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Der fantastische Mr. Fox

 

 

 

Gehobener Weltschmerz

 

Aus einer Roald-Dahl-Welt eine Wes-Anderson-Welt machen: In "Der fantastische Mr. Fox" gelingt das mit links.

 

Erst eine stille Welt, handgemacht, Flickwerk, Landschaft von oben, wie gemalt. Dann kommt Leben rein, zunächst in Form von Schrumm-Schrumm-Musik. Nächstes Bild: Eine animierte Menschenhand hält ein Buch: Roald Dahls "The Fantastic Mr. Fox". Im Titel selbst der Verweis aufs andere Medium und man liegt wohl nicht falsch mit der Vermutung, dass die Hand, die man sieht, die von Wes Anderson selbst sein muss, die Pranke eines sehr zahmen Löwen. Eines zahmen Löwen, der Welten schafft und um die von ihm geschaffenen Welten luftdichte Rahmen zieht, dafür im Innern des Rahmens alles umso mehr vollstopft: mit Anspielungen, Mise-en-abyme-Verdopplungen (zum Beispiel wird in der wie gemalten Landschaft Landschaftsmalerei auftauchen, später), mit gehobenem Weltschmerz, gepflegten Neurosen und vermittelten Ausdrucksformen fürs Gefühl, insbesondere Popmusik.

 

Nach der Pranke des Löwen (Wes Andersons Menschenhand): Eine symmetrisch geordnete Totale (immer ist äußerlich Ordnung in der Anderson-Welt), in der Totale unter vorüberziehendem feuer-erd-farbenem Himmel ein Hügel, in der Mitte ein erdfarbener Baum, vor dem Baum ein Fuchs, der Sportübungen macht. Dazu spielt im Walkman-Radio das Lied von Davy Crockett, legendärer Ur-Amerikaner, der in der heroisch verlorenen Schlacht um den Alamo starb. In San Antonio, Texas, Wes Andersons Heimatstaat. Das nebenbei, aber es ist eine typische Intarsie, mit der der britische Fuchs nach Amerika übergesiedelt wird, und zwar noch bevor er den Mund aufmacht und mit der Stimme George Clooneys spricht. Im Original nur, aber niemand wird ausgerechnet diesen Film synchronisiert sehen wollen, der Stimmen Meryl Streeps (Mrs. Fox), Jason Schwartzmans (Sohn Ash), Bill Murray (der Anwalt, ein Dachs) oder Willem Defoes (übergelaufene Ratte) wegen, aber auch deshalb, weil zusätzlich die bösen Bauern (Boggis, Bunce and Bean - Grob, Grimm, Greulich auf Deutsch, das allein schon) britisch sprechen und die wilden Tiere amerikanisch.

 

Der Fuchs auf dem Hügel trägt einen erdfuchsfarbenen Cord-Anzug, sehr elegant, und gemeinsam mit seiner Füchsin geht er Täubchen rauben beim Bauern Berk. Damit geht es schwungvoll hinein in die Handlung, mit Stibitzen, mit Rennen und Flüchten. Und schwungvoll heißt hier: Da ist nicht nur Bewegung, sondern es ist da ein Vergnügen am Bewegungsüberschuss zu schmissigster Popmusik. Diebin und Dieb flitzen wie beim Parkours durch ein Gelände, in dem ihnen alles, was Widerstand bietet, zum Überwindungslust-Objekt wird. Sie robben über den Boden, schlagen Rad, flanken im gemeinsamen Hand-in-Handstand über den Zaun. Von links nach rechts, im Grunde videospiellogisch tun sie das, in einer flüssigen Seitwärtsbewegung folgt ihnen die Kamera auf dem Fuß.

