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Die fantastische Welt von Oz


In Sam Raimis Klassiker-Wiederaufnahme "Die fantastische Welt von Oz" fängt man sich Digital-Diabetes ein.

Wir erinnern uns: Der Zauberer von Oz aus dem gleichnamigen Technicolor-Hollywood-Klassiker (respektive dem Kinderbuchklassiker von L. Frank Baum) war ein Scharlatan, ein Mann des faulen Budenzaubers, der hinter Vorhängen für den maximalen Effekt an Drehrädchen kurbelte, auf Knöpfchen drückte und sich von avancierter Technik sein an sich recht umgängliches Stimmchen böse aufblasen ließ. Der neueste "Oz"-Film - bereits in den 80ern drehte Disney eine Art Sequel, an das sich heute allenfalls von dessen düsterer Atmosphäre traumatisierte Kinder erinnern - erzählt nun die Vorgeschichte: wie der Scharlatan wider Willen zum Helden wurde, im Grunde seines Herzens aber Scharlatan blieb.

Der Beginn erfolgt stilecht in Schwarzweiß mit leichtem Sepia-Stich und im (zumal für einen 3D-Film) beengten 4:3. Wie im "Zauberer von Oz" ist Kansas bildästhetisch als Residuum einer Unzeitgemäßheit gekennzeichnet, zu dem die (auch hier nur im fürchterlichsten Sturm betretbare) Zauberwelt von Oz einen bonbonfarbenen Gegenentwurf bildet - allein aus Technicolor ward Digitaleffekt im Breitbildformat. Der Zirkus-Illusionist Oscar Diggs (James Franco) flüchtet sich vor allerlei Ärger in einen Ballon und gerät in jenen Zaubersturm, der die hiesige von der fantastischen Domäne trennt: In Oz angekommen, gesellt sich ihm nicht nur ein leicht deppertes Pixel-Affenvieh zur Seite, sondern er gerät auch zwischen die Fronten eines Kriegs jener Hexen, die sich schon im "Zauberer von Oz" nicht leiden konnten. Und folgt man einer Prophezeiung, so handelt es sich in seinem Fall um den großen Zauberer, der da einst kommen und die kleinen Munchkins von ihrem Joch befreien soll.

Dass es sich bei "Die fantastische Welt von Oz" um ein eher zynisches Projekt handelt, liegt einigermaßen auf der Hand: Der so überragende wie überraschende Erfolg von Tim Burtons "Alice im Wunderland" aus dem Jahr 2010 dürfte bei Disney Begehrlichkeiten ausgelöst haben, den Fundus nach weiteren quirlig in Szene setzbaren Fantasiewelten abzuklopfen. Burton-Stammkomponist Danny Elfman konnte zudem verpflichtet werden, sodass der Film bereits im Vorspann klar die Richtung weist: We're not in Kansas anymore, this is Burton County. Ganz ähnlich wie im zugemüllten "Alice im Wunderland" fängt man sich auch in "Die fantastische Welt von Oz" an den überzuckerten Bildern im Nu Digital-Diabetes ein. Hinzu kommt, dass Regisseur Sam Raimi - dessen Verdienste um den Splatter- und den Superheldenfilm unbestritten sind - als guter Erzähler bislang wahrlich noch nicht in Erscheinung getreten ist. "Die fantastische Welt von Oz" manövriert sich ungelenk bis plump durch fad konstruierte Konfliktlinien: Hier also die gute, dort dann auch die böse Hexe, drüben die Munchkins - beim Blechmann und der Vogelscheuche, ist das alles wurscht.

Charmant geraten immerhin die Volten des Zauberers gegen die böse Hexe: Die große Dialektik der Technikgeschichte, die gerade an jener Kippstelle zwischen 19. und 20. Jahrhundert, an der sie im Zusammenspiel der Wissenschaften zutiefst rational die Welt zergliedert, in Form des Kinos zumindest einen magischen Abglanz rettet und das Zauberhafte in die fast haptische Konkretion holt, gipfelt hier in der Pointe, dass ein Verbund aus Laterna Magica, früher Tontechnik und Proto-Fernsehliveübertragung den bösen Hexen endgültig das Fürchten lehrt. Indessen, man wird von diesem Scharlatan-Kino selbst betrogen: Der Qualm, auf dem James Francos Antlitz ins Monströse projiziert wird, stammt allein aus überhitzten Chips, die Laterna Magica wird um ihr Recht gebracht.

Thomas Groh

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

Die fantastische Welt von Oz

(Oz: The Great and Powerful) - USA 2012 - 130 Minuten - Start: 07.03.2013 - FSK: ab 6 Jahren - Regie: Sam Raimi - Drehbuch: Mitchell Kapner, David Lindsay-Abaire, basierend auf dem Roman Die fantastische Welt von Oz von L. Frank Baum - Kamera: Peter Deming - Schnitt: Bob Murawski - Musik: Danny Elfman - Darsteller: James Franco, Rachel Weisz, Michelle Williams, Mila Kunis, Tony Cox

Verleih: © Disney

 

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