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Festung

 

 
 

„Ich mach’ gerade so eine Therapie und brauche wahrscheinlich noch ein paar Stunden“, sagt Claudia zu ihrem Vater Robert, nachdem sie dessen Auto auf dem Parkplatz mit ihrem Auto zu Schrott gefahren hat. Und sie sagt: „Gib mir noch ’ne Chance!“ Robert sagt zunächst nichts, denn er weiß, dass er jetzt gerade zitiert wird. Kurz darauf wird er seiner Ehefrau Erika zuzischen: „Du hast deine Scheiß-Kinder nicht im Griff!“ – und Erika weiß, dass dieser bislang schöne Tag ohne Gewalt für sie noch nicht zu Ende ist. Man erfährt nicht, wann und warum Robert gewalttätig geworden ist. Bestenfalls ein paar Indizien werden angedeutet. Da ist die Abhängigkeit von der dominanten Mutter, vielleicht auch die Angst, ein Versager zu sein. Dann hat Robert eine Therapie gemacht – und „Festung“ setzt ein, wenn Erika ihrem Mann „noch ’ne Chance“ gibt. Warum sie das tut, bleibt unklar. Wie überhaupt „Festung“ nur funktioniert, wenn man die These teilt, dass „Familie darstellen“ ein Wert ist, der so manches rechtfertigt. So also wirft der Terror des Vaters lange Schatten, die sämtliche Beziehungen der Familienmitglieder kontaminieren, aber offenbar vor der Öffentlichkeit bis zu einem gewissen Punkt verheimlicht werden konnten. Hat die „Festung Familie“ also funktioniert?

Dass die Thesenhaftigkeit und die Unschärfe des Plots den Film von Kirsi Maria Liimatainen nicht komplett beschädigen, liegt an der gewählten Erzählperspektive: Im Mittelpunkt der Handlung steht nämlich die 13-jährige Johanna, die mit allen Mitteln versucht, ihre Familie zusammen zu halten, und gleichzeitig beginnt, ihr eigenes Leben zu leben. Recht schematisch ist ansonsten dieses Figuren-Schach geraten: Die Mutter ist das inkonsequente Opfer, die älteste Tochter Claudia, längst ausgezogen, taucht ab und zu auf, um den Vater kämpferisch zu konfrontieren, während Johannas jüngere Schwester Monika versucht, die in ihrem Elternhaus herrschende Gewalt zu verdrängen, was nicht immer gelingt, wenn wüste, nicht kindgemäße Beschimpfungen aus ihr hervorbrechen. So erlebt man eine Kleinfamilie, die sich in der Aggressivität ihrer Beziehungen eingerichtet und gewisse Routinen entwickelt hat. In der Darstellung dieser Routinen hat der Film seine Stärken: Johanna ist an der Schule eine Außenseiterin, die am Rande steht; wenn sie eine Party veranstaltet, ist mit Gästen nicht zu rechnen. Das könnte damit zu tun haben, dass sie sich aufopferungsvoll um ihre kleine Schwester kümmert und sie stets, auch bei unpassenden Gelegenheiten, dabei hat. Die beiden haben eine geradezu symbiotische Form des Fahrradfahrens entwickelt. Auch diese Überforderung schlägt immer mal wieder in (verbale) Gewalt um. Wenn Johanna ausprobiert, wie es sich anfühlen könnte, sich zu verlieben, wird die sich langsam entwickelnde Beziehung zu Christian durch den Schutz der „Festung“ immer wieder auf die Probe gestellt, bis der überforderte Christian schließlich in Verhaltensmuster fällt, die Johanna an ihren Vater erinnern könnten.

Für die Momente der Leichtigkeit, die eine kurze Befreiung von Familie erlauben, findet der Film prägnante Bilder und kann auch mit der Topografie des Winzerdorfs in der Provinz punkten. Letztlich aber leidet er doch zu sehr an seinem formelhaften Drehbuch und ragt allenfalls durch die darstellerischen Leistungen der von Karoline Herfurth, Elisa Essig und Antonia T. Pankow gespielten Schwestern aus der Mittelmäßigkeit heraus. Dass er nicht mehr überzeugt, liegt auch daran, dass die Eltern-Darsteller (Peter Lohmeyer, Ursina Lardi) ihren jüngeren Kollegen nichts entgegenzusetzen haben, weil sie nur Thesen zu spielen haben.

Ulrich Kriest

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film Dienst 24/2012

 

Festung
Deutschland 2011 - Regie: Kirsi Marie Liimatainen - Darsteller: Ursina Lardi, Peter Lohmeyer, Elisa Essig, Ansgar Göbel, Antonia T. Pankow, Karoline Herfurth, Bernd Michael Lade - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 88 min. - Start: 29.11.2012

  

 

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