 

Wundersame, wunderbare Ökonomie: Eine Bewegung, die Ziele, Effizienz, Nutzen hinter sich lässt, eine Bewegung allerdings, die mit einer Stillstellung endet. Fuchs und Füchsin aus eigener Dummheit (seiner) hinter Gittern. Damit ist der Prolog vorbei, die ökönomische Logik bleibt erhalten. Feier des Überschusses, etwa, wenn der etwas großmäulige Mr. Fox immer wieder schön überflüssig sein Trademark-Zeichen von sich gibt - ein Pfeifen, ein Handschnippen -, eigentlich etwas alberner, vielleicht sogar peinlicher Blödsinn. Es ist aber dieser Zusammenstoß von Rahmungs- und Ordnungs-Obsession mit der Ineffizienz des Exzentrischen (oder der Zusammenstoß von Totalitarismus und Anarchie), der den Reiz und den Reichtum nicht nur dieses Wes-Anderson-Films ausmacht. Hier kommt dazu, dass dies im durchregulierbaren Traumland der Animation sich ereignet, jenem Unterbereich der Bewegtbildkunst also, in dem sich dem Macher und seiner Machwut in letzter Instanz nichts entziehen muss. Bild für Bild, Kader für Kader, Ruck um Ruck der Kamera wie der Puppen: nichts gerät, von einer gewissen Widerständigkeit des Materials einmal abgesehen, zwischen Wille und Ausführung.

 

Aus diesen schönen Widersprüchen strickt Anderson (Drehbuch gemeinsam mit "Greenberg"-Regisseur Noah Baumbach) die Dahl-Geschichte der Vorlage um. Er erzählt von wilden - naja, "wilden" - Tieren, die nicht aus ihrem Fell können und einem Anführer, der mit seiner Selbstüberschätzung Unheil meist eher als Heil anrichtet und dem man dennoch seine Sympathie nicht versagen kann. Und er erzählt von wilden Tieren, denen böse Bauern ans Leder wollen, nur weil diese tun, was ein wildes Tier nun mal tun muss: Lebendes und Eingemachtes stibitzen. Umgestellt wird dabei, von Dahl zu Anderson, fraglos von Klassenkampf auf Psychodrama - jeder kämpft hier, bei seinem lateinischen Namen gerufen, psychotherapeutisch sehr viel eher für sich als für eine bessere Gesellschaft. Neurosen interessieren Anderson weit mehr als Eigentumsverhältnisse und wenn darin eine politische (oder auch nur überpersönlich-gesellschaftliche) Sicht auf die Gesellschaft steckt, dann wäre es die, dass nur, wer mit sich selbst und seinen Neurosen halbwegs im Reinen ist, in einer Gesellschaft der stets Beschädigten keinen anderen mehr beschädigt. ("Hurt people hurt people" - "Verletzte verletzen" - lautet der zentrale Aphorismus in Noah Baumbachs "Greenberg".)

 

Ja, es ist dies - bei Baumbach wie Anderson - eine Wohlstandsjüngelchenweltsicht. Was aber wieder für diese Sicht spricht, bei Anderson jedenfalls, ist: sein Wille zur Künstlichkeit einerseits, denn in diesem liegt programmatisch ein fraglos popgeschulter Verzicht auf authentizistische Unterkomplexität; und sein Wille andererseits, dem Schmerz in seiner destruktiven und selbstdestruktiven Kraft auf den Grund zu gehen, ohne die Verstrickung von Lust und Schmerz aus dem Blick zu verlieren, die Möglichkeit also nicht zuletzt, aus dem Schmerz auch Lust zu ziehen (durch Sublimierung - in/als Anderson-Kunst).

 

Und dies alles, Schmerz wie Lust, Lust am Schmerz, Schmerz über Lust, findet zur Form, die den Widerspruch austrägt: in ihrer obsessiven Fetischisierung des Aufgeräumten, des Abgedichteten, des Verpackten und des Verdosten ebenso wie in ihrer Lust an mal sanfter, mal rabiater Exzentrik, an anarchischem Handstandüberschlag, an der Bewegung des Wolfs vor der Stadt und dem Tanz von Familie und Freunden im Supermarkt. Das bleibt gewiss deformiert von einem oft bestürzenden Zwang, bei alledem immer cool auszusehen, die richtige Musik zu spielen und hippe Kleidung zu tragen. Wenn man ehrlich ist, lehren die stets hinreißenden Filme von Wes Anderson aber mindestens dies: Auch fantastische Hipster-Füchse kennen echten Schmerz.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de

 

Der fantastische Mr. Fox

USA 2009 - Originaltitel: The Fantastic Mr. Fox - Regie: Wes Anderson Deutsche Stimmen: Andrea Sawatzki, Christian Berkel - FSK: ab 6 - Länge: 87 min. - Start: 13.5.2010

 

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