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Faites vos jeux 

 

 

 

Wenn ich in Berlin in der S-Bahn sitze und sehen will, ob die beiden Hälften vom brandneuen Hauptbahnhof zusammengewachsen sind, ist das Bild unklar, weil eine Handschrift dazwischen ist: Die Scheiben sind zerkratzt. Klar ist dagegen, daß jemand, den ich nicht kenne, meine Perspektive gestaltet. Ein Chaot? Ein Künstler? Beides trifft zu, wenn man es mit der Kieler Filmgruppe Chaos, der Akas-Crew aus Bremen (»Alles könnte anders sein«) und der Copyright Violation Squad zu tun hat. Was zerkratzt ist, das sind in »Faites vos jeux« jetzt nicht die Scheiben der S 8 in Berlin, sondern das auf Super 8 transferierte digitale Material von 18 Film- und Musikgruppen aus aller Welt, downgeloaded. Gesehen haben sich die Gruppen nicht, wohl aber haben sie gechattet, einige jedenfalls, und dann machen die Kieler Scratcher Karsten Weber und Martina Stache Schluß mit TV, Video und Internet: Das erbeutete Material – von Home Movie, Hollywood, Bollywood zu Werbeclip, Künstlervideo und »Tagesschau« – ist jetzt gekennzeichnet, gern auch in Milch getaucht, Graffiti draufgesetzt, die Chaos-Marke. Der abendlange, unterhaltsame Film hat im altmodischen Kino seinen Platz, und im tag am Tag drauf. Wir sind also grade nicht auf dem Neuen Markt. 

 

Sieht so die »Globalisierung von unten« aus? Die doch sonst so klare Filmemulsion ist mit Schmirgelpapier, Locher, Säure und Skalpell beschädigt, sorry: gestaltet worden. Das waren Experimentaltechniken der siebziger Jahre gewesen. Sie haben heute ihren Nutzen, wenn jemand dran geht, sich die Bilder, die weltweit umherfluten, zu eigen zu machen. Von den Siebzigern (Rudi Carell in der TV-Show, Hanns-Martin Schleyer in der Gefangenschaft) bis zu den globalrepräsentativen WTC-Towers: Das Roulette der Materialkompilation und Filmbearbeitung ist geglückt. Das Spiel ist aus. »Faites vos jeux« ist da: frech, jung, schön. Mir hat’s gefallen. Allerdings werden die Chaotenkünstler von den Ordnungsmächten was zu hören kriegen. Ist der Unterhaltungsfilm-von-unten diskursiv abgesichert? Ästhetisch innovativ? Politisch zureichend artikuliert? Hat sich da wer überhaupt um Urheberrechte geschert? 

 

Könnte sein, daß früher oder später jemand den großen Hammer rausholt. – So geht’s, wenn es die pure Wut und die grandiose Unbedenklichkeit sind, mit denen der Chaot, der Künstler ist, seinen tag und seine Duftmarke setzt und zwischen Grünau und Nordbahnhof die Scheiben der S 8 zerkratzt.

 

Dietrich Kuhlbrodt 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret 02/2003

 

Faites vos jeux 

Regie: Karsten Weber/Filmgruppe Chaos; mit Rudi Carell, Hanns-Martin Schleyer; BRD 2002 (Filmgruppe Chaos); 90 Minuten; ab 4. Februar 2003 in Programmkinos    

 

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