eine Hand mit einer Pistole, ein Schrei, ein Krankenhaus von außen. Solche Ellipsen fordern vom Zuschauer immer wieder höchste Aufmerksamkeit, um der Geschichte folgen zu können.

Die moralische „Kälte“ der gezeigten Gesellschaft spiegelt sich dabei in den von Neonlicht durchzogenen Nächten. Wird die Atmosphäre im Film noir bestimmt von unwirklichen Großstadtbildern mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten, setzt Diao auf die unwirtliche Kulisse einer nordchinesischen Industriestadt, in der selbst die Nacht durch die Reflexionen des dreckigen Schnees in ein milchiges Winterlicht getaucht ist.

„Feuerwerk am helllichten Tage“ spielt in den Jahren 1999 und 2004, eine Zeitspanne, in der sich das Bruttoinlandsprodukt der Volksrepublik China mehr als verdoppelte. So wie die private eyes des Film noir nach dem Zweiten Weltkrieg traumatisiert zurückgekommen sind in eine Welt, die sie nicht mehr erkennen und die keinen rechten Platz mehr für sie hat, so kehrt Zhang nach den schockierenden Erlebnissen im Friseursalon und dem nachfolgenden jahrelangen Suff-Black-out in eine Gesellschaft zurück, die nicht mehr dieselbe ist. Subtil weist Diao in seinem dritten Film auf diese Wandlungen hin, ohne in irgendeine Art von Nostalgie zu verfallen.

„Feuerwerk am helllichten Tage“ fehlt der wütende Drive, die Empörung und der epische Atem von Jia Zhangkes „A Touch of Sin“. Mit seinem visuellen Erfindungsreichtum, lakonischen Humor und Gespür für die Schwächen der Menschen ist Diao aber ein origineller Krimi gelungen, der sich der Ehrung in Berlin allemal würdig erweist.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: taz

 

 


Feuerwerk am hellichten Tage

(Bai ri yan huo) - China, Hongkong 2014 - 106 Minuten - Start(D): 24.07.2014 - Regie: Diao Yinan - Drehbuch: Diao Yinan - Produktion: Vivian Qu, Wan Juan - Kamera: Dong Jinsong - Schnitt: Yang Hongyu - Musik: Wen Zi - Darsteller: Gwei Lun Mei, Liao Fan, Wang Xuebing, Wang Jingchun, Yu Ailei, Ni Jingyang

 

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