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Das Festmahl im August

Zu Maria Himmelfahrt fährt ganz Rom ans Meer, doch wohin mit den alten Müttern? Gianni Di Gregorio handelt ein verdrängtes Thema als Komödie ab

 

Dass italienische Männer Nesthocker sind, ist statistisch bewiesen: Die Hälfte von ihnen lebt mit dreißig noch bei Mama zu Haus. Manche bleiben auch ganz dort. Die Rechnung dafür kommt im späteren Mannesalter, wenn der lang verhätschelte Sohnemann dann für die gebrechlicher werdende Mutter den Haushalt führen soll. So geht es auch Gianni, einem in die Jahre gekommenen Beau und Chablis-Trinker, der mit seiner stets picobello aufgestylten Mutter eine römische Altbauwohnung teilt. Valeria hat einen Aristokratie-Hintergrund, sorgfältig onduliertes Haar und knallrote Nagelkrallen an der Hand. Und eine Autorität, der sich der brave Gianni kaum entziehen kann. Doch es ist eigentlich kein schlechtes Leben: ein bisschen Kochen, nach dem Einkaufen ein Gläschen vor dem Krämerladen und abends Gute-Nacht-Geschichten vorlesen. Nur dass der großbürgerliche Schein trügt: Die Miete für die geräumige Wohnung ist seit Monaten nicht bezahlt. Zu Ferragosto, den Augustfeiertagen, wenn die Römer vor der Hitze ans Meer flüchten, bleibt auch Gianni mit der Mutter in Trastevere zurück.

 

Er ist nicht der Einzige mit solchem Schicksal. Doch es ist einigermaßen einzigartig, was ihm passiert. Denn durch einige hier diskret verschwiegene Koinzidenzen laden noch andere Männer ihre Mütter zu Ferragosto bei Gianni ab. So sind am Ende eines heißen Sommertages neben der Frau Mama noch drei andere Eighty-Somethings bei ihm zu Gast: die abenteuerlustige und störrische Marina, dazu »Zia Maria«, auf den ersten Blick mehr der Haushälterinnentyp, und schließlich noch Grazia, die von ihrem Arztsohn strenge Diätvorschriften mitbekommen hat. Giannis Mutter selbst zieht sich beim Anrücken der Konkurrentinnen erst mal mit aristokratischer Arroganz in ihr Gemach zurück. Gianni müht sich, doch schon bald wachsen ihm weiblicher Eigensinn und die sich entfaltende Psychodynamik über den Kopf. Doch zum Dazulernen ist es nie zu spät.

 

Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Gianni Di Gregorio hat sich in Italien als Drehbuchautor (zuletzt mit der Ko-Autorschaft von Gomorrha) einen Namen gemacht. Die Grundsituation seines späten Regiedebüts ist nach eigenen Angaben aus selbst Erlebtem gewachsen. Um diesen Kern herum aber hat der Regisseur seinen brillant besetzten Schauspieldebütantinnen viel Raum zur Improvisation gelassen, den diese auch mit Intelligenz nutzen. Abgesehen von dem straff konstruierten Rahmengerüst wird dabei auf die üblichen Komödienverwicklungen verzichtet. Stattdessen verführt der von Kameramann Gian Enrico Bianchi mit wenig künstlichem Licht und flüssiger Handkamera gedrehte Film mit einer Lässigkeit, Intimität und atmosphärischer Dichte, wie sie sonst eher in jugendbewegten Filmen zu finden sind. Dabei werden unsere Italien-Klischees lustvoll auf den Boden der banalen und oft bitteren Lebenstatsachen heruntergeholt. Rudimentäre Kenntnisse der italienischen Sprache sind zum vollen Genuss der herrlich beiläufig inszenierten Wortgeplänkel (selbstverständlich in der OmU-Fassung) hilfreich.

 

Silvia Hallensleben

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film

 

Das Festmahl im August

Pranzo di Ferragosto

Italien 2008. R, B: Gianni Di Gregorio. P: Matteo Garrone. K: Gian Enrico Bianchi. Sch: Marco Spoletini. M: Rachev & Carratello. A: Susanna Cascella. Pg: Archimede. V: Pandora Film. L: 75 Min. Da: Valeria De Franciscis, Marina Cacciotti, Maria Cali, Grazia Cesarini Sforza, Alfonso Santagata, Luigi Marchetti, Gianni Di Gregorio.

Start (D): 30.04.09

 

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