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Fahrstuhl zum Schafott

Sie liebt ihn. “Je t'aime, je t'aime," sagt sie ins Telefon, in jener verzweifelten Nahaufnahme, mit der Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“ (1958) beginnt. Er muss das wissen, weil er für beide einen Mord begehen wird. Die Frau ist Jeanne Moreau in ihrer ersten Filmrolle, sie wirkt wie erdrückt vom Schmerz der Liebe. Sie spielt Florence, die Frau des Millionärs und Waffenhändlers Simon Carala (Jean Wall). Ihr Liebhaber, Julien Tavernier (Maurice Ronet) ist ein Fallschirmspringer, der in Indochina und Algerien gedient hat, in Kriegen, die Carala reich machten. Jetzt arbeitet er für Carala - und er wird ihn töten und seine Frau nehmen.

 

Weil Julien ungehinderten Zugang - und ein Motiv - hat, muss dies ein perfektes Verbrechen werden. Malle, der beim sorgfältigen Genie Robert Bresson in die Lehre gegangen ist, widmet den kleinen Details der Ermordung eine liebevolle Genauigkeit. Nach Büroschluss gelangt Julien mit einer Leiter und einem Haken in den ersten Stock und durch ein Fenster von Simons Büro. Er erschießt ihn, lässt es wie einen Selbstmord aussehen, verriegelt die Tür von innen und steigt aus dem Fenster. Das elegante kleine Rätsel eines verschlossenen Zimmers. Anschließend klettert er herunter und macht sich auf, um seine Geliebte zu treffen.

 

Dummerweise hat er eine Spur hinterlassen. Der Abend dämmert bereits. Aber vielleicht hat es noch niemand bemerkt. Er eilt zurück ins Bürohaus, betritt einen Fahrstuhl, aber dann wird der Strom des Gebäudes für die Nacht abgedreht und er ist gefangen zwischen den Stockwerken. Die ganze Zeit über sitzt Florence in dem Café, wo ihr Rendezvous geplant war, und sie wartet. Und dann, in einer Reihe von Einstellungen, für die der Film berühmt wurde, läuft sie durch die Straßen, sucht sie alle Orte auf, an denen sie oft zusammen waren, auf der Suche nach dem Geliebten, von dem sie glaubt, er habe sie verlassen.

 

Moreau spielt dies nicht mit dem Ausdruck wachsender Angst sondern in einer Art masochistischer Verzweiflung, als erwarte sie schon gar nicht mehr, Julien zu finden. Es regnet, und durchnässt wandert sie durch die Nacht. Malle drehte ihre Szenen mit einer Kamera, die in einem Kinderwagen lag und vom Kameramann Henri Decae neben ihr hergeschoben wurde. Decae hatte zuvor zusammen mit Jean-Pierre Melville an einem anderen großen Noir jener Periode gearbeitet: „Bob le Flambeur“(1955). Ihr Gesicht wird oft nur von den Lichtern der Cafés und Geschäfte, an denen sie vorbeikommt, erhellt; in einer Zeit, in der Schauspielerinnen sonst nur gut ausgeleuchtet gefilmt wurden, waren solche Szenen schockierend - und sie beeinflussten etliche Filme danach. Wir stellen fest, dass Florence ein bisschen wahnsinnig ist. Und der improvisierte Jazz-Soundtrack von Miles Davis scheint ebenso zu dieser Nacht zu gehören wie sie.

 

Währenddessen versucht Julien verzweifelt, sich aus dem Fahrstuhl zu befreien. Und es gibt eine Parallelhandlung. Sein geparkter Wagen wird von einem Teenagerpärchen geklaut - vom Angeber Louis (Georges Poujouly) und seiner Freundin Veronique (Yori Bertin). Sie geraten in ein kleines Wettrennen mit einem Deutschen und seiner Frau, und die Touristen laden sie – ziemlich unerwarteterweise – ein, mit ihnen im Hotel etwas zu trinken. Diese Party endet mit Mord und die Polizei verdächtigt natürlich Julien, weil sein Wagen am Tatort gefunden wird.

 

Je mehr große französische Kriminal-Filme der fünfziger Jahre ich sehe, desto früher scheint mir die Dämmerung der Nouvelle Vague zu beginnen. Die Arbeiten von Melville, Jacques Becker und ihrer Zeitgenossen gebrauchen den gleichen unmittelbaren und sprunghaften Low-Budget-Stil, der von Truffaut in „Jules und Jim“ und von Godard in „Außer Atem“ (der dem Teenagerpärchen von „Fahrstuhl zum Schafott“ einiges zu verdanken hat) angewandt wurde. Malle avancierte zum offiziellen „Novelle Vaguer“ and „Fahrstuhl zum Schafott“ könnte man natürlich als den ersten Nouvelle Vague-Film bezeichnen, nur was war dann „Bob le Flambeur“?

 

 

Diese Noirs der fünfziger Jahre lassen die Formalitäten traditioneller Kriminalfilme weg, diese fast rituelle Unterwerfung unter eine Formel, und zeigen verrücktes Zeug, das Leuten widerfährt, die, so scheint es, sich ihr Leben nebenbei neu erfinden. Die Ironie des Julien ist, dass er, gefangen im Fahrstuhl, ein perfektes Alibi hat für die Morde, deren er verdächtigt wird, aber auswegslos mit jenem verbunden ist, mit dem er beinahe nichts mehr zu tun gehabt hätte. Und beachten Sie, wie Moreau mit ihrer Festnahme wegen Prostitutionsverdacht umgeht. Sie ist so niedergeschlagen, dass es ihr kaum noch etwas ausmacht, und überhaupt: Behandelt man so die Frau eines einflussreichen Mannes? Selbst dann, wenn sie am liebsten tot wäre?

 

Übrigens: Der Film wird in einem wunderschön restaurierten 35-Millimeter-Format wiederaufgeführt, das zugleich als Mahnung gelten kann: Schwarzweiß nimmt einem Film nichts weg, es fügt ihm etwas hinzu.

 

Roger Ebert

 

Übersetzung aus dem Englischen: Andreas Thomas

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 16. September 2005 in: Chicago Suntimes

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Fahrstuhl zum Schafott

L' ASCENSEUR POUR L'ECHAFAUD

Frankreich - 1957 - 90 (Orig. 92) min. – schwarzweiß - Verleih: NEF - Erstaufführung: 29.8.58/30.9.63 ZDF/5.1.80 DFF 1/1989 Neustart - Produktionsfirma: Nouvelles Editions de Films - Produktion: Jean Thuillier

Regie: Louis Malle

Buch: Roger Nimier, Louis Malle

Vorlage: nach dem Roman von Noël Calef

Kamera: Henri Decaë

Musik: Miles Davis

Schnitt: Léonide Azar

Darsteller: Maurice Ronet (Julien Travernier), Jeanne Moreau (Florence Carala), Georges Poujouly (Louis) ,Yori Bertin (Véronique), Lino Ventura (Inspektor Chérier)

 

 

 

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