zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

 

Faust (2011)

 

 

 

 

Der Herr Doktor sucht den Sitz der Seele, tief in den Eingeweiden des Menschen. Um diese freizulegen, muss zunächst ein großer Hautlappen entfernt werden. Der Assistent vermutet die Seele hingegen in den Füßen, weil der Schrecken dem Menschen doch bekanntlich in die Glieder fährt. Dann ziehen sie die Leiche gemeinsam an einer Winde hoch, worauf die übrigen Eingeweide auf den Boden pladdern. Schon mit seiner Eröffnung deutet Regisseur Alexander Sokurow an, dass ihm an einer werkgetreuen Adaption von Goethes „Faust“ wenig gelegen ist. Die erste Einstellung zeigt den schrumpeligen, haarigen Schwanz des Toten in Großaufnahme. Ein anti-phallisches Bild. Sokurow hat in seinen Filmen „Moloch“, „Taurus “ und „Die Sonne“ das Wesen der Macht anhand von historischen Figuren (Hitler, Lenin, Hirohito) in all ihren Facetten erkundet. „Faust“ dagegen, der seine Macht-Tetralogie nun abschließt, eröffnet gewissermaßen mit einem Bild männlicher Impotenz.


Dieser Faust ist ein Getriebener, zerrissen zwischen dem Streben nach Erkenntnis und seinem Verlangen nach der jungen Margarete. Sokurow hat den Mythos auf Menschenmaß zurechtgestutzt. Die großen philosophischen Fragen, die seinen neurotischen Assistenten Wagner noch umtreiben, interessieren Faust nur am Rande. Viel mehr interessiert ihn, was sich unter den Röcken der Mädchen befindet, die sich im Badehaus zum gemeinsamen Waschen treffen. Der Wiener Bühnenschauspieler Johannes Zeiler spielt Faust als Hasardeur: rastlos, schelmisch und von einem permanenten Hungergefühl geplagt. Das Geld reicht nicht einmal für richtige Tinte. Nur deshalb wird er den faustischen Pakt später mit seinem Blut besiegeln.   


Sokurow hat sich vom Geist Goethes weitgehend frei gemacht. Seine Adaption beginnt als Schelmenstück (in seiner rustikalen Folkloristik dem Frühwerk Werner Herzogs nicht unähnlich), nimmt jedoch schon bald teuflische Züge an. Anfangs befindet sich die Kamera im Sinkflug über einer namenlosen deutschen Kleinstadt, die wie aus der Zeit gefallen scheint. Die verwinkelten Gassen greifen den Expressionismus des kommenden Jahrhunderts vorweg (Sokurow hat seinen Film hübsch im Stummfilmformat kadriert), gleichzeitig sind im Stadtbild noch Spuren der Romantik erkennbar. Aschfahl sehen die Außenaufnahmen aus, zusätzlich arbeitet Sokurow mit dem Licht der Alten Meister, was den Bildern eine malerische Qualität verleiht.


Amélie“-Kameramann Bruno Delbonnel durchstreift die Straßen erneut mit großer Verve; den Faust, der sich orientierungslos vom Getümmel treiben lässt, immer im Schlepptau. Stellenweise erinnert der Film an ein Kuriositätenkabinett, wenn Delbonnel die Figuren und Räume wie durch Zerrspiegel filmt. Die deutsche Mundart der wimmelnden Statisten unterstreicht nur den burlesken Humor, der für Sokurow eigentlich ganz untypisch ist. Stimmen sind es schließlich auch, die Faust in das Haus des Pfandleihers locken. Eine schicksalshafte Zufallsbekanntschaft, mehr ist es zunächst nicht.

Sokurows Distanz zum klassischen Stoff zeigt sich am deutlichsten in der Auflösung der tragischen Struktur. Es steht kein höherer Plan hinter der Begegnung von Faust und Mephisto, dem Wucherer. Weder scheint Mephisto sonderlich interessiert an Fausts Seele, noch drängt es diesen nach der Beantwortung der großen Menschheitsfragen. Das Geschäft der beiden läuft auf eine Posse hinaus. So zieht es das seltsame Gespann immer wieder an die Orte des öffentlichen Lebens: ins Wirtshaus zum Beispiel, wo Faust möglicherweise in eine Falle Mephistos tappt. Im Badehaus entblößt der Wucherer zum Gespött der anwesenden Frauen seinen grotesken Körper: der geschlechtlose Mephisto trägt seinen „Zipfel“ als verkümmertes Schwänzlein am Rückgrat. Und auch diese Offenbarung trägt der Stoiker Faust mit Fassung.

Die Passivität Fausts erweist sich allmählich als politisches Kalkül. Faust ist ein Triebtäter, der seinem Gretchen liebend gern an die Wäsche will, aber in den neu gewonnenen Freiheiten, die Mephisto ihm offenbart, auch ein Machtpotential erkennt, das weit über die Willensbildung des freien Menschen hinausgeht. „Weiter, weiter!“ schreit er schließlich irre, nachdem er seinen Lehrmeister mit Steinen erschlagen hat. Die Frage, ob „Faust“ mit einem Tyrannenmord endet oder dieser selbst den Beginn eines tyrannischen Regimes darstellt, lässt Sukorow offen. Vielleicht zeichnet sich auch nur ein Epochenwechsel ab. Demnach wäre Sokurows Faust der erste Mensch der Moderne.

Andreas Busche

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd film 1/2012

Faust
Russland 2011 - Regie: Alexander Sokurow - Darsteller: Johannes Zeiler, Anton Adassinsky, Isolda Dychauk, Georg Friedrich, Hanna Schygulla, Antje Lewald, Florian Brückner - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 16 - Länge: 134 min. - Start: 19.1.2012

 

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays