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Fast & Furious 7




Einen todessehnsüchtigen Blockbuster inklusive 9/11-Rachefantasien hat James Wan mit "Fast & Furious 7" abgeliefert.

Was verwundert mehr? Dass es das ursprünglich auf altmodischen B-Movie-Tropen begründete "Fast & Furious"-Franchise auf inzwischen sieben Serienbeiträge gebracht hat? Oder dass es der Reihe gelingt, mit jeder Fortsetzung tatsächlich noch ein wenig prolliger zu werden? Auf den Punkt gebracht wird der Reiz der Filme, wenn es über den zwischenzeitlich pensionierten Brian O'Connor, eine ihrer Hauptfiguren, heißt: "Er vermisst nicht die Frauen und auch nicht die Autos - sondern das Geballer!" Tatsächlich hakt auch der Film die ersten beiden Elemente seines recht beschränkten Arsenals visueller Attraktionen eher beiläufig ab, mit Vorliebe in rapvideoartigen, lenseflaregesättigten Montagesequenzen.

Der Rest ist Geballer: Die Crew um O'Connor und Toretto (Vin Diesel) hat mit ölverschmierten Garagen und illegalen muscle-car-Rennen nicht mehr viel am Hut, hat sich statt dessen in eine Art Schnelleingreiftruppe für den amerikanischen Geheimdienst transformiert ("wir haben ähnliche Interessen" meint Toretto einmal, als er nach dem Verhältnis zur Staatsmacht gefragt wird) und muss diesmal gleich zwei Superschurken das Handwerk legen. Mit den Jungs (und einem Mädchen) jettet "Fast & Furious 7" in James-Bond-Manier um den Erdball, nach Georgien, nach Abu Dhabi, schließlich zurück nach Los Angeles.

Da mag der Film noch so sehr in Testosteronexzessen schwelgen: Der Arbeiterklasse-Charme, den Justin Lins verhältnismäßig bedächtige, manchmal fast klassizistische Regie der Serie selbst noch in den beiden ebenfalls schon reichlich aufgeplusterten Vorgängern bewahrt hatte, ist im neuen, von Horrorspezialist James Wan eher nervös und effekthascherisch als wirklich kompetent inszenierten Abenteuer komplett dahin. Das Prollige ist, könnte man sagen, nur noch Schauwert, ihren inneren Proll hat die Serie endgültig gegen eine weitgehend beliebige Blockbustermechanik ausgetauscht.

Die Produktionsgeschichte hat allerdings dafür gesorgt, dass es doch etwas gibt, was "Fast & Furious 7" ziemlich einzigartig macht: O'Connor wird von Paul Walker gespielt, der vor mittlerweile über einem Jahr während der Dreharbeiten ums Leben kam und zunächst rabiat aus dem Film herausgeschrieben werden sollte. Das haben sich die Produzenten nun anders überlegt: Bevor sie in einer angemessen kitschigen Schlusssequenz in die ewige Kleinfamilie eingehen darf, ballert sich Walkers bekannteste Filmfigur dank aufwändiger analoger (body doubles) und digitaler (CGI) Tricks nun doch noch einmal durch einen diesmal besonders kruden Plot. Die Folge ist eine eigenartige Instantmelancholisierung des Bewegungsbilds. Als eine einzige, lange Grabrede offenbart sich der Film zwar erst am Ende, aber schon vorher kann man sich - zumindest beim einmaligen Sehen - nie so recht sicher sein, ob man jetzt den echten Walker oder eines seiner Surrogate vor sich hat.

Tatsächlich unterhält der Film auch abseits des ontologisch prekären Walker ein eigenartiges Verhältnis zum Tod. Einmal steht die von Michelle Rodriguez gespielte Letty (die interessanteste Figur der Filmserie) vor ihrem eigenen Grabstein und denkt laut darüber nach, ob dessen Inschrift denn tatsächlich Unrecht habe, ob also sie selbst sich tatsächlich noch unter den Lebenden befinde oder nicht eigentlich schon vor Jahren bei einem (natürlich) Autounfall das Zeitliche gesegnet habe. Plötzlich wird eine Todessehnsucht explizit, die den Film untergründig ziemlich durchgängig prägt - und zwar ganz besonders dann, wenn er ganz unbedingt lebendig tut, in den Action-, beziehungsweise Autoszenen.

Klassische Autorennen oder -verfolgungsjagden tauchen so gut wie gar nicht mehr auf. Wenn in "Fast & Furious 7" jemand einen Wagen besteigt, kann man sich sicher sein, dass das Fahrzeug im nächsten Moment mit Vollgas in ein anderes Auto krachen, einen steilen, felsigen Abhang herunterstürzen, aus dem Bauch eines mehrere hundert Meter über dem Boden sich bewegenden Flugzeugs herausschießen wird. Klar, wie im Comic kommen die Figuren dabei lebendig, meist noch nicht einmal besonders verschrammt davon (schade, dass der Film mit so großartigen Actionfilmkörpern wie dem Vin Diesels oder des ohnehin ziemlich unterbeschäftigen Dwayne Johnson so wenig anzufangen weiß). Aber das Ganze ist diesmal dermaßen bizarr, dass man schon auf die Idee kommen kann, dass es nicht mehr um die phobische Verdrängung von, sondern um eine allerdings auch ziemlich neurotische Fixierung auf Sterblichkeit geht.

Besonders deutlich, aber auch besonders neurotisch, nämlich fast schon nationalneurotisch wird das in Abu Dhabi (dessen Tourismusbüro zu den Sponsoren des Films zu gehören scheint): Da finden Toretto und O'Connor ein besonders wichtiges Auto - hoch oben in einem Wolkenkratzer. Und sie haben natürlich nichts besseres zu tun, als den Wagen mit Vollgas durch die Glasfassade zu befördern, nur um ihn nach einigen spektakulär zerdehnten Sekunden Freiflug einige Stockwerke tiefer in einem benachbarten Hochhaus wieder einschlagen zu lassen. Und weil neben diesem zweiten noch ein drittes Hochhaus steht, wiederholt sich das Spiel ein weiteres Mal. Zweimal kracht ein von größenwahnsinnigen und zumindest unterbewusst selbstmörderischen amerikanischen Spinnern gelenkter Luxussportwagen aus der Luft in ein arabisches Hochhaus - unter all den 9/11-Rachefantasien, die Hollywood in den letzten Jahren produziert hat, dürfte das die ultimativ beknackteste sein.

Lukas Foerster

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

 

 

Fast & Furious 7
USA 2014 - 137 Min. - Start(D): 02.04.2015 - FSK: ab 12 Jahre - Regie: James Wan - Drehbuch: Chris Morgan, Gary Scott Thompson - Produktion: Vin Diesel, Neal H. Moritz - Kamera: Stephen F. Windon - Schnitt: Christian Wagner - Darsteller: Jason Statham, Dwayne Johnson, Vin Diesel, Paul Walker, Tyrese Gibson - Verleih: Universal Pictures Germany

 

 

 

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