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Die Fee

 

 

Dominique Abel, Fiona Gordon und Bruno Romy erwecken in "Die Fee" die Tradition des Slapstick-Kinos wieder zum Leben.

Dom (Dominique Abel - groß, schlank, Trauer im Blick, aber da kann sich auch etwas anderes einnisten) ist Portier in einem Hotel, Fiona (Fiona Gordon - groß, schlank, große Augen, auf eine sehr gelenke Art ungelenk) ist eine Fee. Zumindest behauptet sie das, als sie im Hotel eincheckt, das Motorrad mit unendlich Benzin, das sich Dom von ihr wünscht, lässt auf sich warten - vorerst. Nach dem Einchecken ruft sie aus ihrem Zimmer mehrmals die Rezeption an, just immer dann, wenn Dom sich auf seinen Stuhl gesetzt hat, sich seinen Teller auf dem Schoß zurecht legt und dabei ist, in sein Sandwich zu beißen, während aus seinem Fernsehgerät die ersten Takte von "What a Difference a Day Makes" erklingen.

Diese erste längere Szene der Komödie zeigt gleich deren Konstruktionsprinzip an. Es geht nicht so sehr um überraschende Zuspitzung der (verbalen) Pointe, als um das zerdehnte Ausagieren von Bewegungs- und Bild-Ton-Konstellationen, die sich über Wiederholungen und Variationen fortpflanzen: Folgerichtigerweise stößt denn auch der fast blinde Kellner im Lokal "L'Amour Flou" nicht nur einmal, sondern gleich ein gefühltes Dutzend mal gegen die Wand hinter dem Tisch, an dem sich Dom und Fiona niedergelassen haben. Andere Gag-Serien drehen sich um einen Hund, der aufgrund des Haustierverbots im Hotel in einer Tasche versteckt wird, oder werden während amüsanter Verfolgungsjagden ausagiert. Die schönste dieser Jagden findet vor dem Hintergrund altmodischer Rückprojektionen, wie bei Alfred Hitchcock, statt. Daneben stehen Szenen, die sich ganz von Handlungsimperativen lösen und eher dem Bewegungshandwerk der Pantomime entspringen, wie zum Beispiel ein Wasserballett im klarblauen Meer. Mit vorbeischwebenden Pastiktüten als Quallen.

Dominique Abel ist Belgier, Fiona Gordon Kanadierin, beide begeistern sich für den Zirkus, alte Slapstickfilme und klassische Pantomime. Im Leben sind sie seit über 30 Jahren ein Paar, den ersten gemeinsamen Spielfilm "L'iceberg" haben sie, gemeinsam mit Bruno Romy, dem dritten im Bunde, der auch vor der Kamera - als der oben erwähnte fast blinde Kellner - agiert, 2005 gedreht. "Die Fee" ist das erste, etwas großformatigerere, Projekt der drei und bleibt doch ein Nischenfilm, ohne das crossover-Potential des unendlich glatteren "The Artist" zum Beispiel. Pate für diesen hoffnungslos unzeitgemäßen und auch nicht so ohne Weiteres auf irgendeiner Retro-Welle mitschwimmenden Film stehen die Klassiker des Slapstickkinos, von Chaplin und Keaton bis insbesondere Jacques Tati, von dem "Die Fee" das Konzept übernimmt, die Gags nicht an eine einzelne Person zu binden, sondern demokratisch über das gesamte Personal, die gesamte filmische Welt zu verteilen. Wie bei Tati und seinen Vorgängern geht es auch bei Abel, Gordon und Romy immer um die filmische Form selbst, die nicht einfach Behälter für komisches Material sein soll, sondern selbst Humor birgt.

Auch Aki Kaurismäki scheint eine Referenz zu sein, darauf verweisen schon die etwas verhärmt anmutenden Physiognomien der Hauptfiguren und die Lakonie in der Bildgestaltung. Eine beliebig wirkende, aber deshalb möglicherweise umso sinnfälligere Parallele gibt es zu "Le Havre", der bislang letzten Regiearbeit des Finnen. "Die Fee" spielt ebenfalls in der nordfranzösischen Hafenstadt (nicht ganz in denselben Straßen allerdings, bei Kaurismäki geht es auch um die Enge der Gassen in der historischen Altstadt, die einen einerseits erdrücken kann, in der man aber andererseits auch temporäre Zuflucht vor dem Zugriff der Autorität findet, im französischen Film beanspruchen die aufwändigen Slapstick-Nummern mehr Platz, den weiten Raum) und es gibt noch weitere motivische Überschneidungen, nicht zuletzt tauchen in beiden Filmen afrikanische Flüchtlinge auf, die sich vor der Polizei verstecken müssen. Beide Filme sind im Kern rettungslos naive und ergreifend hilflose Märchen gegen die Kälte der Realität, Erzählungen über die Solidarität der Schwachen mit den Abgehängten, der Abgehängten mit den Ausgestoßenen. Da beide Filme letztes Jahr mehr oder weniger gleichzeitig in Cannes Premiere feierten, wird es sich dabei kaum um eine einseitige Aneignung, sondern vielmehr um das Aufscheinen einer Geistesverwandschaft handeln.

Die schlichte und in ihrer Reduktion doch wieder analytische Schönheit des Kaurismäki-Films erreicht "Die Fee" zwar nicht, dazu fällt zu viel auseinander in dieser trotz ihrer lediglich 90 Minuten Laufzeit manchmal über Gebühr aufgeblasen wirkenden romantischen Farce. Doch das kleine Stück genuinen Kinos, auf dem sich Abel, Gordon und Romy, irgendwo zwischen enthusiastischer Kleinkunst, low-tech-Kinonostalgie und humanistischer Empathie, eingerichtet haben, hat seinen ganz eigenen Reiz; und hoffentlich eine Zukunft.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im:www.perlentaucher.de


Die Fee
Frankreich / Belgien 2011 - Originaltitel: La fée - Regie: Dominique Abel, Fiona Gordon, Bruno Romy - Darsteller: Dominique Abel, Fiona Gordon, Philippe Martz, Bruno Romy, Vladimir Zongo, Destiné M'Bikula Mayemba - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 94 min. - Start: 6.9.2012

 

 

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